Im Dezember 1857 trifft der junge Kaiser Franz Joseph I. eine Entscheidung, die das Gesicht der Donaumetropole Wien für immer verändert: Die Stadtmauern werden geschleift und ein Prachtboulevard wird angelegt: die Ringstraße. Es ist der Beginn einer neuen Ära. Neureiche Familien, viele von ihnen jüdisch oder mit Wurzeln in Kleinasien, zieht es in die Millionenstadt des Habsburgerreichs. Mit Argwohn schaut der alte Adel auf sie herab, denn sie gelten als Emporkömmlinge, die alte Gesellschaftsstrukturen in Frage stellen.

Eine dieser Familien sind die Baltazzis. Den Brüdern gelingt es dank ihrer sportlichen Erfolge auf den Rennbahnen Europas, sich Ansehen beim Kaiser zu verschaffen. Sie werden die Jagdbegleiter von Kaiserin Sisi und gute Freunde des künftigen Königs von Großbritannien, Edward VII. Der ungewöhnliche Aufstieg der Familie nimmt jedoch mit ihrer Verwicklung in die Mayerling-Tragödie ein jähes Ende.

Sportliche Brüder

Immer schon sind die Baltazzis Kosmopoliten gewesen. Der Stammbaum der Familie reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, in dem Bernardo Baltazzi sich als Reeder in Venedig einen Namen gemacht hat. Dreihundert Jahre später verschlägt es den Händler Evangelos nach Smyrna in Kleinasien. Er heiratet eine Griechin, führt das Reedereigeschäft seiner Familie weiter und zieht als Bankier nach Konstantinopel. Im Palast des Sultans erhalten die Baltazzis den Titel "Ofenheizer", eine Auszeichnung für die damalige Zeit. Sohn Theodor tritt in die Fußstapfen seines Vaters Evangelos. Der junge Bankier bereist Europa, arbeitet in Paris und verliebt sich in eine Engländerin aus gutem Haus. Eliza Sarell ist die Tochter des Schatzmeisters der Britischen Levant-Company. Die Heirat verbindet nicht nur zwei angesehene und wohlhabende Familien. Sie macht die Baltazzis Mitte des 19. Jahrhunderts zu wichtigen europäischen Geschäftspartnern, die bald schon die Rothschilds zu ihren Freunden zählen.

Theodor wird zum Wirtschaftsberater des reformwilligen Sultan Abdülmeçid I. ernannt und häuft sein Vermögen als Pächter der Maut für die Galata-Brücke an. Mit einem französischen Partner gründet Baltazzi 1845 die erste Ottoman Bank in Istanbul, die allerdings nach wenigen Jahren in Konkurs geht. In ihrer schmucken Villa in Pera, dem Europäerviertel am Bosporus, genießen Theodor und seine Frau indes ihr Familienglück. Zehn Kinder bringt Eliza zur Welt. Die Buben Alexander, Aristides, Hector und Henry sind schon von klein auf pferdevernarrt. Ihre Schwester Helene, die spätere Baronin Vetsera, gilt mit ihren dunklen Haaren und verführerischen Augen als das schönste Mädchen von Konstantinopel.

Lizzie, die Älteste, macht eine gute Partie, als sie den englischen Baron Nugent ehelicht und nach London zieht. 1860 stirbt Theodor plötzlich und hinterlässt seiner Familie ein Vermögen von 10 Millionen Gulden (was heute rund 126 Millionen Euro entspricht).

Liebe zu Pferden

Alexander (l.) und Hector Baltazzi. - © Hofphotograph M. Huber
Alexander (l.) und Hector Baltazzi. - © Hofphotograph M. Huber

Vier Jahre später, kurz vor Elizas Tod, wird Tochter Helene mit Albin Vetsera, einem Legationssekretär aus Österreich-Ungarn, vermählt. Der Diplomat könnte Helenes Vater sein. Er ist 39, die Braut erst 17. Von Liebe kann nicht die Rede sein, es geht hauptsächlich um Geld und Prestige. Albin übernimmt für die Geschwister seiner jungen Gemahlin die Vormundschaft. Für die Kinder beginnt eine unstete und rastlose Zeit. Die älteren Brüder bleiben Monate lang bei der ältesten Schwester Lizzie in England. Häufig pendeln sie zwischen London, Paris und Konstantinopel - bis sich die Vetseras und die jüngeren Baltazzi-Geschwister auf Dauer in Wien niederlassen.

