Dort wurden sie von einem gewissen Herrn Weidmann erwartet. Die Schilderung belegt, dass eine Spielvereinbarung - vermutlich telegrafisch - bereits von Wien aus getroffen worden sein muss. Weidmann betrieb ein Kaffeehaus im sogenannten Frankenviertel der Stadt. Als "Franken" wurden Fremde aus dem westlichen Kulturraum bezeichnet, die sich häufig in eigenen, entsprechend europäisch geprägten Stadtvierteln aufhielten.

Diese Fremden im Morgenland stellten das Zielpublikum der Truppe dar, die ihnen einen "musikalischen Gruß" aus der Heimat brachte - bisweilen bildete sich offenbar ein regelrechtes Stammpublikum heraus. Aufgeführt worden sein dürften überwiegend Salonlieder und Tänze. Auch erste eigene Kompositionsversuche Schrammels, der seit frühester Jugend Erfahrungen im Ensemble seines aus dem Waldviertel nach Wien zugewanderten Vaters gesammelt und eine musikalische Ausbildung genossen hatte, sind überliefert.

Aus Schrammels Notizen geht hervor, dass er, seine Tante und sein Onkel offenbar gut gefielen, die Sängerin Lini aber ausgepfiffen zu werden drohte. Sie wurde daher bei nächster Gelegenheit heimgeschickt, und auch das Engagement in Weidmanns Kaffeehaus zerschlug sich bald. Es mangelte aber, wohl weil man weiterempfohlen wurde, nicht an Alternativen: Vorerst trat man nun in einer Gaststätte im Zentrum von Konstantinopel auf, danach einige Wochen in einem Gasthaus in Kadiköy, einer auf der asiatischen Seite gelegenen Vorstadt.

Wanzen, Flöhe, Feuer

In einer längeren Spielpause ergab es sich nun, dass Schrammel gemeinsam mit elf fremden Musikern ins Serail gerufen wurde: "Mittwoch den 4ten [Mai] kam Herr Sarava und sagte, ich solle mit ihm spielen im Sultan-Palais, ich bekomme 20 Franken, ich ging mit ihm. Wie wir (nämlich 12 Mann) ins Palais kamen, so führten uns einige schwarze Diener in ein schönes Zimmer, da sagte er, dass gleich etwas zu essen kommen wird. In einer Viertelstunde kam dasselbe, wir aßen, aber echt türkisch, nämlich: Alles, was nur zu essen aufgestellt wurde, mussten wir mit den Fingern herausnehmen, dann nach dem Essen kam ein türkischer Kaffee und dann wurden wir in einen Garten geführt, wo 300 türkische Frauen sich ergötzten an unserer Musik. Da spielten [wir] 4½ Stunden, dann bekamen wir vom ersten Diener des Sultans unser Geld, wurden wieder durch die schauerlichen geheimen Gänge hinausgeführt und so gingen wir nach Haus."

Ganz so geheimnisvoll, wie er erscheinen mag, war dieser Auftritt vielleicht gar nicht: In den eigentlichen Haremsbereich, der streng dem Sultan, den Prinzen und den sogenannten Schwarzen Eunuchen (entmannten Sklaven aus Afrika) vorbehalten war, kann Schrammel nicht vorgedrungen sein. Der Hof wandte sich zudem seit der Auflösung der Janitscharen (1826) mehr und mehr der europäischen Musik zu. Dies wurde durch die sogenannten Tanzimat-Reformen, die eine bürgerliche Gesellschaft nach westlichem Vorbild begünstigten, noch verstärkt. Abendländische Musiker waren im Serail also hochwillkommen.