Der Vietnamkrieg hat eine lange Vorgeschichte. Während des Zweiten Weltkrieges warfen die Amerikaner Broschüren über Vietnam ab, in denen die Bevölkerung zum Widerstand gegen die japanischen Besatzer aufgefordert und ihnen Unabhängigkeit und Selbstbestimmung in Aussicht gestellt wurden. Doch nach dem Sieg über Japan und dem Beginn des Kalten Krieges war davon keine Rede mehr. Jetzt ging es um die "Eindämmung" des Kommunismus, und unter diesem Vorzeichen akzeptierten die USA auch Frankreichs Intentionen zur Restauration seiner Kolonialherrschaft in Indochina. Das ging nicht ohne Gewalt. Und so begann Ende 1946 der französische Indochina-Krieg, der 1954 mit der Niederlage Frankreichs endete.

Auf der anschließenden Konferenz in Genf wurde Vietnam entlang des 17. Breitengrades geteilt. Im Norden herrschten die Kommunisten unter Führung von Ho Chi Minh, im Süden bestimmten von nun an die USA die Politik. Die Freiheit San Franciscos, so hieß es, werde in Saigon verteidigt.

"Rolling Thunder"

Anfang August 1964 kam es im Golf von Tonking zu einem folgenschweren Zwischenfall. Nordvietnamesische Patrouillenboote beschossen den US-Zerstörer "Maddox". Zwei Tage später flogen die Amerikaner erste Luftangriffe gegen Nordvietnam. Der Kongress ermächtigte Präsident Johnson, "alle notwendigen Schritte, einschließlich der Anwendung bewaffneter Gewalt, zu ergreifen".

Im Frühjahr 1965 wurde aus einem schwelenden Bürgerkrieg ein amerikanischer Krieg. Mit der Operation "Rolling Thunder" begann am 2. März 1965 die systematische Bombardierung Nordvietnams. Am 8. März landeten 3500 US-Marines in Da Nang. Hanoi sprach von einer "offenen Kriegserklärung". Die USA schickten immer mehr Soldaten nach Südvietnam, 1968 waren es 550.000.

Das Jahr 1968 markiert auch das Ende von Johnsons Krieg mit der sogenannten "Tet-Offensive", einem nicht mehr für möglich gehaltenen Großangriff der Kommunisten gegen fünf der sechs großen Städte, 36 der 44 Provinzhauptstädte und ein Viertel der 242 Provinzstädte Südvietnams im Jänner 1968. Am Ende hatten Amerikaner und Südvietnamesen zwar alle verloren gegangenen Gebiete wieder zurückerobert, aber es war ein Pyrrhus-Sieg. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte den Glauben an den Sieg verloren, der Präsident seine Glaubwürdigkeit eingebüßt. Ende April verkündete Johnson, dass er sich einer Wiederwahl nicht stellen werde.

Der neue Präsident hieß Richard M. Nixon. Er hatte die Wahl mit dem Versprechen gewonnen, den Vietnamkrieg zu beenden. Im Juli 1969 verkündete er seine neue Doktrin: Vietnamisierung, das hieß Abzug der amerikanischen Truppen; die Südvietnamesen sollten übernehmen. Inzwischen sank die Moral der Truppe in Vietnam. Das Ende des Krieges wurde zur absoluten Notwendigkeit für Washington. Nixons Sicherheitsberater Henry Kissinger führte in Paris Gespräche mit den Kommunisten, die im Oktober 1972 zu einer prinzipiellen Einigung führten: Nordvietnamesische Truppen sollten im Süden des Landes bleiben, die entmilitarisierte Zone am 17. Breitengrad wurde nicht als offizielle politische Grenze bezeichnet, die USA würden das Land verlassen. Am 27. Jänner 1973 unterzeichneten US-Außenminister William P. Rogers und sein nordvietnamesischer Kollege Nguyen Thuy Trinh das "Abkommen über die Beendigung des Krieges und die Wiederherstellung des Friedens in Vietnam".

