Josef Schrammel posiert mit Wasserpfeife und Fes (Juni 1870, Konstantinopel). 
- © Heimatmuseum Litschau

Josef Schrammel posiert mit Wasserpfeife und Fes (Juni 1870, Konstantinopel).

- © Heimatmuseum Litschau

Die Schrammelmusik ist einer der raren Fälle, bei denen ein Familienname zum Genrebegriff geworden ist. Die Brüder Johann und Josef Schrammel revolutionierten Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrem gleichnamigen Quartett die Wiener Volksmusik derartig, dass noch zu ihren Lebzeiten die "Schrammelmusik" zum stehenden Begriff wurde. Größen wie Johann Strauss und Johannes Brahms zählten zu ihren Fans.

Die aus dem Vorort Neulerchenfeld stammenden Brüder spielten in den Salons der Wiener Aristokratie und des Großbürgertums - als weniger bekannt gilt, dass Josef Schrammel als Jugendlicher auch einmal im Serail von Konstantinopel aufgetreten ist.

Gerade in diesen Tagen jährt sich der Aufbruch Josef Schrammels in den Vorderen Orient zum 150. Mal. Eine gut eineinhalb Jahre dauernde Tour führte den damals 17-jährigen Musikersohn 1869 aus Neulerchenfeld nach Smyrna (Izmir), von dort nach Konstantinopel (wie Istanbul seinerzeit international noch genannt wurde), weiter nach Ale-xandrien, Kairo und an den gerade erst eröffneten Suezkanal. Wunderlicher Höhepunkt der Reise war die erwähnte Darbietung im Sultanspalast von Konstantinopel, wo Schrammel gemeinsam mit einigen anderen Musikanten vor dem Harem auftrat: ein Ereignis, das heimischen Publizisten später zu den schauerlichsten Legenden Anlass bot, verliebte Haremsdame und Flucht inklusive.

Südbahn nach Triest

Die Wirklichkeit war zwar etwas weniger spektakulär, und doch war diese Orientfahrt, die in die Frühzeit des mit Eisenbahn und Liniendampfschiffen organisierten Fremdenverkehrs fiel, im Ganzen ein bemerkenswertes Abenteuer. Einerseits standen Schrammel bereits die ersten modernen Verkehrsmöglichkeiten zur Verfügung, andererseits reiste er noch im herkömmlichen, das heißt rein praktisch orientierten Modus: nicht zu Vergnügungs-, sondern zu Geschäftszwecken. Ihm dabei - über seine inzwischen edierten Reiseaufzeichnungen - zu folgen, heißt vielerlei über die Reisemodalitäten, Lebensumstände und das Leben eines Musikers des 19. Jahrhunderts zu erfahren.

Am 9. Dezember 1869 ging es mit dem Fiaker von Neulerchenfeld in Richtung Meidling, wo man sich stilecht noch einmal mit Frankfurtern und Wein labte. Mit Josef Schrammel reisten dessen Tante, Katharina Schütz, und deren als reiselustig beschriebener Gatte Balthasar Schütz, beide Volksmusikanten (sie Sängerin und Gitarristin - er Sänger, Gitarrist und Geiger), sowie eine junge Dame namens Lini (wohl Karolina), die in den Aufzeichnungen als Cousine bezeichnet wird.

Josef Schrammel mit seiner Tante, Katharina Schütz, und deren Ehemann Balthasar Schütz (Juni 1870, Konstantinopel). - © Imagno/Wiener Stadt- und Landesbibliothek
Josef Schrammel mit seiner Tante, Katharina Schütz, und deren Ehemann Balthasar Schütz (Juni 1870, Konstantinopel). - © Imagno/Wiener Stadt- und Landesbibliothek

Vermutlich mit dem Abendzug, der damals fast 24 Stunden dafür brauchte, begab man sich per Südbahn nach Triest. Bevor man in der österreichischen Hafenstadt den Lloyd-Dampfer bestieg, wurde Gott noch um Gesundheit und gutes Wetter gebeten. Leider mit wenig Erfolg: Angesichts von "zwei Stock hohen Wellen" kamen die Passagiere vor Furcht und Übelkeit tagelang nicht aus den Betten. Nach derlei Strapazen und mehreren Zwischenhalten landeten Schrammel und die Seinen nach einer Woche endlich im kleinasiatischen Smyrna, dem heutigen Izmir.