Die Geschwister verbindet ihr Ehrgeiz und ihre Liebe zu Pferden. Jede Villa, in der die Baltazzis wohnen, verfügt über einen Reitstall. Auch ihr neuer Wohnsitz am Donaukanal. Die Nähe zum Prater hat den Vorteil, dass Helene und ihre Brüder regelmäßig in der Freudenau ausreiten können. Schon als Vierzehnjähriger ist Hector auf Hengsten durch Wiesen und Wälder galoppiert. Mit 26 nimmt er als Jockey an den ersten Rennen in England teil. Der schneidige Reiter mit dem Oberlippenbart und den durchdringenden blauen Augen macht sich einen Namen. Bei 180 Rennen - darunter Derbys und die gefürchteten "Steeplechases" - geht er als Sieger hervor.

Kisbérs Erfolgslauf

Der Zeitpunkt könnte kaum günstiger sein. Zwischen 1870 und 1890 erfasst das Pferdefieber auch die Habsburger Monarchie. Die Rennbahnen Europas werden zu einem neuen Begegnungsort, wo Standesdünkel auf einmal verschwinden. Mitglieder des Kaiserhauses, Adelige, Großbürgerliche und Angehörige der "Dritten Gesellschaft", zu der die Baltazzis zählen, geben sich dort ein Stelldichein. Die Geschwister wollen dazugehören und leben auf großem Fuß. Sie seien schwer verschuldet, munkelt man. Alexander und Aristides setzen alles auf eine Karte: ihren Hengst Kisbér.

Das Pferd stammt aus einem ungarischen Gestüt und wird von Joseph Hayhoe, dem Trainer der Rothschilds, ausgebildet. Der Tag des Epsom Derbys 1876 wird wie ein Feiertag von den Engländern begangen. Das Unwahrscheinliche wird wahr: Kisbér läuft als Erster über die Zielgerade. Für die Bevölkerung und die Medien ist der Sieg eines "fremden" Pferdes auf den Britischen Inseln eine wahre Sensation. Die "Baltazzi Brothers" gehen mit einem Preisgeld von 100.000 Pfund nach Hause und werden von Queen Victoria zum Abendessen auf Schloss Windsor geladen. Der englische Thronfolger Prinz Edward ist ebenso begeistert und schließt Freundschaft mit den Gewinnern. Die Erfolgssträhne hält an. Auch beim "Grand Prix de Paris" gewinnt Kisbér. In nur wenigen Jahren sind die Baltazzis in ganz Europa bekannt geworden.

Kisbér, der Hengst von Alexander und Aristides Baltazzi. - © Archiv
Kisbér, der Hengst von Alexander und Aristides Baltazzi. - © Archiv

Kaiser Franz Joseph wird auf die erfolgreichen Brüder aufmerksam und bittet sie zu einer seiner kurzen Audienzen, um sie zu beglückwünschen. Die reitbegeisterte Kaiserin Elisabeth lernt Aristides und Hector durch ihre Schwester Marie anlässlich einer Jagd auf Belvoir Castle kennen. Die charmanten, liberal gesinnten Reiter sind der exzentrischen Sisi auf Anhieb sympathisch. Sie werden ihre treuen Begleiter und gern gesehene Gäste auf ihrem ungarischen Jagdschloss Gödöllö.

Ari, wie Elisabeth Aristides nennt, weicht bei Geländeritten nicht von ihrer Seite und reicht ihr Seidenpapier, mit dem sie sich Schweiß aus dem Gesicht wischt. Die Kaiserin sehe aus wie ein Engel und reite wie der Teufel, scherzen die Brüder, wenn sie mit ihr durch die ungarische Puszta traben. Für ihre Reiterclique bleibt Sisi jedoch trotz aller Sympathie und gemeinsamer Interessen unnahbar.

Helene findet sich nur schwer damit ab, nicht zur "Ersten Gesellschaft" in Wien zu gehören. Sie ist ehrgeizig und inszeniert sich - als Dame in den Palais der Haute-Volée, als großzügige Gastgeberin und auf der Rennbahn, wo man ihre Brüder wie Stars behandelt. Auch an den kaiserlichen Fuchsjagden nimmt sie teil. Dem Kaiser fällt sie jedoch bald unangenehm auf. Gegenüber Sisis Hofdame beklagt sich Franz Joseph einmal über die lästigen Avancen, welche die Baronin seinem Sohn Rudolf mache. Besonders sympathisch sind die Baltazzis dem Kaiser ohnehin nicht. Ihm missfällt, dass sich seine "Engels-Sisi" so gut mit den attraktiven Sportlern versteht. Außerdem nimmt jetzt sogar seine Freundin, die Burgschauspielerin Katharina Schratt, Reitstunden bei Hector.

Baron Vetsera ist oft auf Reisen. Die vier Kinder Ladislaus, Hanna, Mary und Franz Albin werden zum Teil von Helenes Bruder Alexander erzogen. Die Mutter verwöhnt sie und will sie in die hohe Gesellschaft einführen. Mary und Hanna bekommen teure Roben aus Paris, die sie den Schaulustigen in der Freudenau präsentieren. In den Gazetten berichten Journalisten über die Kleiderwahl der Mädchen und ihr Mitwirken an Wohltätigkeitsfesten.

