Karl Gräser auf seinem "Naturstuhl" (undatierte Aufnahme). - © Deutsches Monte Verità Archiv Freudenstein
Karl Gräser auf seinem "Naturstuhl" (undatierte Aufnahme). - © Deutsches Monte Verità Archiv Freudenstein

Träumer, Revoluzzer, Industrielle, Künstler - es war eine merkwürdige Gruppe, die sich im Frühling des Jahres 1900 auf einem Hügel im Tessin versammelt hatte. Sie wollten hier ihren Traum von einem besseren Leben mit viel Natur, aber wenig Konventionen verwirklichen. Für kurze Zeit glückte das Experiment und die Siedlung wurde unter dem Namen Monte Verità zu einem Ziel für Aussteiger aus ganz Europa. Einer der Gründer der Kommune und Chefideologe der Gruppe war ein Österreicher: Karl Gräser, der kurz zuvor noch Karriere in der k.u.k. Armee gemacht hatte.

Gräser wurde 1875 in Kronstadt, dem heutigen Braşov in Rumänien, in eine bürgerliche Familie geboren und entschloss sich, des Kaisers Rock zu tragen, wie es damals hieß. Sein Weg führte ihn nach Galizien in die Festung Przemyśl, die zum Schutz des Habsburgerreiches an der russischen Grenze erbaut worden war. Dort begegnete er dem Erzherzog Leopold Ferdinand, der sich in Wien in die Tochter eines Postbeamten, die auch als Prostituierte tätig war, verliebt hatte und sie heiraten wollte. Der Kaiser war darüber wenig amüsiert und versetzte ihn in die ferne Provinz.

Leben ohne Zwang

Gräser und sein hochadeliger Freund hatten eines gemeinsam, nämlich eine tiefe Abneigung gegen den militärischen Drill, und gründeten daher einen Verein mit dem programmatischen Titel "Ohne Zwang". Dass sich diese Einstellung nur schwer mit einer Tätigkeit als Offizier vereinbaren ließ, lag auf der Hand. Gräser schmiss also seine Laufbahn beim Militär hin und reiste nach Bled im heutigen Slowenien, um sich in einem Sanatorium zu erholen.

Gräser, hier noch als Kadett, zwischen seinem Bruder Gustav und seiner Mutter (1893). - © Deutsches Monte Verità Archiv Freudenstein
Gräser, hier noch als Kadett, zwischen seinem Bruder Gustav und seiner Mutter (1893). - © Deutsches Monte Verità Archiv Freudenstein

Dort hatte der Schweizer Arnold Rikli eine alternative Kuranstalt gegründet, in der er seine Patienten durch vegetarische Ernährung, Sonnenbäder, viel frische Luft und wenig Bekleidung von allerlei Beschwerden heilen wollte. Gräser schloss Bekanntschaft mit Ida Hofmann, einer aus Siebenbürgen stammenden Klavierlehrerin, und Henri Oedenkoven, dem Sohn und Erben eines bedeutenden belgischen Industriellen. Gemeinsam war ihnen, dass sie die bürgerlichen Konventionen verabscheuten und ein Leben in Freiheit suchten.

Ein Jahr nach dem Ende der Kur kam es im Sommer 1900 zum Wiedersehen in München. Mit von der Partie war nun auch Karl Gräsers Bruder Gustav, genannt Gusto, der bereits seit einiger Zeit ein Leben als Wandervogel und ohne festen Wohnsitz führte, und einige andere, die vom Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben träumten. Nach langen Diskussionen wurde der Beschluss gefasst, eine "vegetabile Cooperative" und Naturheilanstalt zu gründen. Alle Beteiligten sollten ihr Vermögen einbringen, ein Teil der Gewinne sollte in das Projekt reinvestiert, der Rest an die Teilhaber ausgeschüttet werden. Die Kommune sollte an einem der oberitalienischen Seen liegen, und um den geeigneten Ort zu finden, machte man sich auf den Weg - zu Fuß!

