Wien/Kent. Die frühen Menschen hatten wohl weniger Bodenkontakt, als man bisher glaubte: Sie gingen zwar auf zwei Beinen, waren aber wie heutige Menschenaffen immer wieder in den Bäumen zu finden, berichtet ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachjournal "Pnas". Das zeige die Knochenstruktur der Hüftgelenke, die ihre Belastungsart zu Lebenszeiten widerspiegelt.

- © Annie Spratt on Unsplash
© Annie Spratt on Unsplash

Ein Team um Matthew Skinner von der Uni Kent untersuchte bei zwei Frühmenschenfunden aus Südafrika die Innenstruktur der oberen Enden der Oberschenkelknochen, die Teil des Hüftgelenks sind. Einer davon ist älter als zwei Millionen Jahre (2 bis 2,8 Millionen Jahre), der andere vermutlich 1,5 Millionen Jahre alt, erklärt Dieter Pahr vom Department für Anatomie und Biomechanik der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems und vom Institut für Leichtbau und Struktur-Biomechanik der TU Wien.

Das Individuum "STW522", das vor über zwei Millionen Jahren dort lebte, gehörte zu den "Australopithecus africanus"-Frühmenschen. Bei dem jüngeren Fund "STW311" ist die Zuordnung unklar. Entweder war es ein "Paranthropus robustus"-Frühmensch, der sich durch sehr große Mahlzähne, einem großen Kiefer und kräftigen Backenknochen auszeichnete, weil er oft fasrige Pflanzenteile und Wurzeln aß, oder ein früher "echter" Mensch wie "Homo habilis" oder "Homo erectus", so die Forscher. Bei beiden zeige die äußere Form des Hüftgelenks-Teils des Oberschenkels, dass sie gut auf zwei Beinen gehen konnten. Wie sie sich zu Lebzeiten aber wirklich fortbewegten, könne man besser aus der Knocheninnenstruktur ablesen. Dort sind kleine Balken aus Knochengewebe, die sich während des Lebens je nach Belastung umbauen. Die Forscher verglichen ihre Anordnung bei den Fossilien mit jener bei Schimpansen, Bonobos und Gorillas, die sowohl auf allen vieren laufen als auch klettern, sowie Orang-Utans, die ihr Leben größtenteils kletternd, klammernd und hängend in den Bäumen verbringen, und modernen Menschen. STW522 zeigt eine Struktur wie bei einem modernen Menschen, und ist demnach wenig geklettert. Der Knochen des Frühmenschen STW311, der wahrscheinlich eine halbe Million Jahre nach STW522 gelebt hat, zeige hingegen eine Dichteanordnung, die eine Kombination von Klettern und Gehen vermuten lässt, wie bei einem Menschenaffen.

Demnach ist der Vorfahre des Menschen nicht irgendwann einmal von den Bäumen heruntergestiegen und bei einem bodenständigen Leben geblieben, sondern es zog ihn entweder immer wieder in die Bäume, oder die Zweifüßigkeit entstand mehrmals.