Ruth Maier (10.11.1920-1.12.1942) gilt manchen aufgrund ihres Tagebuchs als "norwegische Anne Frank". - © HL-senteret/Public Domain
Ruth Maier (10.11.1920-1.12.1942) gilt manchen aufgrund ihres Tagebuchs als "norwegische Anne Frank". - © HL-senteret/Public Domain

Als die 18-jährige Ruth Maier im Jänner 1939 nach Norwegen emigrierte, ahnte sie nicht, dass einige Monate später die deutsche Wehrmacht ihr Exilland überfallen würde. Sie wandte sich mit großem Elan der norwegischen Kultur zu, schon nach drei Monaten las die 19-Jährige Knut Hamsuns Roman "Hunger" im Original. Obwohl sie zunächst ein Visum für England hatte, wählte sie Norwegen. Auf eine Arbeitserlaubnis wartete sie aber ebenso vergeblich wie auf ein amerikanisches Visum.

Die innere Zerrissenheit, die Sehnsucht nach ihrer Familie, das Gefühl, für die Gastfamilie eine Belastung zu sein, führten bei der jungen Frau zu großer Niedergeschlagenheit. Dennoch bildete sich die belesene 20-Jährige ständig weiter, machte 1940 in Oslo die Matura, besuchte eine Abend- und eine Handelsschule. Im Herbst 1942 wurde Ruth Maier nach Auschwitz deportiert und am 1. Dezember ermordet. In Dänemark hätte sie vielleicht überlebt, da die Dänen kurz vor dem Zugriff der Gestapo 7.000 Jüdinnen und Juden zur Flucht über den Öresund nach Schweden verhalfen.

Erst spät bekannt

Ruth Maiers Tagebücher zeigen die Kollaboration Norwegens mit den Nationalsozialisten auf, die 1940 das Land besetzten. Ihre Tagebücher wurden erst im Jahr 2008 in deutscher Übersetzung publiziert. Dass sie erhalten geblieben und bekannt geworden sind, verdanken wir zwei Schriftstellern. Zunächst Ruths Freundin Gunvor Hofmo, die nach dem Krieg als Lyrikerin bekannt wurde: Sie bewahrte das Konvolut bis zu ihrem Tod 1995 auf. Im Nachlass der Dichterin fand Jan Erik Vold, der Doyen der norwegischen Literatur, Ruth Maiers Tagebücher, die er 2007 in Norwegen veröffentlichte.

Die deutsche Ausgabe von 2008 (Neuauflage 2020) enthält neben Ruth Maiers Notizen auch Briefe an ihre Schwester, die im englischen Exil überlebte, sowie Fotos, Aquarelle und Zeichnungen. Ausgaben in Dänisch, Englisch, Estnisch, Französisch, Hebräisch, Italienisch, Niederländisch, Russisch, Schwedisch und Spanisch folgten. Seit 2014 sind Ruth Maiers Dokumente Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes "Memory of the World". Davon ausgehend entstanden ein Broadway-Musical, ein Theaterstück und eine Oper.

In Österreich aber ist Ruth Maier kaum bekannt. Gemeinsam mit dem norwegischen Holocaust- und Minderheiten-Forschungszentrum in Oslo, das die Briefe und Tagebücher aufbewahrt, kuratierte das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes 2017/18 eine Ausstellung, die anschließend ins Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York wanderte.

Ruth Maier entstammte einem bildungsbürgerlichen Haus, in dem gewerkschaftliche Traditionen hochgehalten wurden. Ihr Vater, ein Jurist, literarisch sehr interessiert mit großer Bibliothek, amtierte als Generalsekretär der Internationalen Post- und Telegrafenunion bis zu seinem Tod im Jahr 1933. Er war 1927 aus der Israelitischen Kultusgemeinde ausgetreten, Ruth war daher konfessionslos. Dr. Ludwig Maier wohnte mit seiner Frau Irma und den beiden Töchtern zunächst in Wien-Währing (Peter-Jordan-Straße 96). 1931 übersiedelte die Familie in den eben fertiggestellten Gemeindebau an der Gersthofer Straße 75-77. In der Etage über der Wohnung hatte Ruths Vater, mit dem sie ein inniges Verhältnis verband, sein Büro.

Ruths Eltern Irma und Ludwig Maier. - © Annmaltmanphd CC0 1.0
Ruths Eltern Irma und Ludwig Maier. - © Annmaltmanphd CC0 1.0

Im Zuge der Ausschaltung der demokratischen Institutionen im Laufe des Jahres 1933 nahm die Regierung Dollfuß auch die "Privilegien" sozialdemokratischer Gewerkschafter ins Visier: So widerrief die Postdirektion am 24. Oktober 1933 Maiers seit März 1920 gültige Dienstfreistellung als Mitglied des Zentralausschusses der Postgewerkschaft. Bereits 1931 hatte der christlich-soziale Politiker Leopold Kunschak im Gemeinderat gegen die Zuteilung einer Gemeindewohnung an Maier gewettert! Nun wurde Maier in ein kleines Postamt im 19. Bezirk versetzt und "entpragmatisiert".

