Schon Neandertaler ernährten sich regelmäßig von Muscheln, Fischen und andern Meerestieren, wie Forschende der Universität Göttingen und Barcelona im Fachblatt "Science" berichten. Demnach haben die Menschen das Meer schon früher als Nahrungsquelle genutzt als bisher angenommen.  Diese Ergebnisse einer Ausgrabung in der Höhle von Figueira Brava in Portugal wurden am Donnerstag veröffentlicht.

Bisher waren Forscher davon ausgegangen, dass erst der Homo sapiens Meerestiere aß. Regelmäßiger Fischverzehr könnte dabei die Entwicklung der Neandertaler beeinflusst haben.

Den Nachweis, dass auch Neandertaler Fische aßen, brachten Untersuchungen von Kalzitablagerungen, die wie Stalagmiten aus Tropfwasser entstehen. Diese sogenannten Sinterlagen sind zwischen 86.000 und 106.000 Jahre alt. Sie stammen aus dem Zeitraum, in dem die Neandertaler Europa besiedelten.

Aus den Grabungen stammen auch diese Muschelfragmente. - © Zilhao et al/Science
Aus den Grabungen stammen auch diese Muschelfragmente. - © Zilhao et al/Science

Meerestiere gut für das Gehirn

Die Höhle, in der die Forscher arbeiteten, lag damals bis zu zwei Kilometer von der Küste entfernt. Sie fanden heraus, dass dort lebende Neandertaler routinemäßig Muscheln ernteten, fischten oder Robben jagten. Auf dem Speiseplan standen zudem Wasservögel, Delfine oder Seehunde. Nahrung aus dem Meer ist reich an diversen Fettsäuren, die die Entwicklung von Hirngewebe begünstigen.

Wirbelfragmente von Aalen und Haien wurde ebenso entdeckt. - © Zilhao et al/Science
Wirbelfragmente von Aalen und Haien wurde ebenso entdeckt. - © Zilhao et al/Science

Bisher wurde vermutet, dass der Konsum von Meerestieren die kognitiven Fähigkeiten der afrikanischen Populationen des Homo sapiens steigerte. Damit wurde laut den Forschern das frühe Auftreten einer symbolischen Kultur unter den modernen Menschen erklärt.

Ein Beispiel dafür sei die Dekoration von Behältern aus Straußeneiern mit geometrischen Motiven. "Solche Verhaltensweisen spiegeln die Fähigkeit des Menschen zum abstrakten Denken und zur Kommunikation durch Symbole wider, die auch zur Entstehung organisierterer und komplexerer Gesellschaften des modernen Menschen beitrug", erklärte der Göttinger Forscher Dirk Hoffmann.

Bemalte und perforierte Muscheln

Sollte der gewohnheitsmäßige Verzehr von Meeresbewohnern eine wichtige Rolle bei der Entwicklung kognitiver Fähigkeiten gespielt haben, gelte dies nun für den Homo sapiens und den Neandertaler. In einer vorherigen Studie hatten Hoffmann und weitere Forscher herausgefunden, dass Neandertaler vor 65.000 Jahren Malereien in drei Höhlen auf der Iberischen Halbinsel angefertigt hatten. Dort entdeckte bemalte und perforierte Muscheln werden ebenfalls den Neandertalern zugeordnet. (apa)