Die Gruppe kam bis ins Tessin und fand dort den idealen Platz für ihr alternatives Projekt. Gleich außerhalb von Ascona befand sich der Monte Monescia, der einen schönen Blick auf den Lago Maggiore bot. Die Reblaus hatte die Weingärten vernichtet, Ziegen und Schafe weideten nun auf dieser Kuppe, denn einen wirklichen Berg kann man diese Erhebung nicht nennen, sein höchster Punkt liegt nur 350 Meter über dem Meeresspiegel. Gemeinsam kauften die Aussteiger vier Hektar Grund und gründeten ihre Kooperative. Eine der ersten Entscheidungen war, den Berg in Monte Verità, also Berg Wahrheit, umzubenennen. In der von der Gruppe entwickelten "neuen ortografi" hieß es dazu: "Wir behaupten keines wegs, die warheit gefunden zu haben, sondern dass wir entgegen dem oft lügnerischen gebaren der geschäftswelt und dem her konvenzioneler vorurteile der geselschaft danach streben, der warheit zum sige zu ferhelfen."

Doch von Anfang an gab es Spannungen in der Gruppe, denn die Aussteiger waren sich nicht einig, welchen Weg sie einschlagen sollten. Der reiche Erbe Oedenkoven stellte - wie zu erwarten war - den weitaus größten Anteil am Startkapital. Er wollte auf dem Monte Verità eine Kuranstalt aufbauen, die auch wirtschaftlich erfolgreich sein sollte. Ihm gegenüber stand Karl Gräser, der Geld völlig ablehnte und in einer Kommune leben wollte, die autark war und von ihrer eigenen Arbeit und den selbst erzeugten Produkten leben sollte. Seine Abneigung gegen den schnöden Mammon ging so weit, dass er Überschuss aus der Produktion nicht verkaufen, sondern bestenfalls gegen andere Dinge tauschen wollte.

Weder Tee noch Salz

Diskussionen gab es auch um die Ernährung der Kommune. Mitgründerin Ida Hofmann schwebte vor, dass sich die Gruppe vegan ernähren sollte. Aber nicht nur das: Salz, Pfeffer und andere Gewürze sollen nicht verwendet werden, auch aufreizende Genussmittel wie Tee, Kaffee, Alkohol und Tabak waren auf dem Berg der Wahrheit tabu. Nicht alle Aussteiger kamen mit dem strengen Regime zurecht und so mancher Kommunarde schlich sich in der Nacht ins Dorf, um sich ein Stück Salami zu gönnen.

Postkarte des Monte Verità, circa 1904. - © WIki Commons
Postkarte des Monte Verità, circa 1904. - © WIki Commons

Der anfängliche Enthusiasmus übertünchte aber noch die Meinungsverschiedenheiten und die Gruppe ging entschlossen ans Werk. Sogenannte "Licht-Luft-Hütten" wurden gebaut, die absichtlich nach außen durchlässig waren, um rund um die Uhr den Kontakt zur Natur zu ermöglichen. Bald wurden auch die ersten Felder bestellt (am besten unbekleidet, auch bei der Arbeit sollte und wollte man die Natur mit allen Sinnen spüren), doch schon kam es zu den ersten Streitereien, denn manche Mitglieder der Kooperative kamen mit der ungewohnten körperlichen Arbeit nicht zurecht.

Gräser war der Hardliner der Gruppe und ging mit seinen Forderungen nach Verzicht am weitesten. Besucher schilderten ihn als einen Robinson der Alpen: Er trug eine schäbige Wolljacke, die er in Ermangelung eines Knopfes mit einem durchbohrten Dattelkern schloss, dazu "Sandalen, die er selbst gemacht hatte. Langes, lockiges Haar fiel auf die Schultern herab, ein Streifen von geflochtenem Bast war um die Stirne gelegt, das volle und gesund rotwangige Gesicht war von einem kurzen Bart umrahmt."

Gräsers Fundamentalismus trieb aber gefährliche Blüten: Als seine Frau nach einer Fehlgeburt in Lebensgefahr war und Verwandte einen Arzt zu ihr schickten, bezeichnete er dessen Einschreiten als ungewollten Eingriff in den Lauf der Natur: "Was du da tust, ist Unrecht", soll er dem Mediziner gesagt haben. "Es ist ganz natürlich und gesetzmäßig, wenn meine Frau jetzt untergehen muss. Wir haben nicht das Recht, hier einzugreifen."

