Jack Dorsey, CEO von Twitter, hat die Wollmütze abgelegt und durch einen Bart ersetzt, der ihm die vertraute Ausstrahlung eines Gurus verleiht. Ein bisschen Yoga-Lehrer, ein bisschen Charles Manson, vielleicht. Hat das etwas zu bedeuten? Weckt "Jack" bewusst diese Assoziationen? Der an der Universität Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub hat sich in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch "Was das Valley denken nennt" ähnliche Fragen gestellt. Welches Denken steckt hinter der Fassade der Hipster-CEOs?

"Wiener Zeitung": Die Figur des Studienabbrechers, die Sie gleich zu Beginn Ihres Buchs beschreiben, hat mich fasziniert. Ich habe mich auch etwas darin wiedererkannt, zumindest was das oberflächliche Wissen betrifft. Warum hat diese Figur des Studienabbrechers so eine Bedeutung für die Tech-Industrie des Silicon Valley?

Adrian Daub: Als Literaturwissenschafter hat mich zunächst irritiert, dass etwa Elisabeth Holmes (die Gründerin von Theranos, einer Biotech-Firma, Anm.) sich auf der einen Seite damit schmückt, in Stanford gewesen zu sein, und auf der anderen Seite so tut, als bräuchte man die Universität nicht. Bei diesem Topos des Studienabbrechers, wie er auch von den Medien in Bezug auf Marc Zuckerberg oder Steve Jobs mobilisiert wird, geht es darum, den Elitismus, der den Unis in den USA zweifellos anhaftet, zu kritisieren und zugleich von eben diesem Elitismus zu profitieren. Es ist eine vermeintlich revolutionäre Geste, auf den Studienabbruch zu verweisen: Es ist eine Geste des Disruptiven, hinter der sich tatsächlich aber nichts Disruptives oder Revolutionäres verbirgt. Alles bleibt beim Alten, die Umwälzungen beschränken sich auf die Gesten.

Nicht nur bleibt alles beim Alten, Sie sagen auch, dass die Tech-Industrie geradezu infantil ist und sich selbst eine eigentlich provinzielle Welt erschafft. Facebook etwa verlängert das Studentenleben über die Uni hinaus.

Ja, es ist diese Unreife, die das Silicon Valley und viele der Unternehmen, die hier entstehen, kennzeichnet – zumindest in der Außenwahrnehmung. Der CEO ist kein normaler Chef, sondern der nette Hipster, für dessen Ideen man sich begeistern und den man unterstützen soll. Die alten Machtverhältnisse werden dabei aber nicht umgeworfen, sondern eigentlich einzementiert, letztlich entscheidet immer noch der nette Hipster, wer Karriere macht und wer nicht.

Wenn wir Jack Dorsey, den Mitgründer und CEO von Twitter, betrachten, sehen wir jemanden, der bewusst eine Persona entworfen hat? Steckt ein Kalkül hinter der Wollhaube oder dem langen Guru-Bart?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, die Tech-Industrie ist oft sehr nah an der Performance von Donald Trump: Es ist nicht wichtig, ob Gewieftheit oder Hilflosigkeit die Ursache des Verhaltens ist, es geht so lange gut, wie ein bestimmtes Verhalten keinen Gegenwind erfährt. Irgendwann kann man dieses Fahrwasser auch nicht mehr verlassen. Elizabeth Holmes hat ihre Rolle der erfolgreichen Disrupteurin und Start-up-Unternehmerin bis zum bitteren Ende durchgehalten. Das ist tragisch. Diese lustvolle Manipulation und Kontrolle, die man bei Figuren wie Mark Zuckerberg unterstellen könnte, ist, denke ich, gar nicht vorhanden. Das sind getriebene Hirsche, denen etwas gelungen ist, das über alle Vernunftgrenzen hinaus erfolgreich war, und das müssen sie weitermachen.

Man könnte auch sagen, dass die Gründerin von Theranos, Elizabeth Holmes, den Fehler gemacht hat, ein richtiges Produkt, einen Bluttest, zu entwickeln, während zum Beispiel Mark Zuckerberg mit Facebook die Kunden zum Produkt macht.

Elizabeth Holmes hat mit Theranos tatsächlich die Regeln eines IT-Start-ups auf die Biotechbranche übertragen. Das hat in dieser anderen Branche funktioniert, weil das kulturelle Script bereits etabliert war.

Eine Frau mit langen blonden Haaren, schwarz gekleidet, hält ein Mikrophon in der Hand. Sie sitzt auf einem Stuhl und blickt auf einen Mann in schwarzem Anzug, der ebenfalls ein Mikrofon in der Hand hält und zu reden scheint. Er blickt auf den Betrachter bzw. in ein Publikum Der Hintergrund des Bildes in von elektrischem Licht blau ausgeleuchtet. - © Apaweb / AFP / Joshua Lott
Elizabeth Holmes, Gründerin von Theranos, 2015 mit Jack Ma, Gründer von Alibaba, zu Gast beim Jahrestreffen der Clinton Global Initiative. Elizabeth Holmes muss sich derzeit wegen Betruges vor Gericht verantworten. - © Apaweb / AFP / Joshua Lott

Aus welchen Versatzstücken oder Elementen besteht dieses Script?

