Nach einem erfüllten, aber aufreibenden Leben als hervorragender Rechtsgelehrter und letzter k.k. Ministerpräsident starb Univ.-Prof. Dr. Heinrich Lammasch am 6. Jänner 1920 in Salzburg. Sein Tod fand nur geringe Beachtung. Stefan Zweig berichtete erschüttert von dem Begräbnis mit nur fünf Trauergästen: "So begräbt man die Besiegten unsterblicher Ideen." Während Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf im Mai 1925 auf seinem letzten Weg zum Hietzinger Friedhof von über 100.000 Menschen begleitet wurde, geriet Heinrich Lammasch zunehmend in Vergessenheit.

Dabei gehörte der stets um Ausgleich bemühte Völkerrechtsexperte nicht zu den von Christopher Clark so eindrucksvoll beschriebenen politischen "Schlafwandlern": Lammasch warnte im Sommer 1914 vor der ständig steigenden Kriegsgefahr. Er trat nach Kriegsausbruch gegen Völkerrechtsverletzungen auf und befürwortete nach dem Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie 1918 die Errichtung einer unabhängigen, neutralen Republik.

Am 21. Mai 1853 wurde Heinrich Lammasch als Sohn des Juristen und Notars Heinrich Lammasch und seiner Frau Anna im Hofrichterhaus des Ortes Seitenstetten (Niederösterreich) geboren. Bald danach übersiedelte die Familie nach Wiener Neustadt und weiter nach Wien. Nach dem frühen Tod seines Vaters besuchte der junge Heinrich das Schottengymnasium in Wien und studierte anschließend Rechtswissenschaft an der Universität Wien. Im Jahr 1876 promovierte er mit ausgezeichnetem Erfolg zum Dr. iur., sechs Jahre später wurde der 29-Jährige an der Universität in Wien a.o. Professor für Strafrecht, dann 1885 in Innsbruck, Ordinarius für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Völkerrecht.

Heinrich Lammasch war 36 Jahre alt, als er 1889 erneut an die Universität Wien berufen wurde. Seine Arbeitsschwerpunkte waren die Strafrechtsdogmatik sowie das Auslieferungs- und Asylrecht. In den letzten Jahrzehnten der Monarchie erlangte Lammasch internationale Anerkennung, Karl Kraus würdigte in der "Fackel" das Eintreten des Rechtsgelehrten gegen veraltete Strafgesetze.

Wirken in Den Haag

1899 und 1907 nahm Lammasch als völkerrechtlicher Berater der österreichisch-ungarischen Delegation an den Haager Friedenskonferenzen teil. Er wurde Mitglied des dortigen Ständigen Internationalen Schiedshofs, war an seinen Entscheidungen beteiligt und amtierte zwischen 1900 und 1910 dreimal als dessen Präsident. Zudem war er als juristischer Berater des Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand tätig und Mitglied des Herrenhauses im österreichischen Reichsrat. 1912 wurde er mit dem Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft und im Juni 1914 an der Universität Oxford mit dem Ehrendoktorat ausgezeichnet.