Es hatte mehrere Gründe, gerade in Oberösterreich zahlreiche Lager für zigtausende Kriegsgefangene zu errichten. Das Bundesland war weit von den Frontverläufen entfernt, mit Eisenbahnen gut erschlossen und damals noch hauptsächlich landwirtschaftlich genutzt. Die jeweiligen Lagerstandorte hatten dabei spezielle Vorgaben zu erfüllen. Sie sollten nicht im dicht bebauten oder bewaldeten Gebieten sein, aber gut verkehrstechnisch erschlossen, und die geologischen Umstände sollten der Hygiene dienen.

An den konkreten Orten stießen die Lagerpläne jedoch zumeist auf Widerstand, da die Versorgungsfrage und Ängste vor Verbrechen und Seuchen bei der Bevölkerung überwogen. Als die Anwohner aber merkten, dass durch ein Lager auch gute Geschäfte durch Verpachtungen, Handwerk und Arbeitskräfte möglich wurden, verstummte die Kritik. Größere Kriegsgefangenenlager wurden in Braunau, Marchtrenk, Freistadt, Aschach und insbesondere in Kleinmünchen-Wegscheid errichtet. Letzteres war damals noch eine Umlandgemeinde im Süden von Linz. Hier entstand mit zeitweise bis zu 55.000 Gefangenen das wohl größte Kriegsgefangenenlager der Monarchie.

Es war bis zu 180 Hektar groß, 3,4 Kilometer lang und 1,3 Kilometer breit und erstreckte sich von Kleinmünchen westlich über Wegscheid, Traun/St. Martin bis nach Leonding über die Welser Heide. Seine Errichtung kostete 17 Millionen Kronen. Im Endausbau umfasste es 840 Einheiten, darunter die zahlreichen zur Unterbringung von jeweils 400 Mann bestimmten Gefangenbaracken, ein Lagerspital, einen Wirtschaftshof mit Schlachthaus und Selcherei sowie eine Wäscherei und Bäckerei, ein Postamt und sogar ein eigenes Wasserwerk sowie Kanalisation.

Schwierige Versorgung

Weiters gab es jeweils ein katholisches, jüdisches und orthodoxes Gebetshaus, eine Bücherei, Musikkapelle und Theatergruppe. Dazu kamen noch die Unterkünfte für die Wachmannschaften und die wachsende Zahl ziviler Angestellter - im Sommer 1917 immerhin rund 100 Telefonistinnen und Sekretärinnen. Die Lagerbeleuchtung allein ließ den Linzer Stromverbrauch von 5,2 Millionen Kilowattstunden im Jahr 1914 auf 6,5 Millionen im Jahr 1915 ansteigen.

Die Versorgungslage mit Lebensmitteln gestaltete sich in allen Lagern von Beginn an schwierig. Niemand hatte an diese Massen von russischen und serbischen Gefangenen gedacht. Dazu kam, dass sich die Situation ab 1915 in ganz Oberösterreich merklich verschlechterte. Für Brot und Mehl mussten Bezugsmarken ausgegeben werden, die besonders nahrhaften Kartoffeln wurden zentral verwaltet. Durch den Kriegsdienst fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, und der inneren Logik der Donaumonarchie folgend war die österreichische Reichshälfte auf die Agrarexporte der ungarischen Gebiete angewiesen. Diese fielen im Krieg immer geringer und spärlicher aus. Vor allem im Winter spürten das besonders die Kriegsgefangenen wie auch ihre Bewacher am eigenen Leibe. Diebstähle nahmen zu. Besonders hart traf es im Winter 1917/18 tausende italienische Gefangene, die nach der 12. Isonzo-Schlacht in Oberösterreich ankamen und mit Mangelversorgung und dem harten Winterklima zu kämpfen hatten.

