Richard Kola (1872-1939) auf einem Foto aus seinen Memoiren "Rückblick ins Gestrige". - © Ingeborg Waldinger
Richard Kola (1872-1939) auf einem Foto aus seinen Memoiren "Rückblick ins Gestrige". - © Ingeborg Waldinger

Das Gründerzeitpalais Strauchgasse 1 zählt zu den feinsten Adressen der Wiener Innenstadt. Es war eine Schnittstelle zwischen altem und neuem Adel. Fürst Montenuovo ließ es errichten, die Anglo-Österreichische Bank erwarb es bald darauf und gestaltete es zum Geldtempel um. In diesem vornehmen Haus wurde am 12. August 1872 Richard Kola geboren. Auch er sollte in der Welt des Kapitals von sich reden machen: als mächtiger Bankier, Industrieller und Verleger.

Kolas Kindheit im Montenuovo-Palais währte indes nur kurz. Sein Vater, ein Kaufmann, kam im Börsenkrach 1873 um sein Vermögen. Er starb wenige Jahre später. Die Witwe übersiedelte mit den drei Söhnen Arthur, Max und Richard in den 2. Bezirk. Ein steinreicher Onkel, der Ex-Banker Samuel Spitzer, übernahm die Vormundschaft über die Kinder. Dies unter der Bedingung, "dass ihn die Sache kein Geld kosten dürfe", wie Richard Kola in seinem "Rückblick ins Gestrige. Erlebtes und Empfundenes" mit Süffisanz vermerkt. Der Memoirenband erschien 1922 in Kolas eigenem, zwei Jahre zuvor gegründeten Rikola Verlag. Da stand der Mann mit dem "Midas-Touch", wie er sich selbst apostrophierte, am Höhepunkt seines Erfolges.

Voller Stolz rekapituliert Kola seinen Werdegang. Angespornt von den "Lehrmeistern" Armut und Fantasie, verdiente er sein erstes Geld mit Gymnasiastenprosa und Scharaden (Rätseln) für die Zeitschrift "Wiener Mode". Mit fünfzehn begann er eine Lehre in der Bank der Brüder Feldmann, wo er schließlich zum Leiter der Börsenabteilung aufstieg. 1895 sah er die Börsenkrise kommen und erntete den Respekt der Branche. Sein Wechsel zur Länderbank ließ ihn Erfahrung auf den Finanzplätzen Paris und London sammeln.

Bankier der Republik

1909 gründete er seine eigene Bankfirma und vereinte sie mit jener von Bruder Arthur zu "Kola & Co." Er erwarb Immobilien in besten Lagen, auch das Palais Palffy, wohin die Bank übersiedelte. Kola wurde zum Spezialisten im internationalen Geschäft, zum Bankier von Ex-Kaiser Karl, dessen Bruder "Erzherzog Max" - und der jungen Republik Österreich. Parallel wuchs sein Industrieimperium, das er gut - und die Bank noch besser - durch den Ersten Weltkrieg steuerte. Er spendete auch viel und rettete die Volksoper.

Der Privatmann Kola bekennt im "Rückblick" seine innige Beziehung zur Mutter, die Liaison zu einem Mädel aus der Vorstadt - und eine Heiratsallergie: "Ich strebte mit aller Gewalt vorwärts und fürchtete durch das Bleigewicht der Ehe (. . .) in der Niederung stecken zu bleiben." Doch dann kam Ruth des Wegs, damals, im Seebad Eastbourne. Sie besuchte das örtliche Nobelpensionat, Kola schöpfte Kraft im maritimen Klima. Am 27. März 1906 wurde geheiratet.

Auf ihren eigentlichen, zivilen Vornamen Aloisia (Louise) stießen wir durch Zufall: In einer Todesanzeige betreffend Kolas Mutter ("Neue Freie Presse", 2. 12. 1907) ist als Richards Gattin eine "Louise Kola geb. Hagel" genannt. Sie ist ident mit besagter Ruth, wie eine Forschungsarbeit der Wiener Historikerin Anna L. Staudacher belegt ("Proselyten und Rückkehr. Der Übertritt zum Judentum in Wien 1868-1914", Peter Lang Edition, 2016, Teil 2, S. 243). Die Studie dokumentiert auch das "Proselytenzeugnis der Braut 1906/03/21". Das heißt, Aloisia Hagel war vor der Heirat mit Richard Kola zum jüdischen Glauben konvertiert und hatte dabei den zusätzlichen Vornamen Ruth angenommen. Bekundet wird ferner Richards Namensänderung von Kohn in Kola im Jahr 1903.