Es dauerte nicht lange und die Konflikte in der Gruppe verschärften sich. Oedenkoven wollte, dass der Betrieb des Sanatoriums den Erhalt der Aussteiger sicherstellen sollte, Gräser lehnte Geld und Gewinnstreben weiterhin ab. Dazu kamen weitere Spannungen: Während Oedenkoven und die weniger dogmatischen Mitglieder der Kommune den Einsatz technischer Geräte in einem gewissen Ausmaß zuließen, war Gräser gegen jede Form von Technik.

Die Spaltung war nur eine Frage der Zeit und schon nach einem Jahr verließen Gräser und seine Frau Jenny die Gemeinschaft. Mit Jennys Geld kauften sie unmittelbar neben dem Monte Verità ein Grundstück, das sie nun zu zweit bewirtschafteten. Von Bequemlichkeit war keine Spur: Das Wasser musste aus einem Teich geholt werden und die beiden wohnten in einem Haus, das diesen Namen nicht verdiente. Es war eine Ruine, geschlafen wurde im oberen Stock, der aber nur auf zwei Seiten gemauert war. Auf dem Boden lagen Strohmatratzen, die Schlafenden wurden einzig durch ein freistehendes Dach geschützt - all das, um der Natur so nahe wie möglich zu sein. Das Einkommen der Gräsers sicherten Obst und Marmeladen, die sie im Dorf gegen andere Produkte tauschten.

Während Gräser und seine Frau in erbärmlichen Verhältnissen hausten, florierte nebenan das Geschäft mit dem Sanatorium. Neben einem Anziehungspunkt für Aussteiger wurde der Monte Verità nun zu einer Künstlerkolonie. Hermann Hesse, Paul Klee, Gerhard Hauptmann und Else Lasker-Schüler sind nur einige Beispiele für die zahlreichen Maler, Autoren und Künstler, die im Tessin nach einer neuen Lebensweise suchten. Die zahlreichen Gäste brachten zwar Geld, waren den Aussteigern aber eine Last. Sie verwickelten die Kommunarden in langwierige und ideologische Diskussion, was auf Kosten der Arbeitszeit ging.

Je populärer der Monte Verità wurde, umso mehr passte sich das Sanatorium den Gästen an, und die früheren Grundsätze wurden zusehends aufgegeben. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs kamen viele Kriegsdienstverweigerer auf den Berg der Wahrheit, auf Dauer bedeuteten der Krieg und dessen wirtschaftliche Auswirkungen aber den Untergang des Sanatoriums. Die wirtschaftlichen Probleme vergrößerten sich, man musste den Bedürfnissen der Gäste entgegenkommen und mehr Komfort bieten. Die Vorschriften wurden also gelockert und 1917 geschah das bis dahin Undenkbare: Oedenkoven erlaubte nämlich, dass Fleisch gegessen wurde. Derselbe Mann hatte einst bei der Gründung der Kommune Reste von Schafkäse gefunden, sie mit Abscheu durch das Lager getragen und diese Krümel bei den Versammlungen anklagend seinen Genossen gezeigt.

Pleite und Verkauf

1920 war der Betrieb trotz aller Anpassungen an das Publikum am Ende. Oedenkoven verkaufte das Gelände an einen Bankier, der das Sanatorium abriss und auf dem Hügel ein Hotel errichtete. In der Zwischenkriegszeit zehrte man am Monte Verità noch vom alten Ruhm, doch der Zweite Weltkrieg beendete diesen neuen Höhenflug. Eine turbulente Episode ging damit dem Ende zu. Die ansässigen Bewohner von Ascona hatten das skurrile Treiben auf dem Berg übrigens stets gelassen hingenommen. Zwar wurden die nackt arbeitenden und tanzenden Aussteiger belächelt und verwundert angesehen, zu wirklichen Konflikten kam es allerdings nie. Lediglich einige Vermerke der Polizei haben sich erhalten, die Aussteiger wurden darin ersucht, sich etwas anzuziehen, wenn sie in das Dorf kamen.

Doch was wurde aus Karl Gräser? Er ging mit seiner Verweigerung aller Bequemlichkeiten bis ans Limit, doch das entbehrungsreiche Leben forderte seinen Tribut. 1915 erkrankte er und musste den Monte Verità verlassen. Über sein weiteres Leben gibt es wenige Aufzeichnungen, 1920 starb er im Alter von nur 45 Jahren in einer Nervenheilanstalt in Kassel.