Wer in Meidling durch die Korbergasse schlendert, gewinnt nicht den Eindruck, an einem Heldenort zu sein. Ein paar Wohnblöcke, ein Automechaniker, dazwischen eine Lücke Grün und eine Ahnung der längst verwehten Vorstadtluft empfangen den Besucher. Hier, im einstigen Vorort Gaudenzdorf außerhalb des "Gürtels", gingen die Uhren langsamer, bevor die Stadtteile vor dem einstigen Linienwall samt Zollstellen und Kapellen eingemeindet wurden.

Oftmals wählte der Gemeinderat die Namen alter Ortsrichter für die Straßennamen aus, so auch in diesem Fall. Wer in der Korbergasse wohnte, war womöglich prädestiniert dazu, in die Fußstapfen des letzten Richters von Gaudenzdorf zu steigen - und genau das tat Hermine Santruschitz, besser bekannt unter ihrem niederländischen Namen Miep Gies, die dort ihre Kindheit verlebte (1909-1920) und dann, fünfzig Jahre später, zu einer righteous among the nations aufstieg, einer der Gerechten unter den Nationen, die Österreich hervorgebracht hat und die in Yad Vashem ausgezeichnet werden. Nach ihrer Übersiedelung lebte sie noch 90 Jahre in den Niederlanden und starb, hundertjährig, im Jahr 2010.

Miep Gies, die sich als Büromitarbeiterin von Dr. Otto Frank, dem Vater von Anne und Margot Frank, zwei Jahre (1942-44) unter Lebensgefahr um die im Hinterhaus versteckte Familie und weitere fünf "onderduiker" gekümmert hatte, erhielt dank der Initiative des grünen Politikers Marco Schreuder, der niederländische Vorfahren hat, einen eigenen Park gewidmet. Das mit einem Fitnessparcours versehene Grünareal befindet sich seit rund einem Jahrzehnt beim einstigen Meidlinger Kabelwerk an der U6-Linie, Station Tscherttegasse.

Vor zwei Jahren wurden die Schilder, die auf Miep Gies’ Rolle während der NS-Zeit hinweisen, aufs Übelste beschmiert ("Verräter") und mit Hakenkreuzen versehen - ein später Schock, doch nichts im Vergleich zu den Untaten, welche die Besatzer unter dem österreichischen Reichskommissär Arthur Seyß-Inquart und dem aus Klagenfurt stammenden höheren SS- und Polizeiführer Hanns Albin Rauter zwischen 1940 und 1945 an der niederländischen Bevölkerung, die sich nicht fügen wollte, und an der jüdischen Bevölkerung, darunter vielen deutschen und österreichischen Emigranten, begangen haben.

Aus Holland wurden mehr als 100.000 Juden deportiert, die meisten überlebten den Holocaust nicht. Der Reichskommissär nutzte, wie die Historiker Berger und Koll nachwiesen, seine Handlungsspielräume, zudem setzte Hitler in seinem Testament Seyß-Inquart sogar als Außenminister ein. All diese Ereignisse sind erst in den letzten Jahrzehnten genauer aufgearbeitet worden, obwohl schon der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess Hetzreden zutage brachte, die der angepasst und verhalten wirkende Seyß-Inquart während seiner Regentschaft unter der Ägide Hitlers in Den Haag und in Amsterdam hielt.

Arthur Seyß-Inquart bei einer Ansprache vor der Ordnungspolizei in Den Haag (1940)
 - © Bundesarchiv, Bild 121-1976 / CC-BY-SA 3.0
Arthur Seyß-Inquart bei einer Ansprache vor der Ordnungspolizei in Den Haag (1940)
- © Bundesarchiv, Bild 121-1976 / CC-BY-SA 3.0