Das Abkommen war das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben war. Die Einzigen, die sich daran hielten, waren die USA: Am 29. März 1973 verließ der letzte GI Südvietnam. Zwei Tage zuvor hatte Nordvietnam 591 amerikanische Kriegsgefangene freigelassen. Für die Amerikaner war der Krieg offiziell vorbei, für die Vietnamesen ging er mit unverminderter Härte weiter. Inzwischen war Nixon in den Strudel der Watergate-Affäre geraten und praktisch handlungsunfähig. Im April 1974 lehnte der Kongress zusätzliche Militärhilfe für Südvietnam ab, am 9. August 1974 trat Nixon zurück.

Im März 1975 begann Nordvietnam die "Ho-Chi-Minh-Offensive" gegen das Regime im Süden, das nach 55 Tagen zusammenbrach und am 30. April bedingungslos kapitulierte. Anfang 1973, nach Unterzeichnung des Abkommens, war Kissinger gefragt worden, wie lange sich Saigon wohl halten könne. Seine Antwort: "Ich glaube, wenn sie Glück haben, anderthalb Jahre."

Der deutsche Botschafter in Südvietnam, Heinz Dröge, hatte sich mit den letzten Botschaftsangehörigen bereits am 14. April in einem gecharterten Flugzeug nach Bangkok in Sicherheit gebracht. Von dort berichtete er nach Bonn: "Wir verließen Saigon inmitten des großen Exodus. Zum Flugplatz bewegte sich eine riesige Karawane landflüchtiger Vietnamesen. Den Regierungsbeamten an den verschiedenen Stationen stand die Nervosität in den Gesichtern. Am Flughafen trafen wir hohe Funktionäre mit gepackten Koffern. Der Staat war am
Ende."

Ein Fazit

Genau so war es. Am 28. April spielten die amerikanischen Radiosender in Südvietnam Bing Crosbys "White Christmas". Das war das Zeichen für die Operation "Frequent Wind". US-Botschafter Martin hatte viel zu lange mit der Evakuierung gewartet. Die Bilder von der chaotischen Rettung der eigenen Leute - und immerhin auch 51.000 Vietnamesen! - gingen damals um die Welt.

Was waren die Gründe für das Scheitern der USA in Vietnam? Für die Militärs, vor allem für den Oberbefehlshaber General Westmoreland, wurde der Krieg unter Johnson verloren. Damals habe man die Mittel, die man zur Verfügung hatte, nicht richtig eingesetzt. Auch ging es um eine falsche Taktik: Der Krieg war anders als jener im Zweiten Weltkrieg oder in Korea; das beste Beispiel dafür war die erfolglose Operation "Rolling Thunder" gegen ein industriell unterentwickeltes Land. Oder der "Body Count": den Gegner töten.

Je mehr gegnerische Leichen gezählt wurden, umso erfolgreicher war die eigene Truppe; die Kommunisten sollten so geschwächt werden ("Search and destroy"), dass sie am Ende ihre Verluste nicht mehr ausgleichen konnten und aufgeben würden. Die Militärs machten darüber hinaus die Zivilisten verantwortlich, und da wiederum das Zerbrechen des innenpolitischen Konsenses in den USA - und natürlich die Medien. Jedenfalls schränkten die Militärs in späteren Konflikten die Medienberichterstattung massiv ein.

Zu keinem Zeitpunkt wurde dem einfachen GI und der Öffentlichkeit die Frage glaubwürdig beantwortet, warum man überhaupt in Südvietnam war und Opfer brachte. Etwa 2,7 Millionen Amerikaner waren während des Vietnamkrieges als Soldaten im Land, davon 1,6 Millionen im Kampfeinsatz. Es gab die Wehrpflicht, aber das System war höchst ungerecht: Wer die finanziellen Mittel hatte, konnte sich dem Militärdienst in Vietnam (durch Studium etc.) entziehen. Von jenen, die ihren Wehrdienst ableisteten und in Vietnam kämpften und starben, waren unverhältnismäßig viele arm, mit schlechter Schulbildung und schwarz. Es war eine Armee von Teenagern - mehr als 60 Prozent starben im Alter von 18 bis 21 Jahren, das Durchschnittsalter der Truppe war 19.

