Puerto Williams ist eine abgelegene Siedlung im äußersten Süden von Chile und nennt sich stolz die südlichste Stadt der Welt. Die 2400 Einwohner verdienen ihr Geld vor allem mit Touristen, die von hier aus zu Kreuzfahrten in die Antarktis aufbrechen. Am Rand der Ortschaft steht ein kleines Museum, in dem die Geschichte von Feuerland und der dort lebenden Indianer erzählt wird. Das steil aufragende Dach des Gebäudes soll an ihre Zelte erinnern, der Eingang liegt im Osten, genau so, wie es bei den indigenen Völkern üblich war.

Von diesem Museum lässt sich ohne große Umwege eine Brücke nach Niederösterreich schlagen. Benannt wurde es nämlich nach einem Mann, der aus Maria Enzersdorf in die weite Welt aufgebrochen war. Sein Name: Martin Gusinde. Er war Priester, zugleich aber auch einer der bedeutendsten Völkerkundler seiner Zeit und erforschte die Indianer Feuerlands, bevor sie ausstarben.

Geboren wurde Gusinde am 29. Oktober 1886 im schlesischen Breslau, der Vater war Wurstmacher, die Mutter Schneiderin. Als Volksschüler erlebte der kleine Martin einen Umzug, der von der deutschen Kolonialbewegung organisiert worden war und der seine Leidenschaft für fremde Länder weckte. Das Interesse für Afrika und die Religiosität des Buben fanden zusammen und er beschloss, Missionar zu werden. Im Alter von fünfzehn Jahren trat Gusinde in die Gesellschaft des Göttlichen Wortes ein. Dieser katholische Orden hatte sich die weltweite Verbreitung des Christentums zur Aufgabe gemacht und wurde nach seinem Gründungsort als Steyler Missionare bekannt.

Lehrer in Chile

Martin Gusinde auf einem undatierten Foto. - © CC/Butterfly austral
Martin Gusinde auf einem undatierten Foto. - © CC/Butterfly austral

Fünf Jahre später übersiedelte Gusinde nach Niederösterreich, genauer gesagt in das Missionshaus Sankt Gabriel in Maria Enzersdorf, und setzte dort seine Ausbildung fort. Er war vielseitig interessiert, lernte Hebräisch und Griechisch, spielte Klavier, Violine und Zither, las Werke von Psychologen und Pädagogen. Seine große Leidenschaft war aber die Medizin. Er besuchte Vorlesungen an der Universität, arbeitete als Freiwilliger in Wiener Krankenhäusern und wurde Leiter der Krankenstation des Missionshauses, in dem zu jener Zeit 400 Studenten untergebracht waren.

1911 folgte die Weihe zum Priester und Gusinde bereitete sich auf seinen ersten Einsatz im Ausland vor. Sein Bubentraum von Afrika wurde aber nicht wahr. Der Orden schickte ihn stattdessen als Lehrer nach Chile, wo er an der deutschen Schule in Santiago Naturwissenschaften unterrichten sollte. Nach der Ankunft in Südamerika lernte er Spanisch und verbrachte seine Freizeit als freiwilliger Mitarbeiter im ethnographischen Museum, das erst kurz zuvor gegründet worden war. Gusindes Interesse an der Medizin führte dazu, dass er sich mit der traditionellen Heilkunde chilenischer Indianerstämme beschäftigte. Damit war die Brücke zur Völkerkunde gelegt: Bald darauf bekam er den Auftrag, zum Volk der Mapuche zu reisen und dort Objekte zu sammeln, um die Bestände des Museums zu vergrößern.