Gusinde war auf den Geschmack gekommen, denn kaum war er von dieser Reise zurück, plante er schon die nächste. Sie sollte ihn allerdings noch weiter in den Süden führen, nun wollte er nach Feuerland. Dort lebten mehrere indigene Völker, deren Existenz an der Kippe stand. Sie litten unter Krankheiten, die von Europäern eingeschleppt worden waren, vor allem die Tuberkulose forderte viele Opfer. Die ohnehin schon geschwächten Indianer wurden von Schafzüchtern, die sich Weidegründe sichern wollten, aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben. Als sie begannen, die Schafe der Siedler zu jagen, wurden Kopfprämien für jeden toten Indianer ausgesetzt. Schließlich kamen noch Horden von Goldsuchern, die eine weitere Gefahr für die Ureinwohner darstellten.

Die Zahlen sprechen eine erschütternde Sprache: 1834 gehörten noch 3000 Menschen zum Volk der Yamana, als Gusinde 1924 zum ersten Mal auf sie traf, gab es nur mehr 50 von ihnen. Es war offensichtlich, dass die Indianer dem Untergang geweiht waren, und Gusinde wollte sie erforschen, solange dies noch möglich war. Als er in Feuerland ankam, war er von den Bedingungen, unter denen die Indigenen lebten, schockiert, es "packte mich ein grauenhaftes Entsetzen über die Verwüstungen von Menschenleben unter diesen prächtigen Indianern. Sie, die rechtmäßigen Kinder ihrer Heimat, hatten ihr Land den Tausenden von Schafen überlassen müssen."

Eine Gruppe Yamana, 1883 fotografiert von William Singer Barclay (1871-1947). - © Archiv
Eine Gruppe Yamana, 1883 fotografiert von William Singer Barclay (1871-1947). - © Archiv

Gusinde suchte den Kontakt zu den Indianern, doch nach all den schlechten Erfahrungen, die sie mit Weißen gemacht hatten, blieben sie ihm gegenüber sehr zurückhaltend. Als das Eis schließlich gebrochen war, konnte Gusinde während seiner Reisen durch Feuerland bei unterschiedlichen Stämmen leben und wurde sogar mit feierlichen Riten in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Bei seiner Forschung arbeitete er mit den modernsten Mitteln seiner Zeit und zeichnete mit einem Phonographen die Lieder der Indianer auf. Heute sind dies die einzigen Tondokumente, die von ihnen erhalten geblieben sind.

Bilder des Alltags

Gusinde hatte noch ein weiteres Gerät im Gepäck, das den Indigenen unheimlich war und ihm den Beinamen "Schattenjäger" eintrug, nämlich einen Photoapparat. Die Indianer hatten Angst vor dem geheimnisvollen schwarzen Kästchen. Sie fürchteten, der Fremde würde ihre Seele darin einfangen und sie würde darin zugrunde gehen. Erst durch lange Diskussionen konnte Gusinde sie überzeugen, dass ihnen die Fotos keinen Schaden zufügen würden. Das Ergebnis waren zahlreiche Aufnahmen, mit denen er den Alltag der Indianer, aber auch ihre Feierlichkeiten festhielt. Mit diesen bis heute berührenden Bildern konnte Gusinde die untergehende und unwiederbringlich verlorene Kultur zumindest in Ansichten bewahren.

Gusinde unternahm vier Reisen nach Feuerland, die zusammen 22 Monate dauerten. Danach betrachtete er seine Feldforschungen als abgeschlossen und machte sich daran, das gesammelte Material aufzuarbeiten. Er kehrte dazu nach Österreich zurück, inskribierte in Wien Ethnologie und konnte dank seiner ausgiebigen Forschungen in Südamerika das Studium rasch abschließen.

Seine Arbeit erregte Aufsehen, Gusinde wurde in ganz Europa zu Vorträgen eingeladen und bald darauf konnte er ein Werk präsentieren, das in der Ethnologie neue Standards setzte: Er veröffentlichte zwei reich bebilderte Bände über die Indianer Feuerlands mit 1200 bzw. 1500 Seiten. Das monumentale Werk wurde in der Fachwelt mit Begeisterung aufgenommen, und Gusinde war damit zu einem weltweit bekannten Ethnologen geworden. Doch er erregte damit nicht nur in der akademischen Welt Aufsehen, seine Arbeiten stießen auch in der breiten Öffentlichkeit auf großes Interesse. Zu einem seiner Vorträge im Wiener Konzerthaus kamen beachtliche 1300 Zuhörer.