Der Vietnamkrieg bleibt eines der größten Desaster der US-Geschichte und ein Trauma für die Weltmacht. Er war ein "furchtbarer Irrtum", wie Verteidigungsminister Robert McNamara ihn 1995 in seinen "Erinnerungen" bezeichnete. Er war bis zu dem Zeitpunkt Amerikas längster Krieg - und der erste, der verloren gegangen war. Mit furchtbaren Folgen: 58.269 amerikanische Soldaten waren gestorben, 304.704 verletzt, mehr als 33.000 blieben gelähmt; mehr Veteranen begingen Selbstmord, als Soldaten in Vietnam gefallen waren. In der Heimat fanden sich viele im Zivilleben nicht mehr zurecht. 500.000 bis 800.000 von ihnen litten und leiden unter einem posttraumatischen Stresssyndrom.

Anfang der 90er Jahre waren von den etwa 750.000 Obdachlosen in den USA ein Viertel bis ein Drittel Vietnamveteranen. Der Vietnamkrieg wurde der Albtraum der Amerikaner, der die Nation so sehr spaltete wie nichts seit dem Bürgerkrieg 100 Jahre zuvor.

Folgen bis heute

Im Unterbewusstsein wirkte und wirkt dieser Krieg fort und bestimmte über Jahrzehnte die amerikanische Außenpolitik. Die unmittelbare Konsequenz der Niederlage für die USA formulierte der deutsche Botschafter in Washington, Berndt von Staden, damals so: "Die ‚missionarische‘ Phase der amerikanischen Außenpolitik, die vom Willen zum eigenen Einsatz getragen war, scheint sich ihrem Ende zuzuneigen."

Der Krieg in Südostasien war allerdings nicht nur eine Katastrophe für die Amerikaner: Eine Million südvietnamesische Soldaten starben, etwa zwei Millionen tote Zivilisten waren zu beklagen und zwei Millionen Menschen wurden verstümmelt. Es ist anzunehmen, dass in Nordvietnam mindestens genauso viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Die USA warfen viermal so viele Bomben ab wie während des Zweiten Weltkrieges - mit einer Zerstörungskraft von etwa 600 Hiroshima-Atombomben und 20 Millionen Bombenkratern. 50 Millionen Liter des hochgiftigen "Agent Orange" wurden zur Entlaubung der Wälder versprüht, um den Feind besser bekämpfen zu können - mit fatalen Auswirkungen bis heute.

Nach der Wiedervereinigung Vietnams 1975 wurden 400.000 Südvietnamesen bis zu 10 Jahre in Arbeits- und Umerziehungslager gesteckt. In den Folgejahren flüchteten rund 1,4 Millionen Südvietnamesen, u.a. die "Boat People", von denen während der ersten Fluchtwelle 50.000 ihr Leben verloren.

Als Saigon kapitulierte, liefen in den USA die Vorbereitungen zur 200-Jahr-Feier des Landes. Vietnam fiel zunächst einem kollektiven Vergessen anheim. Mit privaten Spenden wurde 1982 dann das eindrucksvolle Vietnam Veterans Memorial in Washington, D. C., errichtet. Mit zwei Millionen Besuchern pro Jahr verzeichnet es bis heute mehr Andrang als jede andere öffentliche Einrichtung oder jedes Museum in Washington.

US-Präsident Gerald Ford verhängte 1975 ein Handelsembargo über das Land, 1994 hob Bill Clinton es wieder auf, 1995 nahmen beide Länder diplomatische Beziehungen auf. Der erste US-Botschafter wurde 1997 der ehemalige Pilot Douglas "Pete" Peterson, dessen Flugzeug 1966 abgeschossen worden war und der die Jahre bis 1973 in nordvietnamesischer Gefangenschaft verbracht hatte.