In den Jahren 1917 und 1918 hielt Heinrich Lammasch im wieder einberufenen Herrenhaus des Reichsrats drei Reden, in denen er sich für einen Verständigungsfrieden einsetzte. In dem stenographischen Protokoll vom 28. Februar 1918 heißt es unter anderem: "Hören Sie darum meine Herren, auf die Stimme der Menschlichkeit, auf die Stimme der Vernunft, auf die Stimme der Christenheit. Der so genannte Siegfriede wäre nur ein fauler Friede, ein Waffenstillstand vor einem noch gewaltigeren und entsetzlicheren Waffengang." Seine Reden wurden von zahlreichen Anfeindungen und Zwischenrufen begleitet wie: "Wir wollen Krieg und Sieg!" Die geforderte Distanzierung vom Bündnispartner Deutschland wurde als Verrat angesehen. Dass man Lammasch im Reichsrat niedergeschrien hat, erschütterte nicht nur Karl Kraus. Auch Karl Renner stellte später fest, dass Lammasch mit seinen Warnungen recht gehabt hatte, aber damals nur Spott und Verwünschung erntete. Für Josef Redlich ist Lammasch der moralische Sieger geblieben, während alle Parteien versagt hätten.

Nach dem Scheitern der letzten Offensive des k.u.k. Heeres an der Piave im Juni 1918 und dem allmählichen Zusammenbruch der alten Ordnung veröffentlichte Kaiser Karl I. am 16. Oktober 1918 das Manifest an seine Völker, an dem Lammasch mitgearbeitet hatte. Das Manifest war als Instrument der Waffenstillstands- und Friedenspolitik gedacht. Am 27. Oktober 1918 wurde der damals 65-jährige Universitätsprofessor von Kaiser Karl I. als Nachfolger von Max Hussarek von Heinlein berufen. Ab 30. Oktober gaben Lammasch und seine Minister, darunter k.k. Finanzminister Redlich, die deutschösterreichischen Geschäfte an die Staatsregierung Dr. Karl Renner ab. Dieser reibungslose Übergang ist Heinrich Lammasch zu verdanken. Es gelang ihm auch, Kaiser Karl I. am 11. November 1918 im Schloss Schönbrunn zu einer Verzichtserklärung zu bewegen.

Neutrales Österreich

Am Nachmittag des 11. November 1918 wurde das Kabinett Lammasch vom Kaiser formell des Amtes enthoben. 1919 nahm er auf Einladung der Regierung Renner als Sachverständiger für Deutschösterreich an den Friedensverhandlungen in Saint-Germain-en-Laye teil. Er empfahl für Österreich einen neutralen Status nach dem Vorbild der Schweiz und entwickelte Vorschläge für eine europäische Friedensordnung im Rahmen des Völkerbunds. Gegen die allgemeine Haltung, die eine Vereinigung mit Deutschland forderte, trat Lammasch für einen neutralen Pufferstaat Österreich ein. Dies widersprach den Meinungen sowohl des Leiters als auch der anderen Mitglieder der Delegation und sein Aufsatz wurde konfisziert.

Gedenktafel an Lammaschs Geburtshaus in Seitenstetten (NÖ). - © CC/Anton-kurt
Gedenktafel an Lammaschs Geburtshaus in Seitenstetten (NÖ). - © CC/Anton-kurt

Dass man ihn als Gelehrten und erfahrenen Staatsmann mundtot machen wollte, belastete Lammasch sehr. Entrüstet verließ er 1919 die Friedenskonferenz. Einer seiner Mitstreiter bemerkte, "dass der alte Herr zu weinen begann, nachdem er das Friedensdiktat erhalten hatte".

Ein Jahr später starb Lammasch an den Folgen eines Schlaganfalls. Bis zu seinem Tod hatte er mit seiner Frau und seiner Tochter in Salzburg gewohnt. Beigesetzt wurde Lammasch in Aigen; auf Veranlassung seiner Familie erfolgte 1957 die Überführung seiner sterblichen Überreste in eine Gruft des Friedhofs von Bad Ischl. (Am Nachmittag des 15. März 2020 wird dort ein Gedenkveranstaltung mit Bischof em. Maximilian Aichern stattfinden, gefolgt von einer Gedenkmesse in der Kirche.)

Lammaschs Büste befindet sich im Arkadenhof der Wiener Universität. 1954 wurde in Wien-Floridsdorf die Lammaschgasse, 1998 in Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt), dem Sitz einer der ältesten Universitäten Deutschlands, ein Platz nach Heinrich Lammasch benannt. Am 20. April 2008 wurde an seinem Geburtshaus in Seitenstetten eine Gedenktafel enthüllt.