Nur wenige Wochen später erkrankte Ludwig Maier und starb am 28. Dezember 1933. Ab 1933 begann seine damals erst 13-jährige Tochter Ruth, ein Tagebuch zu führen. Die Einträge der ersten Jahre dokumentieren den Alltag einer assimilierten jüdischen Familie, aber auch politische Ereignisse wie den zunehmenden Antisemitismus. Dieser führte zu Gedanken über ihre Identität.

Kritische Denkerin

Ruth im Kindesalter. - © HL-senteret/Public Domain
Ruth im Kindesalter. - © HL-senteret/Public Domain

Ruth Maiers kritischer Geist zeigt sich in ihren Überlegungen zum damaligen Gymnasialunterricht. Am 5. Oktober 1937 kommentierte sie den trockenen Deutschunterricht sowie den lückenhaften Geschichtsunterricht: "Grammatikalische Lautverschiebung, mittelalterliche Meinungen über alles. Hartmann von Aue. Dann Daten, Daten (...). Dann Geschichte: Mittelalter, Neuzeit. Wieder vollgestopft mit Daten und Detaillierungen (...) Ein Überblick über die Geschichte, die tieferen Ursachen wird nie gegeben. (...) Ich möchte sehr viel lernen: Biologie, Medizin, Jus, Botanik, Astronomie, vor allem Naturwissenschaften."

Derart kluge Überlegungen wurden abrupt abgelöst von den brutalen Ereignissen im Jahr 1938. Ruth schrieb am 5. Oktober in ihr Tagebuch: "Ist das das goldene Wiener Herz oder ist das der Gipfel der Bestialität? (...) Ich verzweifle, ja ich verzweifle (...) Und ihr Studenten, rührselige Weltverbesserer, Sozialisten, Kommunisten, Träumer, Schwärmer? Warum lässt ihr das geschehen? Warum?"

Dann kam ihr 18. Geburtstag: "Freitag, 11. November 1938. Gestern war der schrecklichste Tag, den ich je erlebt habe. Ich weiß jetzt, was Pogrome sind, weiß was Menschen tun können. Menschen, die Ebenbilder Gottes."

Im Juni 1938 veranlasste die Wiener NSDAP die Kündigung von rund 2.000 Mietverhältnissen durch das städtische Wohnungsamt - alle zum 31. Juli 1938. Auch Irma Maier war unter den Gekündigten. Sie zog mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern in ein Untermietzimmer in die Obere Donaustraße 43.

Die Familie wollte Wien verlassen. Als Erste konnte Irma Maier ihre jüngere Tochter in Sicherheit bringen. Judith verließ am 11. Dezember 1938 vom Bahnhof Hütteldorf mit dem ersten der sogenannten Kindertransporte Wien in Richtung England. In ihrem Tagebuch beschrieb die 18-jährige Ruth die bedrückende Szenerie in den Abendstunden.

Irma Maier versuchte, die Kontakte ihres verstorbenen Mannes aus seiner Tätigkeit als Generalsekretär des internationalen Dachverbands der Postbediensteten zu nutzen. Es sollte für Ruth eine Möglichkeit gefunden werden, die Schule abzuschließen. Schließlich erklärte sich der norwegische Postgewerkschafter und Redakteur der Gewerkschaftszeitung "Telegrafbladet", Arne Strøm (1901-1972), bereit, alle Behördenwege zu erledigen und Ruth für die zwei Jahre, die sie bis zur Matura benötigen würde, in seiner Wohnung in Lillestrøm (östlich von Oslo) aufzunehmen.

Nach anfänglicher Freundschaft und Dankbarkeit empfand die österreichische Emigrantin den flotten Norweger, der auch ein Auto besaß und Ruth mit Frau und Tochter das Land zeigte, schon bald als "Graus". Sie stieß sich an Strøms selbstgerechtem Auftreten und fühlte sich auch von seiner Frau bevormundet.

In Norwegen, das Ruth als wunderschönes Land beschrieb, fühlte sie sich zunächst sicher. Aber spätestens nach der deutschen Besetzung im April 1940 spürte sie, dass sie nicht mehr herauskam, weder nach England noch - wie sehnlichst erhofft - in die Vereinigten Staaten.

