"Ich gehe immer auf die Suche nach meinem Schicksal. Ich weiß, dass mich nichts davon abhalten kann, es an jenem Tag zu treffen, an dem ich es treffen muß. Das Schicksal macht lange die Augen zu, aber einmal erblickt es uns doch", meinte Kaiserin Elisabeth im April 1892. Am 10. September 1898 erfüllte sich ihre Vorahnung in der Person von Luigi Lucheni: Der italienische Wanderarbeiter und glühende Anarchist erstach die 61-Jährige auf dem Genfer Quai du Montblanc, wo sie den öffentlichen Dampfer "Genève" nach Territet nehmen wollte.

Bereits einen Tag später beherrschte das Drama am Genfer See die Schlagzeilen der internationalen Presse. Es war die erste große Sensationsnachricht in der Geschichte, die mittels des neuen Telegrafen in Blitzesschnelle um die Welt ging. Der damals in Wien wohnende Schriftsteller Mark Twain schrieb: "(...) die Ermordung eines Königs ist ein großes Ereignis (...) die Ermordung einer Kaiserin ist jedoch das größte (...) man muss 2.000 Jahre zurückgehen, um Vergleichbares zu finden." Twain bezog sich auf die Ermordung der Messalina im Jahr 48 nach Christus.

Während man den vor Stolz strahlenden Lucheni einem ersten Verhör unterzog, erlag Elisabeth ihren Verletzungen. Unmittelbar danach wandte sich der Untersuchungsrichter Claude Léchet an die österreichischen Behörden. Zur Verurteilung des Täters nach Schweizer Recht sei eine Obduktion des Opfers unbedingt notwendig. Aufgrund der spätsommerlichen Hitze sei Eile geboten, man ersuche um rasche Zustimmung. Zwischen der Schweiz und dem Wiener Hof fand ein hektischer Austausch von Depeschen statt. Kaiser Franz Joseph reagierte entsetzt. Erst als man sich auf eine "Teilautopsie" beschränken wollte, willigte er ein.

Gesünder als gedacht

Im Luxushotel Beau Rivage gingen drei berühmte Schweizer Pathologen ans Werk. Das offizielle, von fünf Ärzten beglaubigte Protokoll der Obduktion enthält interessante Ergebnisse. Entgegen den Meinungen vieler Ärzte - und ihrer eigenen - war die Kaiserin zum Zeitpunkt ihres Todes bei bester Gesundheit gewesen, durchtrainiert und fit. Ihre kurz davor konstatierte und behandelte angebliche Herzschwäche stellte sich als Fehldiagnose heraus. Außerdem bescheinigten die Professoren der Herrscherin tadellose Zähne, "bonne dentition" - im Gegensatz zu einigen Zeitzeugen, die sie beim Reinigen ihres falschen Gebisses beobachtet haben wollten.

Das Hotel Beau Rivage, im Vordergrund eine Statue von Kaiserin Elisabeth. - © Andreas Faessler CC BY-SA 4.0
Das Hotel Beau Rivage, im Vordergrund eine Statue von Kaiserin Elisabeth. - © Andreas Faessler CC BY-SA 4.0

Die Chirurgin Hildegunde Piza-Katzer hat die Ergebnisse der Obduktion nach dem heutigen Stand der Medizin analysiert: "Die Kaiserin befand sich in ungewöhnlich guter Verfassung und besaß eine fast übermenschliche Disziplin. Nur so ist es zu erklären, dass sie nach der tödlichen Attacke, die sie als heftigen Schlag empfand, noch circa 120 Schritte bis auf das Schiff zurücklegen konnte. Dort sank sie in eine Ohnmacht, aus der sie nicht mehr erwachte. Aufgrund der Art der Verletzung verlief ihr Tod schmerzlos. Sie ist nach circa 90 Minuten, als die Pumpfunktion des Herzens das eindringende Blut nicht mehr bewältigte, ohne Todeskampf still verschieden. Auch heutzutage hätte man die Monarchin wahrscheinlich nicht retten können. Eine Herzbeuteltamponade führt meistens zum Tod."

Exakt fünfundachtzig Millimeter war, wie die Schweizer Kommission festgestellt hatte, ein spitzes Instrument - später als Luchenis Feile identifiziert - in den Brustkorb der Kaiserin eingedrungen, hatte die vierte Rippe zertrümmert, einen Lungenflügel durchbohrt und die linke Herzkammer vollständig durchstochen. Der Herzbeutel wies einen großen Erguss geronnenen Bluts auf, Ursache des Herzstillstands.

