Für die einen bleibt er der herausragende "Pastor angelicus" - ein engelgleicher Hirte, wie ihn die fragwürdige "Malachias-Prophetie" charakterisierte -, andere werfen ihm schwere Versäumnisse vor. Das Pontifikat von Papst Pius XII. (1939-1958) stand im Zeichen des Zweiten Weltkriegs, der Auseinandersetzung mit Faschismus und Kommunismus und schließlich auch des Kalten Krieges. Innerkirchlich bedeutete es weitgehend Stillstand, längst fällige Reformen leitete erst der nächste Pontifex, Johannes XXIII., mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein. Pius XII. sah sich noch als Monarch in einer strengen Hierarchie, lautet doch ein ihm zugeschriebener Satz: "Der Papst braucht keine Mitarbeiter, sondern Ausführende."

Schweigen zum Holocaust

Porträt von Papst Pius XII. - © GettyImages/Bettmann
Porträt von Papst Pius XII. - © GettyImages/Bettmann

Das Bild von Pius XII. könnte eventuell eine gewisse Änderung erfahren, wenn der Vatikan am 2. März die Archive zu seiner Amtszeit öffnet. Historische Forschung erfordere "Ehrlichkeit auf der Suche nach der Wahrheit, auch wenn die Ergebnisse bisherige Einstellungen auf den Kopf stellen", erklärte dazu der portugiesische Kurienkardinal Jose Tolentino Calaca de Mendonca, Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. Er betonte, die Kirche habe "keine Angst vor der Wahrheit".

Der gebürtige Römer Eugenio Pacelli ging am 2. März 1939, seinem 63. Geburtstag, aus einem sehr kurzen Konklave als Papst hervor und nahm den Namen Pius XII. an. Die Mehrheit der Kardinäle hielt den damaligen Kardinal-Staatssekretär und früheren Nuntius in Deutschland angesichts der kritischen weltpolitischen Lage für den geeignetsten Kandidaten. Sein Image ist stark von seinem Schweigen zum Holocaust geprägt, das Rolf Hochhuth 1963 in seinem Drama "Der Stellvertreter" kritisch auf die Bühne brachte.

Beziehung zur UNO

In der Tat scheute Pius XII. davor zurück, laut seine Stimme gegen die NS-Gräueltaten gegenüber der jüdischen Bevölkerung zu erheben. Dieses Verhalten führt der deutsche Theologe Klaus Kühlwein in seinem Buch "Warum der Papst schwieg" nicht auf Feigheit oder Antisemitismus dieses Pontifex zurück, sondern auf dessen Sorge wegen "Vergeltungsmaßnahmen gegenüber Dritten". Erschüttert davon, dass die Deutschen die Deportationen von Juden in den Niederlanden nach einem öffentlichen Protest dortiger Bischöfe noch intensivierten, habe er befürchtet, auch eine päpstliche Stellungnahme würde mehr schaden als helfen. In diesem Dilemma, so Kühlwein, habe Pius XII. andere Mittel eingesetzt, um Juden zu retten, aber keinen öffentlichen Protest geäußert.

Sicher ist, dass viele Historiker dieses Thema nochmals besonders untersuchen und vor allem die damalige Korrespondenz zwischen dem Heiligen Stuhl und der Nuntiatur in Deutschland genau unter die Lupe nehmen werden. Neue Aufschlüsse könnte es auch darüber geben, wie Personen im Vatikan die Flucht von Nationalsozialisten über die "Rattenlinie" nach Südamerika begünstigten.

Johan Ickx, Archivar im vatikanischen Staatssekretariat, rechnet auch mit neuen Erkenntnissen zur multilateralen Diplomatie in den 1940er und 1950er Jahren. Wie Pius XII. und der Vatikan die Beziehungen zu neuen internationalen Organisationen wie UNO oder Europarat gestalteten, aber auch, was während des Kalten Krieges im Umgang mit Osteuropa und den dortigen Untergrundkirchen sowie gegenüber der Sowjetunion passierte, sind weitere spannende Fragen.

Neun Jahre Vorarbeit

Am 2. März geben nach neun Jahren Vorarbeit mehrere Archive ihr Material frei. Das größte davon ist das Vatikanische Apostolische Archiv, früher "Geheimarchiv" genannt, dazu kommen die Archive der Glaubenskongregation, früher "Heiliges Offizium", zwei Archive des Staatssekretariats, der Missionskongregation, der Ostkirchenkongregation, der Pönitentiarie und der Dombauhütte von St. Peter. Allein im Archiv des Staatssekretariats gibt es mehr als zwei Millionen Faszikeln zum Pontifikat von Pius XII., von denen inzwischen 1,3 Millionen digitalisiert und teils verschlagwortet wurden. Der Arbeitssaal des Archivs bietet freilich nur 20 Forschern Platz. 600 Historiker aus aller Welt wollen Einsicht nehmen, rund 100 davon haben bisher eine Zusage erhalten, darunter der renommierte Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Er meint, eine sorgfältige Auswertung des Materials werde lange dauern. Seriöse Ergebnisse seien frühestens in drei bis fünf Jahren zu erwarten.