Ganz wesentlich ist, dass eine Disruption behauptet wird. Das Altbestehende muss delegitimiert werden. Das ist durchaus im moralischen Sinn gemeint: Das Alte muss weichen, weil das Neue moralisch überlegen ist. Das heißt, die neuen Plattformen stilisieren sich als David, während die etablierten Unternehmen als Goliath gezeichnet werden, den man besiegt. Dass Uber aber kein Rebell ist und traditionelle Taxiunternehmen nicht die bösen Monopolisten, ist inzwischen natürlich offensichtlich. Doch diese Unternehmen müssen so tun, als seien sie anders: Es geht um viel Geld, sie machen Verluste und verbrennen permanent Millionen. Da wird es dann wichtig, dass man sagen kann: "Wir sind kein normales Unternehmen. Uns darf man nicht mit diesen alten überkommenen Maßstäben messen." Diese Geste des Revoluzzertums, ohne wirklich revolutionär zu sein, ist für das Finanzierungsmodell wichtig.

Die Sozialwissenschafter Luc Boltanski und Ève Chiapello charakterisieren das als "Künstlerkritik" am Kapitalismus, wie sie ab den späten 1960er Jahren formuliert wurde. Dieser Kritik geht es um Freiheit und Selbstbestimmung, nicht um die Beseitigung von Ungleichheit. Speist sich das Denken des Silicon Valley daraus?

Es ermöglicht ihnen zumindest, keinen Widerspruch zwischen den Millionen, die sie verdienen, der zunehmenden Ungleichheit um sie herum und den Heilsversprechen ihrer Unternehmen zu sehen.

Ein Mann mit grauen Locken, Brille und Bart in einem offenen Anzugblazer und gestreiftem Hemd winkt lächelnd in die Kamera. Es ist eine Außenaufnahme, der Wind weht die Haare des Mannes hoch. - © APAweb / AFP Bertrand Guay
Alex Karp, CEO von Palantir, im Mai 2019 in Paris bei "Tech for Good" (Technologie für das Gute, das Gemeinwohl), einem Treffen von Geschäftsführern von Technologieunternehmen. - © APAweb / AFP Bertrand Guay

Muss man daher also nicht erstaunt sein, dass etwa Alex Karp zumindest kurz bei dem Soziologen Jürgen Habermas studiert hat, aber jetzt der CEO von Palantir ist, einem Unternehmen, das mit digitaler Überwachung Geld verdient?

Nicht unbedingt, was diese Leute auszeichnet, ist ihr Pessimismus, den sie regelrecht pflegen. Diese Leute haben in ihrem Leben sehr viel Glück gehabt, sie haben einen exklusiven Lebensstil, aber eigentlich wollen sie von der Welt enttäuscht sein und sich zurückziehen. Peter Thiel glaubt, dass alles von mimetischem Begehren durchzogen ist. Wie alle, die Ayn Rand toll finden, muss auch er annehmen, dass der Mob dabei ist, die Kontrolle zu übernehmen. Alex Karp ist auch ein resignierter Gewinner. Dieser Rückzug ins Ich, in die Enttäuschung, in die eigene Gesundheit, in den eigenen Körper ist doch eine Art Mini-Utopismus. Ein Utopismus auf der allerkleinsten Sparflamme, bei dem es eigentlich nur um das eigene Ich geht. Der Rest der Welt wird ausgeblendet und eliminiert. Es ist ein Gestus der Enttäuschung.

Wenn dieser Pessimismus das Denken der Menschen bestimmt, die unsere Gegenwart mit ihren Technologien prägen, welche Zukunft erwartet uns dann?

Ein junger Man mit schwarzer Brille und rötlichblonden Locken, einem quer gerippten Pullover in grau über einem Hemd von dem man den Kragen sieht, lehnt, die Arme verschränkt an einer Säule. Man sieht den Oberkörper des Mannes, der in die Kamera lacht. - © Cynthia Newberry
Adrian Daub lehrt Literaturwissenschaften an der Stanford University, eine der Wiegen des Silicon Valley. - © Cynthia Newberry

Das hängt davon ab, bis zu welchem Grad wir bereit sind, dieses Weltbild, dieses Narrativ der Disruptoren, zu übernehmen oder geneigt sind, in diesen Kategorien, die uns diese Industrie bereitstellt, zu denken, oder ob wir bereit sind, sie zu hinterfragen. Letztlich muss diese Kritik aus den Unternehmen selbst kommen. Es gibt auch erste Anzeichen dafür.

Wäre es nicht einfacher, Uber zu zwingen, seine Fahrer als Mitarbeiter anzuerkennen, oder Amazon, Steuern zu zahlen?

Das ist zweifellos richtig. Aber ich sehe auch viel Potenzial einer Kritik aus einer identitätspolitischen Perspektive. Indem man zeigt, dass diejenigen, die diese Plattformen machen, alles mittelalte weiße Männer sind, lassen sich die im Mythos Silicon Valley inhärenten Ungleichheiten und Grenzen der politischen Vorstellungskraft ganz gut thematisieren.