Schon die Neandertaler kannten komplexe Bestattungsrituale. Das legt ein Grabfund der britischen Universität Cambridge nahe. Das Team geht davon aus, dass unsere Verwandten, von denen man annimmt, dass sie sich zwar verständigen, aber nicht sprechen konnten, ihren Toten nicht nur Blumen auf ihre ewige Reise mitgaben, sondern sie auch an eigens gewidmeten Orten über Generationen hinweg bestatteten.

Zum Hintergrund: Die nach Süden ausgerichtete Shanidar-Höhle in der dem Irak eingegliederten Autonomen Region Kurdistan gilt als Ikone der Neandertaler-Forschung. Der US-Archäologe Ralph Solecki fand hier, in einem Graben in vier bis sieben Meter Tiefe, im Zeitraum zwischen 1951 bis 1960 die sterblichen Überreste von zehn Frauen, Männern und Kindern. Er datierte sie auf ein Alter von 50.000 Jahren - das Maximum, das die Radio-Karbon-Methode damals erlaubte.

Mindestens drei Individuen lagen dicht aneinander. Bei einem Skelett aus dieser Dreiergruppe wurden die Überreste von Blütenpollen gefunden. Die Forscher gingen schon damals davon aus, dass sie die oberste Schichte einer noch größeren Gruppe darstellt und dass noch mehrere Individuen hier begraben seien. Solecki deutete seinen Fund als Nachweis für Kulturpraktiken: Schon die Neandertaler führten Begräbnisrituale durch. Ihre "Blumenbestattungen", wie er sie nannte, entfesselten die Vorstellungskraft und gaben der Fachwelt Anlass zu einer Neubewertung der Menschenart, die bis dahin als sprachlos und zudem als animalistisch gegolten hatte. Da der Zustand anderer in Shanidar gefundener Skelette auf schwere Verletzungen hindeutet, ging Solecki außerdem davon aus, dass die Neandertaler erkrankte Mitglieder ihrer Gruppe pflegten.

Kontrovers diskutiert wird die Frage, ob der Blütenpollen tatsächlich zu einem Ritual gehörte und ob die Neandertaler, die vor 230.000 Jahren bis 30.000 Jahren lebten, tatsächlich fähig waren, Kulturpraktiken zu entwickeln. Um diesen Fragen mit heutigen Analysemethoden auf den Grund zu gehen, lud die Autonome Region Kurdistan im Irak im Jahr 2014 Forscher ein, die Grabungen fortzusetzen. Wegen der Bedrohung durch die Terrororganisation IS konnte man erst 2015 beginnen. Das Archäologenteam um Emma Pomeroy und Paul Bennett suchte eigentlich nach aufschlussreichen Sedimenten, als es in sieben Meter Tiefe die Überreste eines weiteren Neandertalers fand. Der auf der Seite liegende, von Sedimenten fast platt gedrückte Schädel liegt auf der nach innen geknickten linken Hand wie auf einem Polster. Der Oberkörper ist fast bis zur Taille erhalten.

Orte des Totengedenkens

Pomeroy und ihre Kollegen gehen davon aus, dass das neue Individuum Teil der von Solecki gefundenen Gruppe ist. Während das Geschlecht noch analysiert werden muss, zeigte der Zustand der Zähne, dass es sich "um einen Erwachsenen mittleren Alters handelte", der im Grab "eine Einheit" mit den blumenbestatteten" Individuen bilde, berichten sie im Fachjournal "Antiquity".

"Der neue in direkter Nähe zu dem älteren Fund gibt uns die einmalige Gelegenheit, die Bestattungsrituale der Neandertaler mit modernen Methoden zu erforschen", schreibt das Team. "Dabei stellt sich die Frage, ob Begräbnisse immer am selben Ort stattfanden." Eine markante Felsformation in der Nähe könnte als Landmarke für einen frühen Friedhof gedient haben, in dem Generationen zu Grabe getragen wurden. Der Graben könnte eigens dafür angelegt worden sein. "Wenn Shanidar ein Ort der rituellen Bestattung und des Totengedenkens war, wäre das eine kulturelle Komplexität der höhren Ordnung", sagt Pomeroy.

Obwohl die Anatomie ihres Kehlkopfs vermutlich keine komplexen Worte zuließ, müssten die Neandertaler in der Lage gewesen sein, sich dazu auf hohem Niveau zu verständigen.