Tod von Marys Bruder

Doch ein erster Schicksalsschlag trübt das sorglose Leben der Familien Vetsera und Baltazzi, als Helenes ältester Sohn Ladislaus beim verheerenden Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881 ums Leben kommt. Vor allem Mary, sonst ein so temperamentvolles und lebhaftes Mädchen, trifft der Tod ihres Bruders hart. Sie wird melancholisch und hinterfragt den Sinn des Lebens. Sechs Jahre später stirbt Helenes Gatte Albin in Kairo. Die Familie verbringt den Winter in Ägypten. Die Gesellschaft tratscht über eine Affäre zwischen Mary und einem englischen Offizier. Bestätigen will man es freilich nicht. Man spricht auch von einer möglichen Heirat der jungen Baronesse mit dem portugiesischen Thronanwärter Miguel von Braganza. Helene ahnt vorerst noch nicht, dass ihre Tochter längst für einen anderen Mann schwärmt.

Wahrscheinlich war es im Frühjahr 1888, als Mary den Kronprinzen Rudolf zum ersten Mal bei einem Rennen in der Freudenau gesehen hat. Wie viele junge Damen in ihrem Alter ist sie ihm ganz verfallen und bereit, alles in die Wege zu leiten, um ihn zu treffen. Oft besucht Helene ihren jüngeren Bruder Henry in Pardubitz, dem böhmischen Zentrum für Pferderennsport. Dort befreundet sie sich mit Sisis Lieblingsnichte, der Gräfin Marie Larisch-Wallersee. "Die kleine Wallersee" hat ihre schöne Tante mehrmals auf den Jagden begleitet und stellt ihr Pferd in Henrys Reitstall unter. Marie Larisch und Henry beginnen ein heimliches Verhältnis, aus dem zwei Kinder hervorgehen. Ein Geheimnis, das sie zeit ihres Lebens für sich behalten.

Sooft Gräfin Larisch nach Wien fährt, besucht sie auch Helene in ihrem Palais in der Salesianergasse. Sie wird zur Vertrauensperson von Hanna und Mary, die ihre Chance sieht, auf diese Weise dem Kronprinzen näher zu kommen. Ob beim Eislaufen, bei den Ausfahrten im Prater oder auf Bällen - die Gedanken der Baronesse kreisen nur um Rudolf. Zu diesem Zeitpunkt ist der Kronprinz bereits seelisch und körperlich schwer angeschlagen.

Seine Ehe mit Stephanie von Belgien, die so harmonisch begonnen hat, ist zum Desaster geworden. Wegen einer Geschlechtskrankheit wird er nicht den ersehnten Sohn in die Welt setzen können und auch politisch sind ihm die Hände gebunden. Der Kaiser und seine Berater können mit Rudolfs liberalen und fortschrittlichen Ideen nichts anfangen. Immer seltener ist der Kronprinz nachts zu Hause, immer öfter vertreibt er sich die Zeit mit seinen Geliebten. Jene Gräfin Larisch schaltet sich als Kupplerin ein und arrangiert für Mary und Rudolf heimliche Rendezvous. Mit ihrer Hilfe gelingt dem jungen Paar am 28. Jänner 1889 die Flucht auf Rudolfs Jagdschloss in Mayerling.

Der sonst so pflichtbewusste Kronprinz sagt Termine und ein Abendessen mit der Familie ab. Er gibt eine Verkühlung als Grund an. Im Zweispänner holt er Mary vom Gasthaus "Roter Stadl" ab. Von einer "Entführung" ihrer Tochter wird Helene Vetsera nach der Tragödie sprechen. Am folgenden Tag treffen Rudolfs Freunde Graf Hoyos und Prinz Coburg in Mayerling ein, doch die geplante Jagd wird abgeblasen. Coburg verlässt das Anwesen noch am selben Tag, Hoyos zieht sich in das separate Gästehaus zurück. Am Morgen des 30. Jänner bittet Rudolf seinen Kammerdiener, die Pferde einzuspannen. Dann fallen im Schlafzimmer zwei tödliche Schüsse.

