Die Ursprünge menschlicher Innovation wurden traditionell in den Graslandschaften und an den Küsten Afrikas oder in den gemäßigten Umgebungen Europas gesucht. Nun wurden Forscher allerdings im Regenwald von Sri Lanka fündig. Dort entdeckten sie älteste Belege für die Nutzung von Pfeil und Bogen und möglicherweise für die Herstellung von Kleidung außerhalb Afrikas. In der Höhle Fa-Hien Lena im Südwesten der Insel fanden die Archäologen Pfeilspitzen aus Tierknochen die etwa 45.000 bis 48.000 Jahre alt sind.

"Die Brüche an den Spitzen deuten auf eine Beschädigung durch einen starken Aufprall hin - etwas, das normalerweise bei der Jagd mit Pfeil und Bogen auf Tiere beobachtet wird", sagt Erstautorin Michelle Langley von der Griffith University in Brisbane. "Dieser Beleg ist älter als ähnliche Befunde in Südostasien mit einem Alter von rund 32.000 Jahren und der derzeit älteste Beweis für den Einsatz von Pfeil und Bogen außerhalb des afrikanischen Kontinents."

Die Lage der Höhle Fa-Hien Lena auf Sri Lanka. - © Wedage et al., 2019
Die Lage der Höhle Fa-Hien Lena auf Sri Lanka. - © Wedage et al., 2019

Der bisher früheste Beleg für diese Technik stamme aus Südafrika und sei etwa 64.000 Jahre alt, sagt Ko-Autor Patrick Roberts vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Interessant sei an den neuen Funden vor allem, dass sie aus dem tropischen Regenwald stammen - und nicht aus offeneren Landschaften wie etwa der Savanne. "Das ist ein Puzzlestück, das uns zeigt, warum unsere Spezies so erfolgreich war: Weil sie in allen Umwelten leben und die Technik an die Gegebenheiten anpassen kann."

Jagd auf baumbewohnende Primaten und Nager

Vermutlich nutzten die Menschen im Regenwald damals Pfeil und Bogen zur Jagd auf baumbewohnende Primaten und Nager, schreibt das Team im Fachblatt "Science Advances". Möglicherweise, so Roberts, unterscheide die Pfeil-und-Bogen-Technik den Homo sapiens von seinen nächsten Verwandten wie etwa dem Neandertaler. Diese Jagdtechnik erfordere eine größere Fähigkeit zu abstraktem Denken, da dabei zwei Geräte miteinander kombiniert würden.

In der Höhle fanden die Forscher außerdem Belege für die Herstellung von Perlen aus mineralischem Ocker sowie Werkzeuge zum Fischen und zur Herstellung von Fasern, die vermutlich zu Kleidung oder Netzen verarbeitet wurden. "Bislang wurde angenommen, dass Kleidung als Schutz vor Kälte entwickelt wurde", sagt Roberts. "Dass es dafür auch in Sri Lanka Evidenz gibt, deutet darauf hin, dass sie vielleicht auch zum Schutz etwa vor Mücken genutzt wurde."

Die neue Studie hebt hervor, dass Archäologen bestimmte technologische, symbolische oder kulturelle Entwickulngen beim Menschen im Pleistozän nicht mehr mit einer einzigen Region oder Umgebung verknüpfen können. "Die srilankischen Beweise zeigen, dass die Erfindung von Pfeil und Bogen, Kleidung und symbolischen Signalen mehrfach und an verschiedenen Orten stattfand, auch in den tropischen Regenwäldern Asiens", sagt Co-Autor Michael Petraglia vom deutschen  Max-Planck-Institut für Wissenschaft der Menschheitsgeschichte.

Auch Schmuck produzierten die damaligen Bewohner. - © Adapted from Langley et al., 2020
Auch Schmuck produzierten die damaligen Bewohner. - © Adapted from Langley et al., 2020

Der Weg zur globalen Spezies

Während sich Archäologen seit langem auf die Einzigartigkeit europäischer Marker der Verhaltensmoderne konzentrieren, ist die neue Studie Teil eines wachsenden Bewusstseins, dass in vielen Regionen der Welt am Ende des Paläolithikums außergewöhnliche und komplexe neue Technologien entstanden sind. "Die Menschen zeigen zu diesem Zeitpunkt außergewöhnlichen Einfallsreichtum und die Fähigkeit, eine Reihe neuer Umgebungen zu nutzen", betont MPI-Forscherin Nicole Boivin. "Diese Fähigkeiten haben es ihnen ermöglicht, vor etwa 10.000 Jahren fast alle Kontinente des Planeten zu kolonisieren, was uns klar auf den Weg gebracht hat, die globale Spezies zu sein, die wir heute sind." (gral/apa)