Den Zusammenhängen zwischen dem Anarchismus und dem Drama von Genf ist bisher nur wenig Beachtung geschenkt worden. Vielmehr wurde Elisabeths Tod meist als singuläres Ereignis, als zufällige, tragische Verkettung von Umständen gesehen. Die Kaiserin war aber nicht das zufällige Opfer eines fanatischen Einzelnen. Sie war vielmehr in ein gnadenloses Räderwerk geraten, dem sich der junge Lucheni zugehörig fühlte und dem er begeistert diente.

Elisabeth lebte in der Hochblüte des Anarchismus und war sich der Gefahren sehr wohl bewusst. Bei dem Staatsbesuch in Lombardo-Venetien erlebte sie den aufgestauten Hass der nationalistischen Italiener. In Triest entging das Kaiserpaar nur knapp einem angekündigten Attentat. Trotz allem reiste die Kaiserin oftmals in die Schweiz, eine Hochburg des Anarchismus. "Schweizer, ihr Gebirg ist herrlich!/ ihre Uhren gehen gut", notierte sie nicht ohne makabren Humor. "Doch für uns ist höchst gefährlich/ Ihre Königsmörderbrut!"

Der in viele Strömungen gespaltene Anarchismus ist eine aus der Antike stammende libertäre Philosophie zur Rettung der Menschheit, zur Lösung aller sozialen Probleme, zur Schaffung einer Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung. Kein Mensch soll über einen anderen herrschen. Der radikale Neubeginn erfordert jedoch die Zerstörung der Staaten, die Abschaffung aller Religionen, die Beseitigung aller Amtsträger. Befreit vom Ballast der Geschichte, werde sich auf der Basis natürlicher Moral ganz von selbst eine neue Gesellschaft formieren. Ohne Klassen, ohne Hierarchien, ohne Staaten, ohne Politik. Die Welt als Paradies der Freiheit für alle!

Propaganda der Tat

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin in einer Aufnahme des französischen Photographen Nadar. - © New York Public Library/public domain
Pjotr Alexejewitsch Kropotkin in einer Aufnahme des französischen Photographen Nadar. - © New York Public Library/public domain

Nach ihrem Ausschluss von marxistischen und sozialistischen Arbeiterbewegungen gründeten die Anarchisten 1872 in St. Imier in der Schweiz die "Antiautoritäre Internationale". Enttäuscht über ihre breite Ablehnung in der Bevölkerung, radikalisierten sich die Anhänger der "schwarzen" Bewegung. Anarchisten wie Michail Bakunin und Pjotr Kropotkin riefen in ihren Schriften zur "Propaganda der Tat" auf und stießen bei vielen Anhängern der Bewegung wie dem jungen Luigi Lucheni auf Zustimmung. "Kein Stein soll auf dem anderen bleiben!", lautete ihr Schlachtruf.

Anarchisten wüteten einzeln oder in Gruppen auf fünf Kontinenten. Manche wie der Franzose Ravachol "L'homme de dynamite" wurden gefeiert und besungen, sie erlangten unter ihresgleichen Kultstatus. Die erhoffte Sympathie der Massen für die Bombenwerfer, Messerstecher und Pistolenschützen blieb jedoch aus. Vielmehr bedauerte man die Opfer anarchistischer Gewalt, darunter König Alfons XII., Kaiser Wilhelm I., König Umberto I., den französischen Staatspräsidenten Sadi Carnot, den italienischen Ministerpräsidenten Francesco Crispi, den spanischen Premierminister Canovas del Castillo sowie die vielen Zivilisten. Zar Alexander II. überlebte sechs Attentate, beim siebenten starb er.

Die gesamte Anarchisten-Hierarchie - von Fürst Kropotkin bis Luigi Lucheni - jubelte. Pjotr Kropotkin, der "anarchistische Prinz", stammte aus russischem Hochadel, während der 1873 geborene Italiener Luigi Lucheni als uneheliches Kind in Waisenhäusern und bei Zieheltern in bitterer Armut aufwuchs und sich ab seinem 14. Lebensjahr als Taglöhner durchschlug. Ab 1894 schien sein Leben eine positive Wendung zu nehmen. Er trat in das italienische Heer ein, galt als guter Soldat, zeichnete sich im Afrikafeldzug 1896 aus und wurde von seinem Vorgesetzten, Rittmeister Ranieri de Vera d’Aragona, geschätzt und gefördert. Dieser nahm Lucheni, der nach seiner Abrüstung keine Arbeit finden konnte, im Dezember 1897 als persönlichen Diener auf.