Ruth Maier als Jugendliche. - © HL-senteret/Public Domain
Ruth Maier als Jugendliche. - © HL-senteret/Public Domain

Alle Versuche, beruflich Fuß zu fassen, schlugen fehl. Dabei hatte Ruth viele Begabungen, einen wachen kritischen Geist: Das zeigt sich etwa bei der Beurteilung des norwegischen Pressewesens. Im August 1939 machte sie ihre Schwester in einem Brief darauf aufmerksam, dass man "Kultur an dem Niveau der Zeitungen messen könne" und Norwegen sich "vor keiner der westlichen Demokratien verstecken müsse". In den Briefen an ihre Schwester diskutierte sie über Literatur, Politik, Judentum und Privates. Begeistert sprach sie über Leo Trotzki und Arthur Schnitzler. Nach dem Einmarsch der Deutschen riss der bis dahin kontinuierliche Briefkontakt mit der Familie fast ganz ab.

Ab 1940 war Ruth in den von den norwegischen Nationalsozialisten eingerichteten Arbeitslagern für Frauen tätig. Dort begegnete Ruth jüngeren Leuten aus der Widerstandsbewegung, unter anderem der gleichgesinnten Gunvor Hofmo. Immer wieder beklagte Ruth in ihren Aufzeichnungen die deutsche Kriegspolitik und deren norwegische Mitläufer. Allerdings imponierte der jungen Frau, dass sich viele Lehrer und Pfarrer weigerten, einen Mitgliedsbeitrag an die von den Nationalsozialisten eingesetzte sogenannte "Gewerkschaft" zu bezahlen. Dies war möglich, da es in Norwegen eine starke Widerstandsbewegung gab.

Erst durch die Veröffentlichung von Ruth Maiers Tagebüchern im Jahr 2007 begann eine Diskussion über die Kollaboration von Teilen der norwegischen Bevölkerung mit dem NS-Regime. In ihren Aufzeichnungen ist auch von antisemitischen Bemerkungen die Rede, die Ruth im Arbeitslager vernahm. Sie berichtete aber auch, wie sich die Bevölkerung dem Druck der Propaganda widersetzte.

1939 hätte die 19-Jährige noch nach England emigrieren können. Ehrgeizig und pflichtbewusst, wie sie war, entschied sie, die Matura in Oslo abzulegen. Allerdings war die Vorbereitungszeit im altsprachlichen Zweig des Frogner Gymnasiums vom zunehmenden Antisemitismus geprägt. Ein Osloer Mitschüler schrieb auf Ruth Maiers Pult: "Juden sind hier unerwünscht". Somit war sie isoliert und verbrachte die Pausen nach eigener Aussage "am Klosett".

Auch das jüdische Milieu in Oslo blieb ihr fremd. In der Synagoge fühlte sie sich "nicht dazugehörig". Am wohlsten fühlte sich Ruth in der Deichmansken Bibliothek oder in der Universitätsbi-bliothek von Oslo. Obwohl sie keine Arbeitserlaubnis besaß, verdiente sie in einer Vielzahl von kleinen Jobs etwas Geld. Im Sommer und Herbst 1941 arbeitete Ruth mit ihrer Freundin Gunvor in einer Gärtnerei in der Gegend von Trondheim. Nach ihrer Rückkehr nach Lillestrøm belegten beide Frauen einen Kurs in Maschinenschreiben sowie in deutscher und norwegischer Stenografie in Oslo, den sie mit dem gesparten Lohn des Sommers bezahlten.

Modell für Statue

Geld verdiente Ruth auch mit Modellstehen bei einem Maler und einem Bildhauer. So stand sie Norwegens berühmtesten Bildhauer Gustav Vigeland im Frühjahr 1942 Modell. Vigelands Gipsfigur "Overraseket" ("Überrascht") mit Ruth Maiers Körper und dem Kopf eines anderen Modells wurde 2002 in Bronze gegossen und im Osloer Vigeland Park aufgestellt.

Zu den ersten Maßnahmen des Ministerpräsidenten Vidkun Quisling, der 1942 eine Kollaborationsregierung bildete, gehörte die Erfassung der in Norwegen lebenden Jüdinnen und Juden. Im Herbst 1942 zog Ruth Maier nach Oslo in ein Wohnheim, wo sie am 26. Oktober von den "Hirden" (einer norwegischen SA) verhaftet wurde. Mit 529 jüdischen Männern, Frauen und Kindern an Bord legte das deutsche Truppentransportschiff "Donau" von Akershuskai (unterhalb der Akershus-Festung zwischen Stadtzentrum und Alt-Oslo, eine Gedenkinstallation markiert die Stelle) am 26. November ab und verließ den Hafen in Richtung Stettin. Von dort wurden die Deportierten nach Auschwitz gebracht.

Das Grab von Ludwig und Irma Meier befindet sich auf dem Döblinger Friedhof. Auf dem Grabstein wird außerdem mit der Inschrift "In memoriam Ruth Maier" an das kurze Leben ihrer Tochter erinnert.