Dem Kriegsrecht entsprechend, wurden die Lager regelmäßig von internationalen Kommissionen besucht, so bereits 1914 vom spanischen Gesandten in seiner Funktion als Schutzmacht für die Gefangenen und in Folge von Vertretern des schwedischen Roten Kreuzes. Dabei wurde von österreichischer Seite alles unternommen, um die Lager in einem unrealistisch guten Licht darzustellen. Doch egal wie gut die Kommissionsberichte auch ausfielen, in der ausländischen Presse, etwa in der französischen Tageszeitung "Les Temps" im Herbst 1917, wurden diese in den dunkelsten Farben als Hunger- und Seuchenbrutstätten dargestellt. So unpräzise diese Berichte im Einzelnen auch waren, sie hatten im Bezug auf Oberösterreich einen wahren Kern. Vor allem im Gefangenenlager Mauthausen war etwa bereits 1915 eine Fleckfieber-Epidemie ausgebrochen.

Diese Krankheit war in den westlichen Gebieten der Monarchie bis dahin eine unbekannte Größe, während etwa die Ärzte in Galizien bereits ihre leidvollen Erfahrungen mit dieser hartnäckigen Infektion, die auch oft den behandelten Arzt traf, gemacht hatten. Im Kriegsgebiet in Serbien brach die Krankheit voll aus und gelangte so in der Folge durch serbische Gefangene nach Oberösterreich. Weder die Impfung mit einem Pferdeserum noch eine prophylaktische Verabreichung von Chinin half. Also musste man sich darauf konzentrieren, die Ausbreitung der Krankheit (durch Läuse) auf ein Minimum zu reduzieren. Zum Einsatz kamen dabei unzählige riechende Essenzen, wie Öle und Salben. Eine sehr effektive Laussalbe etwa hatte einen so hohen Quecksilbergehalt, dass ihre Anwendung selbst schon gefährlich war.

Mit dem Linzer Bischof Rudolph Hittmair forderte die Epidemie auch ein prominentes Opfer. Bemerkenswert daran ist, dass man dem Bischof einen Hang zur Bazillenphobie nachsagte, weshalb er auch Begräbnisse gemieden haben soll. Im Krieg aber widmete er sich der Pflege im Krankenhaus und auch der Sorge um die Kriegsgefangenen. Bei einem Besuch im Lager Mauthausen erkrankte er trotz genauer Hygienemaßnahmen und verstarb im März 1915.

Blühende Korruption

Das Rudolph-Hittmair-Denkmal vor der Kirche der Barmherzigen Brüder in Linz. - © Andreas Praefcke (CC BY 3.0)
Das Rudolph-Hittmair-Denkmal vor der Kirche der Barmherzigen Brüder in Linz. - © Andreas Praefcke (CC BY 3.0)

Auch ohne Hunger und Seuchen standen die Lagerverwaltungen vor großen Aufgaben. Die Bewachung der Gefangenen stellte sich als schwierig dar. In Linz-Kleinmünchen sollten zu Beginn nur 180 Mann (mit nur 30 Gewehren) die Überwachung übernehmen, und das, obwohl kaum Stacheldraht vorhanden war. Fluchtversuche standen daher auf der Tagesordnung, wenn auch nur wenige so spektakulär waren wie jener im August 1915. Damals gelang 22 russischen Offizieren die zwischenzeitliche Flucht, nachdem sie einen Tunnel gegraben hatten. Die übende Lagerkapelle hatte den Lärm der Grabarbeiten dabei zu überdecken geholfen.

Selbst der Arbeitseinsatz der Gefangenen gestaltete sich schwieriger als ursprünglich gedacht. Zuerst musste ein umfangreicher bürokratischer Genehmigungsprozess durchlaufen werden, bei dem militärische und zivile Stellen sich abstimmen mussten. Um jede Kautionszahlung, jeden Verpflegungszuschuss und jede monatliche medizinische Untersuchung wurde gerungen. Dabei drängte die Zeit. Die Bauern und Wirtschaftstreibenden benötigten dringend die fehlenden Arbeitskräfte, die staatliche Verwaltung war auf deren Erträge angewiesen und die Gefangenen selber konnten sich durch die Arbeit einen kargen, aber willkommenen Zusatzlohn, der in Form von eigenem Lagergeld ausgezahlt wurde, dazuverdienen.

