T. G. Masaryk als erster Staatspräsident der Tschechoslowakischen Republik auf einem Gemälde von Vojtěch Hynais (1919) in der Nationalgalerie Prag.  - © Benoît Prieur/CC BY-SA 4.0
T. G. Masaryk als erster Staatspräsident der Tschechoslowakischen Republik auf einem Gemälde von Vojtěch Hynais (1919) in der Nationalgalerie Prag.  - © Benoît Prieur/CC BY-SA 4.0

"Wien hatte für meine geistige Entwicklung große Bedeutung; ich verbrachte dort nicht weniger als zwölf Jahre, von 1869 bis 1882, dazwischen war ich ein Jahr (1876 bis 1877) in Leipzig. Mähren neigte damals zu Wien, und Brünn war, wie man zu sagen pflegte, eine Vorstadt von Wien. Zum ersten Mal war ich dort als Schlosserlehrling; einmal ging ich als Gymnasiast in den Ferien zu Fuß nach Wien..."

Mit diesen Worten leitet der spätere Gründer der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk (1850-1937), das Kapitel "Wien" in seinen Lebenserinnerungen ein. T.G. Masaryk ist den Österreichern vor allem durch seine Politik der Abtrennung der nördlichen Kronländer ab 1914 bekannt; er wird deshalb hierzulande oft als "Totengräber der Monarchie" bezeichnet. Weniger bekannt ist sein mehr als ein halbes Jahrhundert währendes Leben und Wirken als das eines loyalen österreichischen Wissenschafters, Publizisten und Parlamentariers.

T.G. Masaryk war das Kind einfacher Leute. Seine Mutter, Terezie Masaryková, geborene Kropáčková, stammte aus Hustopeče (Auspitz) in Mähren. Ihre Muttersprache war Deutsch. Während ihres Dienstes in Hodonín (Göding) heiratete die gebildete Herrschaftsköchin, im dritten Monat schwanger, den aus dem Slowakischen stammenden Rosswärter Josef Masaryk. Tomáš kam am 7. März 1850 zur Welt. Er wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf, von denen er sich in Statur und Wesen stark unterschied. Seine ersten Lebensjahre waren geprägt durch das dörfliche Leben und die freie Natur. Tomáš wurde vor allem von seiner frommen Mutter erzogen, während das Verhältnis zu seinem kaum des Lesens und Schreibens kundigen Vater zwiespältig war. So sagte er einmal über seinen Vater: "Er blieb zeit seines Lebens ein Leibeigener."

Das Schloss von Hodonín (Göding) beherbergt ein Masaryk-Museum. - © CC Isolda11
Das Schloss von Hodonín (Göding) beherbergt ein Masaryk-Museum. - © CC Isolda11

Arbeitsreiche Jugend

Zu den nicht alltäglichen Erlebnissen des jungen Masaryk zählen zwei Erfahrungen mit der Arbeitswelt. Mitten in der Nacht geweckt, wurde er nach Wien in eine Schlosserlehre gesteckt. Da ihm dort nur die Aufgabe zufiel, den Hebel einer Stanzmaschine zu bedienen, und ihm auch noch seine Bücher gestohlen wurden, riss Tomáš bald nach Hause aus. Dort wartete jedoch schon eine weitere Gelegenheit zur Handarbeit. Bei einem Hufschmied in Čejč (Czejtsch) werkte Tomáš gerne und zeigte später stolz seine "Arbeiterhände".

Bedingt durch den Beruf des Vaters als Herrschaftskutscher und später als Wirtschaftsaufseher musste die Familie oft umziehen. Auf Betreiben seiner Mutter besuchte Masaryk jedoch die bestmöglichen Schulen in Mähren bis hin zum Gymnasium in Brünn. Tomáš war ein wahrer Büchernarr, der bald seinen Lebensunterhalt als Schulhelfer und Nachhilfelehrer verdiente. Begegnungen mit geistlichen Lehrern trugen zu einer umfassenden humanistischen Bildung des Burschen bei.