Lucheni war jedoch nicht dankbar, sondern fühlte sich gedemütigt. Er las radikale Hetzschriften, mutierte zum glühenden Anarchisten, kündigte und verließ im März 1898 das Palais des Prinzen in Palermo in Richtung Schweiz. Im Mai findet er Arbeit in Lausanne, seine Freizeit verbringt er im Verein Gleichgesinnter, wild entschlossen, durch eine Mordtat berühmt zu werden. "Die Zeit ist reif", meint er, als er am 5. September 1898 sein Pensionszimmer aufgibt und nach Genf aufbricht. Dort standen ihm, wie die schwierigen Recherchen der Schweizer Justiz - sie stieß auf eine Mauer des Schweigens - ergaben, Kameraden zur Seite. Sie begleiteten ihn bis unmittelbar vor seiner Tat auf Schritt und Tritt.

Die Polizeifotos von Luigi Lucheni samt genauer Personenbeschreibung. - © Police de sûreté du canton de Vaud/gemeinfrei
Die Polizeifotos von Luigi Lucheni samt genauer Personenbeschreibung. - © Police de sûreté du canton de Vaud/gemeinfrei

Während der Ermittlungen zum Mordfall sandte der österreichische Gesandte in Bern Ende September 1898 eine geheime Depesche nach Wien. Sie enthielt anonyme Informationen über die Pläne zur Ermordung der Kaiserin: "(...) ein weitverzweigtes Complott (...) ursprünglich gegen seine Majestät (Kaiser Franz Joseph, Anm.) geplant (...) davon abgegangen, da man den Coup in der Schweiz ausführen wollte und gegen die Kaiserin einen ebenso schweren Schlag zu führen meinte (...) von langer Hand vorbereitet (...) von Ciancabilla in Fluß gesetzt und die Ausführung dem Lucheni anvertraut."

Der Journalist Giuseppe Ciancabilla war eine zentrale anarchistische Figur, ein Drahtzieher im Hintergrund. In seiner Schrift "Der politische Kampf" erklärte er seine Methode: "Nachdem wir das Ziel festgelegt haben, lassen wir jedem Anarchisten die Freiheit, aus den Mitteln zu wählen, die sein Sinn, seine Bildung nahelegen." Bei Lucheni war dies eine Feile, da er kein Geld zum Ankauf einer Pistole besaß.

Die Anhänger der schwarzen Fahne feierten die Ermordung der Kaiserin ungeniert auf Plakaten und in Broschüren. Ciancabilla lobte Lucheni in seinem Artikel "Ein Feilenstoß" und rief zu weiteren Taten auf. Das durch Spitzel bestens unterrichtete Informationsbüro des k.u.k. Ministeriums des Äußeren in Wien registrierte Euphorie in Anarchistenkreisen.

Neue Anschlagspläne

Am 15. September 1898, zwei Tage vor dem Begräbnis der Kaiserin, langte ein Telegramm des österreichischen Gesandten aus Bern ein: "Geheim! Dringend! Erhalten soeben die Nachricht, dass italienische Anarchisten das Begräbnis für einen großen Anschlag zu nutzen gedenken (...) Geheimen Informationen zufolge, befinden sich die Attentäter bereits auf ihrer Anreise. Sie benutzen die Südbahn." Der Anschlag, bei dem der Kronprinz von Italien und ein Großteil der Trauergemeinde - darunter 82 internationale Persönlichkeiten - als Opfer ausersehen waren, konnte verhindert werden.

Bei seinem aufsehenerregenden Prozess, in dem er zu lebenslangem Kerker verurteilt wurde, leugnete Lucheni die Existenz von Komplizen. Auch das Gericht beurteilte ihn als Einzeltäter und die wegen ihrer Toleranz gegenüber Anarchisten kritisierten Schweizer Politiker nahmen dies erleichtert zur Kenntnis. Nur der Untersuchungsrichter Léchet gab sich nicht zufrieden. Er besuchte Lucheni im Gefängnis und ließ ihn erzählen. Am 25. April 1899 verriet sich der Mörder und gestand, Helfer gehabt zu haben.

Luigi Lucheni beging am 19. Oktober 1910 in seiner Zelle Selbstmord und geriet in Vergessenheit. Das Interesse für sein prominentes Opfer hingegen ist bis zum heutigen Tag ungebrochen.