Bereits vor Tausenden von Jahren haben Menschen große Kulturleistungen hervorgebracht und technologische Innovationen vorangetrieben. Basis für diese Entwicklung dürfte eine besonders gute Vernetzung untereinander gewesen sein. Dies hat ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung anhand der Interaktionen in einer heutigen Jäger-Sammler-Gesellschaft auf den Philippinen erkannt.

Das Volk der Agta lebt isoliert im Norden der Philippinen auf der Insel Luzon. In den kleineren Gruppen gibt es Familien und nicht verwandte Gruppenmitglieder, die in dem untersuchten Gebiet in verschiedenen Camps leben. Diese sind wiederum miteinander befreundet und einzelne Gruppenmitglieder wandern zwischen den Gruppen auch hin und her.

Daraus ergibt sich eine veränderliche Struktur mit mehreren sozialen Ebenen. Das lässt sich zwar auch bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, beobachten. Sie haben allerdings keine komplexere Kultur entwickelt oder größere Innovationen hervorgebracht.

Mit Tracking-Geräten bestückt

Um zu verstehen, wie sich die verstreut lebenden Agta untereinander austauschen, stattete das Team unter der Leitung von Forschern der Universität Zürich und der Central European University (CEU) in Budapest 53 Erwachsene aus sieben Camps mit Tracking-Geräten aus, die ihre Bewegungen und Begegnungen aufzeichneten. Das geschah über einen Monat hinweg, wie es in einer Aussendung der Uni Zürich zu der im Fachjournal "Science Advances" erschienenen Studie heißt.

Wenig verwunderlich, wurden die meisten Kontakte innerhalb der eigenen Gruppe verzeichnet. Es gab aber auch fast täglich Besuche in anderen Camps. Für die Erstautorin der Studie, Andrea Migliano von der Uni Zürich, ist das mit modernen Formen der Informationssuche vergleichbar: "Wenn wir eine Lösung für ein Problem brauchen, gehen wir online und holen uns Informationen aus mehreren Quellen. Die Agta nutzen ihr soziales Netzwerk auf genau die gleiche Weise."

Neue, bessere Medikamente

In der Folge bildeten die Wissenschafter, zu denen auch der Komplexitätsforscher Vito Latora gehörte, der u.a. am Complexity Science Hub Vienna (CSH) tätig ist, das gesamte soziale Netzwerk der untersuchten Gruppen in einer Computersimulation nach. In der Simulation gab es verschiedene Heilpflanzen, deren Wirkung sich verbessern ließ, wenn die Akteure im Netzwerk sie miteinander auf bestimmte Weise kombinierten. Aus den dann besseren Medikamenten konnte bei erneuter geschickter Kombination ein neues, hochwirksames Heilmittel gemacht werden.

Die Forschenden führten dann Simulations-Experimente in dem natürlich gewachsenen Agta-Netzwerk und in einem künstlichen Netzwerk durch, in dem alle Mitglieder immer und gleichzeitig alle Informationen zur Verfügung hatten. Nach der Interaktionsrunde, in der das bestmögliche Heilmittel gefunden wurde, waren die Simulationen zu Ende.

Zur Überraschung der Wissenschafter ging das im Agta-Netzwerk im Durchschnitt schneller. Während die simulierten Jäger und Sammler-Gesellschaften in der Regel zwischen 250 und 500 Runden mit sozialen Interaktionen brauchten, bis das Heilmittel gefunden war, dauerte dies im vollständig informierten Netzwerk im Schnitt zwischen 500 und 700 Runden. Das liege laut den Forschern darin begründet, dass im Agta-Netzwerk zwar nicht immer alle am gleichen Stand sind, die einzelnen Untergruppen aber auch unabhängig voneinander verschiedene Vorstufen zum "Superheilmittel" entwickeln können. Unter diesen Voraussetzungen ist die Wahrscheinlichkeit insgesamt höher, dass dann bei einem Zusammentreffen die gesuchte Kombination plötzlich gefunden wird und somit quasi ein Innovationssprung stattfindet.

"Unsere Resultate deuten also darauf hin, dass eine soziale Struktur aus kleinen, miteinander vernetzten Gemeinschaften die kulturelle Entwicklung unserer Vorfahren erleichtert hat, während sie sich innerhalb und außerhalb von Afrika ausbreiteten", so Lucio Vinicius von der Uni Zürich. Die Forscher sehen in diesen gesellschaftlichen Abläufen einen entscheidenden Faktor für die bereits in der Steinzeit greifbare Weiterentwicklung der Menschheit. (apa)