Größere Arbeitspartien, wie beispielsweise bei den Bauarbeiten von 400 Mann zum Hochwasserschutz in Kleinmünchen oder bei Straßenarbeiten in Traun, waren dabei leichter zu organisieren. Diese wurden zentral versorgt, transportiert und bewacht. In der kleinteiligen oberösterreichischen Landwirtschaft aber übernahmen Gefangene oft einfach die Aufgaben der zum Kriegsdienst eingezogenen Knechte am Bauernhof. Viel zu schnell machte sich Vertrauen mit diesen umgangssprachlichen "Hausrussen" breit, auch wenn behördlich jeder unnötige Umgang mit Zivilisten verboten war.

Wo Mangel herrscht, blühten schon immer der Schwarzmarkt und die Korruption, so auch in den Kriegsgefangenenlagern. Wachmannschaften verkauften begehrte Waren wie Tuch und Kleidungen, gleichzeitig wurden Arbeitsleistungen von Gefangenen nicht korrekt abgerechnet. Einen besonderen Fall von Wucherei erlebte damals die Molkerei Mauerkirchen. Unter dem Betriebsleiter Huppert wurden ab 1916 in Braunau das Gefangenenlager, das Flüchtlingslager und die dorthin verlegte k.u.k. Marineakademie beliefert. Misstrauen erweckte jedoch bald der Lebenswandel Hupperts: Sein Monatsgehalt von 150 Kronen reichte für ein eigenes Auto und teure Kleidung der Gattin. Als der Genossenschaftsvorstand von Beschwerden über die Milchqualität erfuhr, entließ er ihn im April 1917. Unter seinem Nachfolger fiel der bisherige Schwindel schnell auf, als ein Gehilfe beim neuen Chef nachfragte, ob auch weiterhin die Milch mit gut der Hälfte Wasser zu strecken sei.

Bei der folgenden Überprüfung der Bücher stellte sich heraus, dass fast 54.000 Liter Milch zu viel, die Erlöse von knapp 8.400 Kilogramm Butter aber nicht eingetragen wurden. Schlussendlich wurde Huppert zu drei Jahren schwerem Kerker bei einem vierteljährlichen Fasttag und der Wiedergutmachung des Schadens von 45.000 Kronen verurteilt.

Strenges Regime

1917/18 verschlechterte sich die militärische Lage und Kriegsmüdigkeit machte sich auch in den oberösterreichischen Lagern breit. Mit Kriegsende zerbrach die alte Ordnung vollständig, selbst der Kontrakt mit dem bisherigen Armeeoberkommando in Innsbruck konnte nicht aufrechterhalten werden. Wachmannschaften machten sich auf eigene Faust auf den Heimweg in ihre neuen Nationalstaaten und nahmen mit, was immer nützlich erschien. In dieser Phase verübten geflohene Gefangene einige der brutalsten Verbrechen im Linzer Umland, in den Lagern selber blieb es aber überraschend ruhig. Die bisherigen italienischen Gefangenen übernahmen die Kontrolle, führten ein strenges Regime und verfolgten zudem ein einziges Ziel: so schnell wie möglich mit dem Zug in die Heimat zu kommen.

Zuletzt wurden die Lager selbst verwertet. Meist kamen Bauunternehmer und Bauern als Käufer zum Zug, wobei Streitigkeiten über die Preise noch jahrelang andauerten. An die Lager selbst erinnert heute kaum noch etwas. Wasser- und Elektrizitätswerk wurden einfach in die Linzer Infrastruktur übernommen, ebenso wie das eigens gebaute Kanalnetz. Nur wenige wissen, dass etwa die von Kriegsgefangenen errichtete Kapelle des Lagerfriedhofs in St. Martin noch besteht und an das Schicksal der 1.346 dort beerdigten Italiener des Lagers Kleinmünchen-Wegscheid erinnert.