Die Mayerling-Tragödie

Tochter der Helene von Baltazzi und bekanntlich Kronprinz Rudolf verfallen: Marie Alexandrine Freiin von Vetsera, genannt Mary, hier auf einem Porträt des Hofphotographen O. Türk 1887. - © Othmar von Türk
Tochter der Helene von Baltazzi und bekanntlich Kronprinz Rudolf verfallen: Marie Alexandrine Freiin von Vetsera, genannt Mary, hier auf einem Porträt des Hofphotographen O. Türk 1887. - © Othmar von Türk

Verzweifelt sucht Helene inzwischen nach ihrer vermissten Tochter. Am Morgen des Unglücks wird sie endlich bei der Kaiserin in der Hofburg vorgelassen. Elisabeth ist kaum wiederzuerkennen. Ihr Gesicht ist totenblass, ihr Blick versteinert. Baronin Vetsera verlangt ihr Kind zurück. Sisis Antwort ist kurz, doch trifft sie Helene wie ein Blitzschlag: Mary sei nicht mehr am Leben, sagt sie, und fügt hinzu, dass auch Rudolf tot sei. Die Kaiserin glaubt anfangs wahrscheinlich jene Version, dass Mary Vetsera den Kronprinzen und dann sich selbst vergiftet habe. Es ist die Version des Hofes, die die wahren Umstände verschleiern soll. Die Wahrheit aber wird vom Arzt bestätigt: Rudolf hat zuerst Mary, dann sich selbst erschossen. Die Abschiedsbriefe lassen keine Zweifel am gemeinsamen Freitod.

Die Nachricht verbreitet sich bald wie ein Lauffeuer. Die Mayerling-Tragödie besiegelt am Ende nicht nur das Schicksal der Habsburger, sondern auch jenes der Familie Baltazzi, die beim Wiener Hof in Ungnade fällt. Marys Leichnam muss so rasch wie möglich verschwinden. Von Rudolfs letztem Wunsch, mit ihr gemeinsam auf dem Friedhof in Heiligenkreuz beerdigt zu werden, will man nichts wissen. Nur auf sein Drängen wird es Alexander Baltazzi erlaubt, seine Nichte in aller Heimlichkeit zu bestatten. Wilde Verschwörungstheorien kursieren, laut denen Alexander, Aristides oder Hector die Mörder von Rudolf gewesen sein sollen. Tatsächlich werden die Brüder noch Monate lang von der Polizei beschattet.

Die "Schuldige"

Was haben wir nur falsch gemacht? Diese Frage muss Franz Joseph und Elisabeth jahrelang gequält haben, wenn er an seinem Schreibtisch Akten sortierte und sie wie eine Nomadin durchs Mittelmeer reiste. Die Frage beschäftigt auch Helene. Viel einfacher ist es aber, die Schuld bei anderen zu suchen. Die Kupplerin Marie Larisch-Wallersee wird zur "persona non grata" erklärt und vom Kaiserhaus verbannt. In ihrer "Denkschrift", die Helene verfasst und die vom Wiener Hof konfisziert wird, macht sie die Gräfin für die Tragödie verantwortlich. Diese rächt sich dafür auf ihre Weise, indem sie dem Kaiser mit intimen Veröffentlichungen droht und hohe Geldsummen von ihm erpresst.

Die Damen der Gesellschaft, die noch vor wenigen Monaten die Feiern und Diners im Palais Salm-Vetsera genossen haben, wenden sich jetzt von Helene ab. Zu groß sind wohl die Befangenheit und die Angst vor dem nachtragenden, unerbittlichen Kaiser. Moralische Unterstützung erfahren die Baltazzi-Brüder nur noch von ihren Reitfreunden. Sogar der englische Prinz Edward steht ihnen bei und begrüßt sie öffentlich.

Der Stern der Familie, die einst auf den Rennbahnen Europas brilliert und auf rauschenden Bällen getanzt hat, erlischt. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs zerfallen auch das Osmanische Reich und die Habsburgermonarchie, die das Schicksal der Baltazzis so stark geprägt haben. Die Brüder verkaufen ihre Besitztümer in Istanbul und verlieren ihre Ländereien in Böhmen. Aristides und Alexander erleben nur noch die Anfänge des Krieges. Hector, der Sieger auf der Rennbahn, stirbt 1916 im Wiener Jockeyclub. Die unglückliche Helene, die alle ihre Kinder überlebt hat, zieht sich auf ein Landgut in Payerbach zurück. Einmal sieht Arthur Schnitzler sie auf dem Rad durch den Park fahren. Hexenhaft und uralt kommt ihm die Baronin vor, wie eine Gestalt aus einer anderen, einer längst vergessenen Zeit.

Helene stirbt 1925 in Wien und wird in der Gruft ihres Sohnes in Payerbach bestattet. Henry erwirbt und restauriert Schloss Leesdorf in Baden, wo er bis zu seinem Tod 1929 wohnt. Sein Sohn Heinrich hält die Erinnerungen der Familie Baltazzi-Vetsera schließlich in einem Buch fest. Es sind die Memoiren einer Familie, die in Vergessenheit geraten und doch auf so tragische Weise mit dem Schicksal der Habsburger verknüpft ist.