In den letzten Monaten verband sich das Bild, das die Medien von Minnesota zeichneten, mit dem Tod von George Floyd und den darauffolgenden Protesten und Unruhen. Zweifellos besteht diese Spannung (nicht nur) in der "Twin Cities Metro Area" weiter, wo sich Afroamerikaner vor Polizeikontrollen oder rassistisch motivierten Übergriffen fürchten. Aber die Region Minneapolis-Saint Paul, welche nur knapp das Dutzend der bevölkerungsreichsten Agglomerationen der USA verfehlt, hat sowohl auf akademischer als auch auf künstlerisch-architektonischer Ebene viel zu bieten, wozu das Lebenswerk der gebürtigen Wiener Pionierarchitektin Elizabeth "Lisl" Scheu Close maßgeblich beigetragen hat.

Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass Lisl und ihr Ehemann Winston Close hochbegabte Könner waren, was die Schaffung von naturnahen und gemütlichen, holzverschalten Einfamilienhäusern und kleinen Refugien betrifft, in denen ihre vornehmlich akademisch oder künstlerisch tätige Klientel illustre Gäste empfangen oder den Gedanken freien Lauf lassen konnte.

Eines dieser bereits knapp nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Häuser hat die Familie von den Erben der Bauherren zurückgekauft; das "Skywater" genannte Juwel steht an einem Abhang mehr oder minder mitten im Wald (um nicht zu sagen im "Grünland"). Ein lokaler Schmied hat einen Kessel und Ketten für eine urwüchsige Feuerstelle hergestellt, Winston Close aber jene Möbel designt, die wegen des knappen Budgets damals nur einen Pappenstiel kosten durften und dennoch den zeitlosen Hauch der Moderne noch heute in sich tragen.

Campus-Häuser

Alles aus Holz und mit Fundamenten aus Natursteinen, versteht sich, so wie die meisten mit Flachdächern, Terrassen und reizvollen, aber auch funktionellen Details ausgestatteten Villen, von denen es immerhin fünfzehn am University Grove (dem "Hain" unweit dem Campus der Neuen Universität von Minneapolis) aus der Planungswerkstatt der Close Architects gibt.

Die öffentlichen Gebäude des Ehepaars Close, das zunächst unter den Eigennamen auftrat, dann die Firma Close Associates gründete, zeichnen sich durch viele herausragende Eigenschaften aus. Die Ambulanzen und Kliniken bieten Räume, in denen sich Patienten und Gäste zwanglos treffen und in einer lebensbejahenden Atmosphäre unterhalten können - etwas, das etwa im Wiener AKH schmerzlich fehlt. Die Angestellten des Clearwater-Forschungszentrums lobten allesamt die gelungene Belichtung und das bestechende Labordesign der Planer.

Die ebenfalls von beiden Close geplante Ferguson Music Hall bietet in ansprechendem Holzdesign - nicht unähnlich dem neuen Saal der Wiener Sängerknaben oder dem spektakulären Konzerthaus in Erl - akustisch perfekte Aufführungsmöglichkeiten und moderne technische Ausstattung; daneben laden Probesäle und Räume des College akademischen Ranges als Stätten der Kunstausübung und Lehre ein.

Jane King Hession: Elizabeth Scheu Close: A Life in Modern Architecture. Minnesota University Press 2020, 39,95 USD.
Jane King Hession: Elizabeth Scheu Close: A Life in Modern Architecture. Minnesota University Press 2020, 39,95 USD.

Lisl Scheu Close ist in ihrer zweiten Heimat, den USA, keine Unbekannte, wozu auch facheinschlägige Artikel und neuerdings eine reich bebilderte Biografie beitragen. Heute singen Architekturexpertinnen wie die Biografie-Autorin Jane King Hession oder ihre Wiener Kollegin Judith Eiblmayr das Hohelied der benachteiligten, aber durchsetzungsstarken Frau in einer feindseligen, männlich dominierten Gesellschaft.

Stadtrat als Vater

Aber dieses Bild passt bei näherer Betrachtung nur bedingt auf die solcherart apostrophierte Architektin, deren Aufstieg durchaus von Einsichtigen und Philanthropen wie dem Finanzmagnaten und Kaufhauskönig Edward Filene gefördert und begleitet wurde. Der als sozialer Wohltäter geltende, kinderlose Filene weilte in den Zwanzigerjahren oft in Berlin und in Wien, wo er auch Lisls Eltern kennenlernte. Später half er ihr, das Architekturstudium in Boston fortzusetzen, er leistete 1932 das Affidavit, finanzierte Überfahrt und Wohnung und kümmerte sich wie ein Vater um die Tochter seines Wiener Freundes, des bekannten Freimaurers Gustav Scheu.

Der erste Mann, der Lisl noch als Kind in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, war der konservative Salzburger "Reichspost"-Journalist Friedrich Reischl. Damals, am 2. Juni 1919, stand die Siebenjährige im Wiener Augarten und skandierte ein Gedicht vor amerikanischen Gästen, dem Präsidenten der Nationalversammlung und späteren Bürgermeister Karl Seitz, dem Wiener Vizebürgermeister Max Winter sowie ihrem Vater, dem Anwalt und sozialdemokratischen Stadtrat Gustav Scheu. Warum Jane King Hession in einem Buch, das (bisher) nur auf Englisch erschienen ist, nur die deutsche Version von Reischls Bericht zitiert, wird ihr Geheimnis bleiben, denn der Redakteur des Bulletins der American Relief Administration dokumentierte die US-Kinderhilfe auch in einer englischsprachigen US-Version, die 1920 in Buchform erschienen ist. Vermutlich sind viele Exemplare im Orkus verschwunden, doch die Wienbibliothek, welche die Autorin kontaktierte, verfügt über beide Versionen.