Der Aufstieg zum hofierten Financier und Unternehmer nimmt in Kolas Memoiren den meisten Platz ein. Über seine Verlegertätigkeit erfährt man da aber so gut wie nichts. Diese Lücke füllte Murray Hall, Germanistikprofessor an der Universität Wien, mit dem zweibändigen Werk "Österreichische Verlagsgeschichte 1918- 1938" (Böhlau, 1985). Für Hall zeugt Kolas Ehrgeiz, einen Verlag "großen Stils" zu gründen, von einer gewissen Logik: Der Bankier hatte einen Vertikalkonzern aus Papierfabriken, Druck- und Verlagsanstalten zusammengekauft (die ihm überdies populäre Zeitschriften wie die "Wiener Mode" oder "Das interessante Blatt" in die Hände spielten).

Prospekt des Rikola-Verlags. - © Ingeborg Waldinger
Prospekt des Rikola-Verlags. - © Ingeborg Waldinger

1920 schien die Zeit reif für Kolas nächsten Schritt. Die Inflation verteuerte die Buchimporte aus Deutschland enorm, Handel wie Bibliotheken litten unter "Büchernot". Die Zeitungen beklagten das "geistige Elend" und riefen nach einem Mäzen. Kola erhörte sie. Mit einem heimischen Großverlag, der in Kronen fakturierte, würde man unabhängig vom deutschen Markt und könnte "in Massenauflagen gute und billige Bücher für das Volk" herstellen, schrieb er in der "Neuen Freien Presse". Noch im selben Jahr wurde der Rikola Verlag als Aktiengesellschaft gegründet, mit einem Startkapital von 50 Millionen Kronen. Der 25-köpfige Verwaltungsrat setzte sich vorwiegend aus Bankiers und Großindustriellen zusammen, Anton Wildgans war eine einsame Ausnahme. Rikola verlegte u.a. Paul Busson, Felix Braun, Jakob Wassermann, Egmont Colerus, Roda Roda, Leo Perutz - und eine Erstfassung von Thomas Manns Langzeitprojekt "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Zudem erwarb er noch den "Verlag Neuer Graphik", den Ilf-Verlag und den Münchner Musarionverlag.

Strauchelnder Verlag

Bald zeigte sich: Es fehlte an stringenter Programmlinie und urteilssicherer Leitung. Unzählige Buchreihen gingen an den Start: literarische Werke in bibliophilen Ausgaben", dazu Kinder-, Jugend- und Sachbuchreihen; Gustav Meyrink betreute die "Romane und Bücher der Magie", Franz Karl Ginzkey die Reihe "Romantik der Weltliteratur". Der Erfolg war überschaubar. Die billigen Klassiker-Ausgaben kamen erst gar nicht auf den Markt, der kostspielige Satz wurde zerstört. Rikolas "Frauenzimmer-Almanach" erschien drei Mal, immerhin mit Beiträgen von Hermann Hesse, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig oder Hugo von Hofmannsthal.

Und Kolas persönliches Verhältnis zur Literatur? In Jugendjahren war es sein "Ideal (...), einen Schiller zu besitzen"; er las Goethe, Heine, Lenau, liebte das Burgtheater und träumte von der Schriftstellerei. Später frequentierte er die Wiener Literatencafés und machte sich gelegentlich ans Dichten. Sein Lustspiel "Ledige Frauen", der Roman "Gusti" und der Erzählband "Puppentragödie" trugen ihm vor allem Polemik ein.

Egon Friedell hatte für Kolas Verlag vor allem Spott übrig. - © Archiv
Egon Friedell hatte für Kolas Verlag vor allem Spott übrig. - © Archiv

Als Verleger zog er sich nun die blanke Häme des Feuilletons zu. Wiens Edelfedern nannten den Verlag "Ridikola" (lächerlich), geißelten die Allianz von Börse und Literatur, sahen das Buch zum Spekulationsobjekt degradiert. Egon Friedell und Alfred Polgar persiflierten Kolas Werbemethoden in ihrer "Böse Buben-Presse". Gewiss, seit je bangen Künstler und Schriftsteller um ihre Unabhängigkeit. Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing. Und freilich bringen Investitionen in die Kultur zumindest eine Umwegrentabilität, man nennt sie Prestige. Doch ohne Financiers - ob privater oder staatlicher Natur - wäre es um die hehre Kultur wohl schlecht bestellt. Selbst der Nobelpreis wird der reinen Lehre der Kapitalismuskritiker nicht gerecht: Das Vermögen der Nobel-Stiftung ist heute zum Teil in Aktien-, Immobilien- und Hedgefonds investiert.