In jener Zeit, in der das aus Mähren stammende "trojanische Pferd", mit dem die österreichischen NS-Sympathisanten in die Bundesregierung eindrangen, noch als angesehener "Staatsrat" der autoritären Regierung Schuschnigg ab 1936 agierte, lebte Seyß-Inquart mit Gattin Gertrude und Töchtern in der Hernalser Dornbacher Straße. Die Rechtsanwaltskanzlei betrieb der uncharismatische Politiker Am Hof, unweit der Feuerwache, nach der NS-Machtübernahme wurde er von Hitler bald entmachtet und spielte als Minister ohne Portefeuille in dessen Marionettenregierung keine Rolle. So wurde er zunächst stellvertretender Reichskommissär in Polen, ab Mai 1940 amtierte er in den Niederlanden, wo er höchst unheilvoll wirkte. Die Rechnung bekam er in Nürnberg am 1. Oktober 1946 in Form eines Todesurteils präsentiert, zwei Wochen später wurde Seyß-Inquart als einer der Hauptkriegsverbrecher hingerichtet.

Der höhere SS- und Polizei-Führer Hanns Albin Rauter wurde in den Niederlanden 1948 justifiziert. Unter seiner Ägide wurden jene Menschen verfolgt und gequält, die Juden halfen, darunter Victor Kugler, der aus der k.u.k. Monarchie stammende, mit eingeweihte Helfer der Franks, der das Lager Amersfoort knapp überlebte.

Noch ein Österreicher spielte auf Seiten der NS-Machthaber eine Rolle für die Familie Frank, nämlich der Polizist Karl Silberbauer, der im Jahr 1942 nach Amsterdam versetzt worden war. Der in Wien-Favoriten in der Karmarschgasse beheimatete Mitarbeiter der Gestapo und des SD erhielt am 4. August 1944 den Auftrag, in der Amsterdamer Prinsengracht 263 eine Firma zu durchsuchen, in der angeblich mit gefälschten Lebensmittelkarten gehandelt wurde.

Die Aktion endete mit der Verhaftung von Anne Franks Familie und dem ebenfalls versteckten Zahnarzt Dr. Pfeffer sowie der dreiköpfigen Familie van Pels. An jenem Tag rettete Miep Gies, die verzweifelt im Büro ausgeharrt hatte, das Tagebuch, das später zum Bestseller werden sollte.

Silberbauers Rolle

Auch der Polizist Karl Silberbauer, der in Wien nach einer vierzehnmonatigen Haftstrafe wieder im Kriminaldienst eingestellt wurde, kaufte sich später das Tagebuch der Anne Frank, weil er wissen wollte, ob er darin vorkam. Die Identität dieses Kriminalbeamten deckte Nazijäger Simon Wiesenthal auf, nachdem Otto Frank absichtlich den Namen in "Silberthaler" geändert hatte, weil er der Meinung war, den bei der Verhaftung korrekt auftretenden Silberbauer träfe keine Schuld am Schicksal der acht Juden, von denen sieben im KZ starben und nur er überlebte.

Karl Silberbauer in den 40er Jahren - © gemeinfrei
Karl Silberbauer in den 40er Jahren - © gemeinfrei

Groteskerweise schrieb sogar die Schwiegermutter des Polizisten an Dr. Frank in Basel nach der Aufdeckung im Jahr 1964, dass die Presse aufhören sollte, Karl Silberbauer zu belästigen. Aber dieser wusste sich schon selbst zu helfen, erst posthum - er starb 1972 - fand ein deutscher Experte heraus, dass Silberbauer auch für den Bundesnachrichtendienst gearbeitet hatte. Und im Jahr 1944 war er noch in der Kartei der Gestapo als Mitarbeiter des Referats "Kommunismus, Marxismus" eingetragen. Das erklärt auch, wa-rum man ihn allmählich abzog, nachdem gerade in Wien die Schergen vom Morzinplatz eine hohe "Erfolgsrate" in den ersten Jahren aufwiesen, in denen sie den KP-Widerstand infiltrierten.

Wer die Opferlisten im Dokumentationsarchiv studiert, erkennt mit Grauen, dass oftmals nur eine Spende an die "Rote Hilfe" ausreichte, um im Straflandesgericht zu landen und dort justifiziert zu werden. Mehrere hundert Frauen zählen auch zu diesen Opfern des NS-Regimes, darunter die in Silberbauers Heimatbezirk in der Ankerbrotfabrik verhaftete Käthe Odwody, eine Betriebsrätin, nach der heute eine Gasse benannt ist.

