Die Frage der deutschen Ostgrenze hing unmittelbar mit dem Thema zusammen, über das es in Jalta die meisten und hitzigsten Debatten gab: Polen. Wie kein anderes Land in Europa hatte Polen unter der Naziherrschaft gelitten; es wurde nun zum Prüfstein für die alliierte Zusammenarbeit. In Teheran waren sich die drei lediglich darüber einig gewesen, dass Polen als Ausgleich für die im Osten an die Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete deutsche Gebiete erhalten sollte. Das war die berühmte Westverschiebung Polens. Die Frage war: wie weit nach Westen? Es war von der Oder die Rede gewesen. Churchill hatte sich bereit erklärt, Polen auch den Bezirk Oppeln zu geben. Damit war zugleich klar, dass er von der östlichen Neiße, der Glatzer Neiße gesprochen hatte. Beschlüsse waren nicht gefasst worden.

In Jalta verlangte Stalin jetzt als Grenze die westliche Neiße, die Görlitzer Neiße. Damit beanspruchte er ganz Schlesien für Polen. Churchill widersprach. Die Frage blieb offen und wurde mit der Formel zugedeckt, Polen im Norden und Westen einen beachtlichen territorialen Zuwachs zuzugestehen; die definitive Grenze sollte auf einer zukünftigen Konferenz festgelegt werden.

Der nächste Punkt betraf die politische Zukunft Polens. In sieben der acht Plenarsitzungen war das ein Thema. Stalin ignorierte die polnische Exilregierung in London und hatte die von ihm unterstützten Kommunisten in Warschau Anfang Jänner als rechtmäßige polnische Regierung anerkannt. Der schließlich erzielte Kompromiss entsprach den Realitäten - in Polen stand die Rote Armee - und ließ Roosevelt und Churchill ihr Gesicht wahren: Die kommunistische Regierung sollte durch Hinzuziehung von "demokratischen Führungskräften" auf "breiter demokratischer Basis" umgebildet werden und alsbald "freie und uneingeschränkte" Wahlen organisieren.

Roosevelt ließ seine ursprüngliche Forderung nach Bildung einer völlig neuen, aus Kommunisten und Exilpolitikern paritätisch besetzten Regierung ebenso fallen wie die Kontrolle dieser Wahlen durch die Alliierten. Für den amerikanischen Russlandexperten George F. Kennan war dies, wie er notierte, "ein besonders schäbiges Beispiel für Doppelzüngigkeit".

Der Krieg gegen Japan

Die Verständigung mit der Sowjetunion sollte nicht gefährdet werden, zumal Stalin auch einer "Erklärung über das befreite Europa" zustimmte, die ebenfalls vielseitig interpretierbar war. Die drei Regierungen verpflichteten sich da-rin, die von der Herrschaft Nazideutschlands befreiten Völker der ehemaligen europäischen Satellitenstaaten der Achse zu unterstützen und aufeinander abzustimmen.

Die befreiten Völker sollten in die Lage versetzt werden, "demokratische Einrichtungen nach ihrer eigenen Wahl zu schaffen". Roosevelt hatte damit eine jener öffentlichen Erklärungen, die ihm persönlich hilfreich sein würden, wie er sie schon in Teheran gewünscht hatte.

Damals wusste niemand in Washington, ob die Atombombe funktionieren würde und gegen Japan eingesetzt werden konnte. Also brauchte man die Sowjets. Stalin erfüllte Roosevelts Wunsch und verpflichtete sich, drei Monate nach Kriegsende in Europa in den Krieg gegen Japan einzutreten. Als Preis forderte er die Rückgabe dessen, was der Zar 1904/1905 im Krieg gegen Japan verloren hatte: Internationalisierung des Hafens von Dairen, Verpachtung des Flottenstützpunktes von Port Arthur, Verwaltung der chinesischen Ostbahn und der südmandschurischen Eisenbahn, Erwerb von Südsachalin und Anerkennung der Mongolischen Volksrepublik, die damit im Machtbereich Moskaus bleiben würde. Japan würde zudem die Kurilen an die Sowjetunion abtreten. Roosevelt stimmte zu, ohne seinen chinesischen Verbündeten Tschian-Kai-shek auch nur informiert zu haben.