Heinrich Lammasch war schon vor dem Ersten Weltkrieg für die Auflösung des Bündnisses mit dem Deutschen Reich und eine Annäherung an die Westmächte eingetreten. Er lehnte expansionistische Kriegsziele der Donaumonarchie ab und war Mitglied der Friedensbewegung. Nach der Meinung von Manfried Rauchensteiner zeigten sich der Charakter Lammaschs und sein eigenständiges, abwägendes Denken erstmals nach dem Sieg Österreich-Ungarns über Serbien im Dezember 1915: Damals unterzeichneten 855 Universitätsprofessoren der österreichischen Reichshälfte ein an den k.k. Ministerpräsidenten gerichtetes Manifest, in dem ein dauernder wirtschaftlicher Zusammenschluss des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns gefordert wurde. Die Unterschrift von Heinrich Lammasch fehlte auf diesem Dokument ebenso wie jene der Professoren slawischer Nationalität. Lammasch konnte der Parole "ein Schützengraben - ein Zollgebiet" nichts abgewinnen, wie auch Kreise aus der Industrie und dem Bankwesen.

Karl Graf Stürgkh, k.k. Ministerpräsident bis zu seinem Tod 1916. - © Archiv
Karl Graf Stürgkh, k.k. Ministerpräsident bis zu seinem Tod 1916. - © Archiv

Seine auf Ausgleich und Dialog gerichtete Gesinnung trat ein Jahr später wiederum zutage: Im Oktober 1916 gab es Bestrebungen, den bis dahin inaktiven Reichsrat wieder einzuberufen. Der k.k. Ministerpräsident Karl Graf Stürgkh leistete dagegen hinhaltenden Widerstand, weil er die Spannungen im Vielvölkerstaat nicht öffentlich sichtbar werden lassen wollte. Drei Professoren - darunter auch Lammasch - luden daraufhin für den 22. Oktober 1916 zu einer öffentlichen Veranstaltung in das Wiener Konzerthaus mit dem Thema "Das Parlament" ein. Bezeichnenderweise überließ Stürgkh die Entscheidung, ob die Veranstaltung zugelassen werden sollte oder nicht, dem Wiener Polizeipräsidenten Ferdinand Baron Gorup von Besánez, der diese am 20. Oktober 1916 absagte. Die Stimmung war gespannt. Tags darauf wurde Stürgkh beim Mittagessen in einem Hotelrestaurant am Wiener Neuen Markt von Friedrich Adler (1879-1960) erschossen.

Im Frühjahr 1917 machte sich eine allgemeine Kriegsmüdigkeit bemerkbar und alle Seiten stellten Überlegungen über Friedensverhandlungen an. Der damalige k.u.k. Minister des Äußeren, der eigenwillige und machtbewusste Graf Ottokar Czernin (1872-1938), setzte sich diesen Bestrebungen entgegen. Außerdem stand die Bestellung eines neuen Ministerpräsidenten zur Debatte, in die sich Czernin einmischte. Kaiser Karl I. begann diesbezügliche Gespräche mit dem Reichsratsabgeordneten Josef Redlich (1869-1936) und mit Heinrich Lammasch. Czernin war alarmiert, weil er beide Kandidaten ablehnte.

Weg zum Kriegsende

Wenige Tage, bevor Lammasch im Juli 1917 zu Kaiser Karl I. gerufen wurde, hatte er eine Aussprache mit Czernin. Im Rahmen dieser schlug Lammasch Czernin vor, dem Deutschen Reich ein Ultimatum zu stellen: Dieses sollte einer Abtrennung oder Autonomie Elsaß-Lothringens zustimmen, widrigenfalls würde Österreich einen Sonderfrieden mit Frankreich abschließen. Czernin lehnte dies ab und verhinderte, gemeinsam mit gleichgesinnten Kreisen, eine Bestellung Lammaschs zum Ministerpräsidenten.

Als Professor für Völkerrecht hatte sich Lammasch eingehend mit der Möglichkeit eines föderalen österreichischen Staatsmodelles beschäftigt, um einen Zerfall des Vielvölkerstaates zu verhindern. Kaiser Karl I., der im August 1917 an ein Ende des Krieges und an Friedensverhandlungen dachte, war von den Ideen Lammaschs hinsichtlich eines föderalen Nationalitätenstaates und der Realisierung des Selbstbestimmungsrechtes angetan. Doch die Versuche zur Umsetzung scheiterten am Widerstand der meisten politischen Kräfte. Auch Lammasch wurde von seiner eigenen "Deutschen Mittelpartei" auf das schärfste angegriffen und trat daraufhin aus der Partei aus.