Bei der Verfolgung von Juden in den Niederlanden spielte Silberbauer nur eine Nebenrolle, da er sich mit der Aufdeckung von Missbrauch beim rationierten Lebensmittelbezug befassen musste. Diesen Aspekt hat erst vor wenigen Jahren der niederländische Historiker Gert-Jan Broek aufgedeckt, lange Zeit ging man von einem Verrat aus, weil die Polizisten, darunter drei Niederländer, offensichtlich gut über die Räumlichkeiten und das Versteck der Franks informiert waren. Doch Broek wies nach, dass die Polizei andere Ziele verfolgte als die Verhaftung der Untergetauchten, die er als Zufallsfund qualifiziert.

Im Wien der Dreißigerjahre wuchs auch Anne Franks Stiefschwester Eva Schloss (geb. Geiringer) auf, die unlängst Wien besucht hat. Der Wohnsitz von Evas Vater Erich Geiringe befand sich in der Hietzinger Hauptstraße (51),  sein Büro in der Apollogasse (14) in Wien-Neubau. Unweit des Westbahnhofes betrieb er mit Partner Philipp Braun die Schuhfabrik "Blumka’s Nfg.". Laut Zeitzeugin Eva Schloss war die Firma unbedeutend, allerdings konnte sich ihr Vater auch im holländischen Exil in der Lederbranche behaupten. Auch die Geiringers mussten im Umfeld von Amsterdam untertauchen, wurden aber verraten und verhaftet. Erich und sein Sohn Heinz starben knapp vor Kriegsende auf österreichischem Boden (Mauthausen/Ebensee), Erich Geiringer im März 1945, Heinz im April. Eva und ihre Mutter Fritzi, welche später die zweite Frau von Otto Frank werden sollte, überlebten.

Gasteltern als Glückslos

Der Bahnhof, in dessen Nähe Erich Geiringer sein Kontor betrieb, spielte auch für die kleine Hermine (später "Miep") eine wichtige Rolle. Es war ein trüber Tag im November 1920, als die Eltern die elfjährige Tochter mit einem Namensschild und einem Rucksack dorthin brachten. Das Ziel der Reise, welche das Mädchen mit einer Gruppe von unterernährten Kindern unternehmen musste, war die niederländische Stadt Leiden, wo sie die Familie von Laurens Nieuwenburg erwartete. Dass Hermine mit ihren Gasteltern, die fünf Kinder großzogen, ein Glückslos gezogen hatte, konnte sie bei der Abfahrt aus dem düsteren und hungernden Wien nicht wissen. Die Elfjährige weinte bitterlich, da sie dachte, dass ihre Mutter Karoline sie bestrafen wollte.

In Holland war dann alles besser, das Land hatte tausende Wiener Kinder zwecks Aufpäppelung aufgenommen, man behandelte sie wie die eigenen Kinder. Als der Lehrer am ersten Schultag in Leiden fragte, wer dem elfjährigen Mädchen aus Wien helfen wollte, zeigten alle Schüler auf, so Miep Gies, die 1941 den Niederländer Jan Gies heiratete. Ihre Gastfamilie war nach Amsterdam gezogen, wo sie in einer Fabrik arbeitete, ehe sie den aus Frankfurt stammenden Otto Frank über Vermittlung einer Nachbarin kennenlernte und bei der Firma "Opekta" anheuerte.

Auch der dort amtierende Direktor Victor Kugler hatte altösterreichische Wurzeln, er stammte aus der nordböhmischen Neustadt an der Tafelfichte. Für Anne Frank wurden Kugler und Miep Gies wichtige Bezugspersonen, die sie auch im Versteck besuchten. Wie der Botschafter Otto Maschke schrieb, der Miep Gies 1993 persönlich als Vertreter der Republik besuchte und auch bei der Einweihung des Parks in Wien dabei war, muss uns diese Frau auch heute, ein Jahrzehnt nach ihrem Tod, als Symbol des mutigen Widerstands und der Empathie gelten.