Redoute und Kinospots

Nach und nach häuften sich die wirtschaftlichen Probleme des Rikola Verlags. Enorme Kosten für das Personal und den neuen Firmensitz (das ehemalige Hotel Hungaria im 3. Bezirk), die Hyperinflation und der Markteintritt des Paul Zsolnay Verlags ergaben eine fatale Gemengelage. Mehrere Kapitalaufstockungen waren vonnöten. Kola warb aus Kräften: mit Kinospots, einem Schaufensterwettbewerb für Buchhändler und mit einer Redoute in der Rotunde, für die A. M. Werau den "Rikola-Shimmy" komponierte. Der Event verschlang Millionen. Wiens Gesellschaft kam, der Niedergang des Verlags war dennoch besiegelt.

1925 ging Rikola zum Großteil in die "Zentralgesellschaft für buchgewerbliche und graphische Betriebe A.G." über, wurde saniert und an zwei Verlagsbetriebe angegliedert, die unter der Patronanz der skandalreichen Centralbank standen. Ihr Untergang versetzte dem Rikola Verlag 1926 den "Todesstoß" (Hall). Die Speidel’sche Verlagsbuchhandlung (eine Gründung ehemaliger Rikola-Angestellter), Amalthea und Springer übernahmen Rikolas Bestände.

Auch der Stern von Kolas Bank verblasste. Die meisten Agenden wurden mit der Wiener Filiale der Britisch-Ungarischen Bank fusioniert, es entstand die "Britisch-Österreichische Bank". Der Rest von Kola & Co. bestand weiter, mit kleinem Geschäftsfeld. Fehlspekulationen, Prozesse und andere Krisen führten 1929 zum Ende der Bank. Auch der Immobilienbesitz und das Industrieimperium gingen letztlich verloren. Richard Kola starb am 11. März 1939. Sein Grab am Hietzinger Friedhof teilt er mit einer (1968 verstorbenen) Elisabeth Kola. Ihren Familienstand konnten wir bisher nicht ermitteln.

Kolas Verlagsabenteuer hat den Innsbrucker Verleger und Autor Bernd Schuchter zu dem Roman "Rikolas letzter Auftritt" inspiriert (Braumüller, 2019). Der Plot steuert final auf die legendäre Redoute zu. Schuchter unterlegt die Verlagschronik mit damaligen Pressestimmen und lässt die Zeitumstände von einem allzu wissenden Erzähler kommentieren. Die Figur Kola bleibt farblos, die atmosphärischen und personalen Fiktionen sind teilweise missglückt. Schuchter schöpft das romaneske Potential dieser Biografie nicht aus. Schade, denn sie birgt die Sub-stanz zweier Großwerke des 19. Jahrhunderts in sich: Émile Zolas Finanzwelt-Wälzer "Das Geld" und Honoré de Balzacs "Verlorene Illusionen", eine Abrechnung mit den Sparten Druck, Papier und schreibende Zünfte.

Typus einer Epoche

Richard Kola ist ein idealer Romanheld, weil er einen schillernden Epochentypus verkörpert - den Großkapitalisten der Zweiten Gründerzeit. Diesen stellt Roman Sandgruber in seinem äußerst lesenswerten Buch "Traumzeit für Millionäre. Die 929 reichsten Wienerinnen und Wiener im Jahr 1910" (Styria 2013) vor. Der Wirtschaftshistoriker legt die sozio-ökonomischen Triebkräfte der Zeit dar, analysiert Vermögen, Kultur, Macht und Erosion der "Glanzgesellschaft". Richard Kola widmet er keinen eigenen Abschnitt, zitiert aber aus dessen Memoirenband.

Sandgruber führt in seinen Analysen zahlreiche Parameter auf, die auch auf Kolas Profil zutreffen: Die Millionäre von 1910 waren häufig Bankier und Industrieller in Personalunion. Sie bildeten Kartelle, spekulierten an der Börse, hatten Auslandserfahrung, waren polyglott, multinational vernetzt, Workaholics und wirtschaftspublizistisch tätig. Fast zwei Drittel dieser Gruppe waren jüdischer Herkunft. Sie förderten Wissenschaft und Kunst, und sie lebten "eine betont deutsche Kultur", wovon etwa ihre Vornamen oder ihr Goethe- und Schiller-Kult zeugen. Als Financiers waren sie auch für antisemitische Kreise unentbehrlich.

Kola war Teil dieser Kaste, sein Aufstieg und Fall mit vielen großen Namen verbunden. Sie repräsentierte die "Ein-Prozent-Gesellschaft", kontrollierte mit monopolartigen Strukturen und Bankenmacht die Wirtschaft. Erinnert das nicht an unsere Gegenwart? Roman Sandgruber äußert den Verdacht: "Die Geschichte wiederholt sich doch."