Nicht erwähnt wird in der Biografie, dass der von Lisl Scheu (wie sie vor ihrer Heirat noch hieß) nach ihrem Studium am Massachusetts Institute of Technology kontaktierte Wiener Landsmann Richard Neutra nur einen Steinwurf vom Augarten entfernt lebte und aufwuchs. Er besuchte das Gymnasium in der Zirkusgasse, seine Heimatadresse war die Leopoldstädter Josefinengasse und sein Vater Samuel Neutra betrieb eine Erzgießerei in der (damals viel längeren) Dresdner Straße. Neutra, der im April 1970 angeblich nach herzschwächendem Ärger über einen Nachbarbau neben einer von ihm designten Villa in Wuppertal starb, wurde unlängst im Wien Museum zum 50. Todestag mit einer Ausstellung geehrt.

Projekte in den USA

Natürlich kannte Neutra auch den Wohnbaustadtrat Scheu, er verließ aber bald Wien in Richtung Zürich, ehe er in den USA als Mitarbeiter von Frank Lloyd Wright und als Partner von Rudolph Schindler Fuß fassen konnte. Angeblich wollte er Lisl in Kalifornien nur gegen eine Art Aufnahmegebühr und einen monatlichen Beitrag einstellen, wie ihre Biografin berichtet. Sie wandte sich daher im Jahr 1935 an eine andere Firma, in der sie von Oscar Stonorov gefördert wurde, der sie in New Jersey an einem Wohnpark mitwirken ließ.

Nach 1938 begann die dornenvolle, aber bald erfolgreiche Ära der Selbstständigkeit in Minneapolis. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es in den USA schneller bergauf als in Wien, aber die Frage drängt sich auf, warum die Stadt die Vertreter der amerikanischen Moderne, die aus der Donaumetropole stammten, nicht dazu einlud, Wien ein modernes Antlitz zu geben. Neutra wurde nach seiner Mitwirkung an der Gartenstadt in der Hietzinger Woinovichgasse, die in den 1920er Jahren stattfand, nie für ein größeres Projekt herangezogen, obwohl er den Lebensabend hier verbrachte.

Dasselbe gilt für Lisl Scheu Close, die nie eingeladen wurde, hier ein Projekt vorzustellen oder umzusetzen. Immerhin war sie in der berühmten Villa Scheu von Adolf Loos (1912) in der Larochegasse aufgewachsen und ihre Vorfahren hatten Geschichte gemacht: Ihr Großvater Josef Georg Scheu komponierte das "Lied der Arbeit", heute sind der Margaretener Scheupark bei der Bräuhausgasse, die Favoritner Scheugasse und ein Gemeindebau nach ihm benannt. Die Großonkel Heinrich und Andreas Scheu mussten als sozialistische Urgesteine emigrieren. Ihre Mutter, mit der gewisse Spannungen bestanden, war die Kinderbuchautorin Helene Scheu-Riesz.

Das George-C.-Marshall-Haus in Berlin. - © CC BY-SA 4.0/Fridolin freudenfett
Das George-C.-Marshall-Haus in Berlin. - © CC BY-SA 4.0/Fridolin freudenfett

Deutscher Wohntraum

Um ein Haar wäre es Lisl Scheu Close gelungen, in Berlin eine Fußnote ihres beträchtlichen Repertoires in Form eines modernen Fertigteilhauses von über 100 Quadratmetern Grundfläche zu hinterlassen. Das spannende Projekt lief über eine Propaganda-Ausstellung. Zunächst errichteten die Amerikaner im Jahr 1950 das George Marshall Building, das bestehen blieb, nicht aber das hölzerne, von Scheu Close mühevoll konzipierte amerikanische Einfamilienhaus mit Garage. Die Deutschen, die damals noch zwischen Bombentrichtern und Schuttbergen wandelten, kamen aus dem Staunen nicht heraus, als sie sahen, welchen Luxus der Bungalow mit TV, Kühlschrank und Gasherd bot. Leider wurde die Urheberin dieses Wohntraums, der verlost hätte werden sollen, nicht genannt: Lisl Scheu Close.

Wer sich in ihr reichhaltiges Werk vertiefen möchte, dem sei Jane King Hessions bilderreiche Biografie empfohlen. Lisl Scheu Close, die 2011 verstarb, trug ihren Anteil zum besseren Standing von Frauen in der Midwest-Region bei. Für sie zählten Leistung und Kreativität, ihre Rolle als Mutter von drei Kindern und Unternehmerin spielte sie souverän. Als sie vor dem Zweiten Weltkrieg als Architektin zu wirken begann, war sie die erste und einzige Frau, die in Minnesota die Zulassung errang. Heute weist der bei den kommenden Präsidentschaftswahlen besonders wichtige Bundesstaat eine nennenswerte Zahl an Architektinnen und Designerinnen auf, die auch gut miteinander vernetzt sind.