Dem jüdischen Glauben zufolge schloss Gott mit Abraham einen Bund und versprach dem Volk Israel ein eigenes Land. Überlieferungen zufolge nannte er es das gelobte oder verheißene Land. Es handelte sich um das aus mehreren Stadtstaaten wie Juda oder Moab bestehende Kanaan. Heute spricht man von dem Gebiet als Südlevante. Doch wer waren die Menschen, die von ungefähr 3500 bis 1150 vor Christus in dieser Region lebten und in biblischen Texten die Kanaaniter genannt wurden? Ein Forschungsteam mit österreichischer Beteiligung gibt nun Einblicke in die Geschichte dieser Bevölkerungsgruppe.

Die besagte Population bewohnte ein Gebiet des heutigen Israel, des Libanon, Jordaniens und Teile Syriens während der Bronzezeit. Das Erbgut von insgesamt 73 Personen zeigt, dass es neben bereits dort etablierten Menschen lange einen regen Zuzug aus dem Kaukasus und dem heutigen Iran gab. Die Daten zeigen den Forschern eine Bewegung von Menschen über lange Zeiträume. Doch obwohl die Kanaaniter in verschiedenen Stadtstaaten lebten, "waren sie kulturell und genetisch ähnlich", betont Liran Carmel von der Hebrew University of Jerusalem im Fachmagazin "Cell".

Genetisch zwei Ursprünge

Die Gesamtansicht des Standorts Megiddo. - © Tel Aviv University/Israel Finkelstein
Die Gesamtansicht des Standorts Megiddo. - © Tel Aviv University/Israel Finkelstein

Gefunden wurde die untersuchte DNA an fünf über die Region verstreuten Ausgrabungsstätten, deren Besiedlung bis in diese Zeit zurückreichte und wo Funde der Kultur der Kanaaniter zugeordnet werden konnten. Dabei ergab sich ein relativ überschaubares und erstaunlich einheitliches genetisches Bild der dortigen Bevölkerung, das nur wenige Gruppen umfasst. Genetisch scheint es zwei Ursprünge zu geben: Menschen, die ursprünglich in der Region lebten, und Menschen, die aus dem Gebiet des Kaukausus/Zagros-Gebirges zugezogen waren. Beide Bevölkerungsgruppen mischten sich zu ungefähr gleichen Anteilen, heißt es in der Studie.

Die Arbeit liefert auch Hinweise darauf, dass die Wanderungsbewegungen der Menschen aus dem Kaukasus/Zagros bereits vor 4500 Jahren stattgefunden, wahrscheinlich sogar früher begonnen haben und sich während der Bronzezeit fortsetzten. Archäologischen Funden zufolge wurde die südliche Levante in dieser Zeit in Stadtstaaten unterteilt, die eine ähnliche materielle Kultur aufweisen, heißt es in einer Aussendung der Universität Wien.

"Die Stärke der Migration aus dem Nordosten des alten Nahen Ostens und die Tatsache, dass diese Migration viele Jahrhunderte andauerte, könnten erklären, warum die Herrscher der Stadtstaaten in Kanaan in der Spätbronzezeit nicht-semitische, hurrianische Namen tragen", betont Shai Carmi von der Hebrew University of Jerusalem.

Analysen werden erweitert

Die Forscher untersuchten auch die Beziehung der Kanaaniter zu modernen Populationen. Während der direkte Beitrag der Kanaaniter zur modernen Bevölkerung nicht genau quantifizierbar ist, deuten die Daten darauf hin, dass eine breitere Komponente des Nahen Ostens, einschließlich der Populationen aus dem Kaukasus und Zagros, wahrscheinlich mehr als 50 Prozent der Vorfahren vieler arabischsprachiger Menschen ausmacht und jüdischer Gruppen, die heute in der Region leben.

"Unsere Ergebnisse liefern ein umfassend genetisches Bild der Mehrheit der Bevölkerung der südlichen Levante im zweiten Jahrtausend vor Christi", fasst der an der Studie beteiligten Ron Pinhasi von der Universität Wien zusammen.

Die Wissenschafter wollen nun ihre Analysen geografisch und zeitlich erweitern. "Wir möchten eisenzeitliche Proben aus verschiedenen Gebieten der südlichen Levante analysieren", betont Carmel. Das könnte noch mehr Aufschluss über die Zusammensetzung der Bevölkerung in den biblisch erwähnten Königreichen der Region geben.