Im sprachlich geteilten Gymnasium in Brünn nahm Masaryk zum ersten Mal den Nationalitätenkonflikt zwischen Deutschen und Tschechen wahr. Mehrmals Klassenbester, entwickelte er sich bald zu einer universell interessierten, eigenständigen und eigenwilligen Persönlichkeit. Die letzte Eigenschaft kam zum Ausdruck, als es nach einer ersten Liebesaffäre zu einer lautstarken Szene mit dem Schuldirektor kam. Nachdem Tomáš einen Schürhaken geschwungen hatte, endete seine Laufbahn am Brünner Gymnasium mit dem consilium abeundi. Das hätte eigentlich die Relegation von allen Gymnasien der Monarchie bedeuten müssen. Allein, ein "glückliches Schicksal" fügte es, dass der mittellose Schüler aus Mähren in die sechste Klasse des elitären Wiener Akademischen Gymnasiums aufgenommen wurde.

Umzug nach Wien

Just zu dieser Zeit wurde nämlich der Vater seines Nachhilfeschülers, Antoine de Monnier, als stellvertretender Polizeipräsident nach Wien versetzt. So bezog Tomáš Quartier am Wiener Petersplatz, später in der Mahlerstraße als Hauslehrer bei der Bankiersfamilie Schlesinger. Nicht nur durch seine aus besten Kreisen stammenden Klassenkameraden (darunter ein späterer Staatspräsident, ein Ministerpräsident und zwei Minister), sondern auch durch die Gesellschaftsabende im Hause Le Monnier, an denen er teilnehmen durfte, fand Masaryk Zutritt zu den vornehmen Familien Wiens. Aus dem mährischen Dorfbuben wurde so ein eleganter, gebildeter und gesellschaftlich gewandter junger Mann. Sein besonderes Interesse galt den deutschen und österreichischen Klassikern - Johann Wolfgang von Goethe, Nikolaus Lenau und Franz Grillparzer las Tomáš am liebsten.

Interessanterweise musste er keinen Militärdienst leisten, während seine beiden Brüder in der Armee dienten, wo einer der beiden sogar verstarb. Tomáš spielte mit dem Gedanken, die Orientalische Akademie zu besuchen, um Diplomat zu werden. Er begann sogar, Arabisch zu lernen, gab den Plan aber auf, als er merkte, dass de facto nur Adelige aufgenommen wurden. Sein Maturazeugnis zeugt von den Begabungen und Interessen des späteren Philosophieprofessors: Latein: lobenswert, Griechisch und Deutsch: vorzüglich - Physik und Mathematik: genügend.

Während seiner gesamten Studienzeit in Wien war der zweisprachige Deutschmährer in tschechischen Vereinen tätig. Tomáš inskribierte an der philosophischen Fakultät der Universität Wien und befasste sich mit einer breiten Palette von Themen. Seine Dissertation (1876) trug den Titel: "Das Wesen der Seele bei Plato. Eine kritische Studie vom empirischen Standpunkt." Der Empirie blieb er auch treu, als er sich 1879 mit der Arbeit "Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation" habilitierte. Sie ist als Buch erschienen, enthält zahlreiche Statistiken über den Suizid in Europa und gipfelt in der These, dass die Selbstmordhäufigkeit mit dem Grad der Säkularisierung korreliert.

Philosophievorlesung

Charlotte Garrigue auf einem Foto aus den 1870er Jahren. - © Archiv
Charlotte Garrigue auf einem Foto aus den 1870er Jahren. - © Archiv

Nach seiner Heirat mit der Amerikanerin Charlotte Garrigue am 15. März 1878 kam bald Nachwuchs, und der junge Privatdozent musste sich um eine bezahlte Stellung umsehen. Nachdem ihn eine auf Tschechisch erschienene Schrift über Hypnotismus bekannt gemacht hatte, wurde T.G. Masaryk 1882 außerordentlicher Professor in Prag. Wegen seiner praxisbezogenen Philosophievorlesungen bei den Studenten außerordentlich beliebt, widmete sich "TGM" immer stärker dem nationalen Gedanken des tschechischen Volkes. Er gründete die Zeitschrift "Athenäum", die ihm große Bekanntheit, aber auch viele Kontroversen eintrug.

Nachdem er die Echtheit von 1817 aufgefundenen historischen Handschriften in Abrede gestellt hatte, wurde er von nationalistischen Kreisen zum "Volksverräter" gestempelt, den man ausweisen sollte. Ebenso entschieden verteidigte er später den eines Ritualmordes angeklagten jüdischen Angeklagten Leopold Hilsner.

Als ihm der Kreis um die Zeitschrift "Čas" ("Die Zeit") Unterstützung gewährte, entschloss sich Masaryk, aktiv in die Politik einzusteigen. Als Vertreter der "Jungtschechen" gehörte er 1891 bis 1893 dem Reichsrat an. In seiner ersten Rede im Wiener Parlament setzte er sich für eine Reform des Hochschulwesens ein.

Mehrmals trat er gegen die einseitige Betonung der Verstandeskräfte im Schulunterricht auf. In der Tradition des großen Staatslehrers František Palacký arbeitete Masaryk an einer Schlichtung des Völkerstreits in Österreich durch Gewährung nationaler Selbstverwaltung für die Tschechen ("Die Tschechische Frage", 1883).

Eigene Partei

Am 22. Juni 1896 zum ordentlichen Professor ernannt, gründete Masaryk 1899 seine eigene Partei "Die Realisten". Er zog 1907 bis 1914 als deren Abgeordneter ein zweites Mal in den Reichsrat ein. 1907 bis 1910 war er im gutbürgerlichen Gersthof, 18., Ruhrhofergasse 6, gemeldet. In zwei großen Reden im Mai 1909 entkräftete Masaryk die Beweise, die zur Verurteilung von 53 Südslawen hätten führen sollen. Dieser sogenannte "Agramer Hochverratsprozess" und vorher schon die Annexion von Bosnien-Herzegowina (1908) wurden zu entscheidenden Wendepunkten in der Einstellung Masaryks zum österreichischen Staatsgedanken.

Auch die Ablehnung seines Angebots, 1912 zwischen Serbien und Österreich wegen eines Adriahafens zu vermitteln, bestärkten ihn in seiner Meinung, dass das Habsburgerreich, das sich immer mehr in die Abhängigkeit Deutschlands begab, keine Zukunft hatte. Aus dem überzeugten Österreicher und loyalen Untertanen war ein erbitterter Gegner des Kaisers geworden. Mit Hilfe der Westmächte sollte es ihm gelingen, die Tschechen in die Unabhängigkeit zu führen. T.G. Masaryk wurde 1918 erster Präsident der Tschechoslowakischen Republik. Er wurde zweimal wiedergewählt und starb 1937.

Literaturhinweis:

David Glockner: Tomáš G. Masaryk - ein Sohn des Kaisers? Dieses Buch macht es wahrscheinlich. Hg. und Vorwort: Peter Diem. Verlag plattform Martinek, Perchtoldsdorf 2019, 368 Seiten, 25,- Euro.

Der Titel des 2015 in Prag erschienenen Originals lautete "Des Kaisers Präsident". Aufgrund des deutschen Titels könnte man meinen, der auf historische Texte spezialisierte Schriftsteller David Glockner habe eine "Sensations-Reportage" über die Herkunft von Tomáš Garrigue Masaryk verfasst. Das Gegenteil ist der Fall: Glockners Buch ist eine im Detail recherchierte sozial-historische Analyse der Lebensumstände des späteren Gründers und Präsidenten der Tschechoslowakei. Dabei treten allerdings eine Reihe von Indizien zutage, die Zweifel an seiner offiziellen Herkunft aufkommen lassen.