Wer an den Holocaust denkt, denkt an Vernichtungslager wie Auschwitz. Nach wie vor weniger bekannt ist, dass rund ein Drittel der Holocaust-Opfer nicht in Konzentrationslagern umgebracht, sondern bei Massenerschießungen in Osteuropa getötet wurden. Symbol des sogenannten "Holocaust der Kugel" ist das Massaker von Babyn Jar in Kiew, das sich heuer zum 80. Mal jährt. Die Erinnerung daran ist nach wie vor schwierig - ein Museumsprojekt sorgt für heftige Kontroversen.

Nach dem Überfall von Deutschland auf die Sowjetunion im Sommer 1941 begann der systematischen Massenmord an Juden. "Dieser systematische Genozid begann in den besetzten Gebieten der Sowjetunion in der zweiten Jahreshälfte 1941 und wurde dann erst danach 1942/43 und 1944 auf die anderen Teile des deutsch beherrschten Europas ausgedehnt", erklärt der Historiker Kai Struve von der Universität Halle im Gespräche mit der APA.

Massenerschießung in Kiew

Das größte Einzelmassaker des Zweiten Weltkriegs war die Massenerschießung der Juden in Kiew. Innerhalb von nur 36 Stunden wurden in der Schlucht von Babyn Jar (russisch: Babi Jar) am Rande der ukrainischen Hauptstadt mehr als 33.700 Juden erschossen. Babyn Jar steht daher symbolisch für die Massenerschießungen von insgesamt rund 1,5 Millionen Juden in der von Deutschland besetzten Sowjetunion.

Dennoch gab es lange keinerlei öffentliche Erinnerung an diesen Teil des Holocausts - Babyn Jar blieb ein umstrittener Ort. "In der Sowjetunion gab es den Holocaust als separates Verbrechen eigentlich nicht", sagt Struve. Erst 1976 wurde das erste Denkmal in Babyn Jar errichtet, auf dem allerdings als Opfer nur an die "friedlichen Sowjetbürger und Kriegsgefangene" erinnert wurde. Der ermordeten Juden konnte erst nach Ende der Sowjetunion gedacht werden. 1991 ließ die jüdische Gemeinde in der Nähe ein Mahnmal in der Form eines siebenarmigen Leuchters aufstellen.

In den folgenden Jahren wurden zahlreiche weitere Denkmäler von verschiedenen Akteuren der Zivilgesellschaft errichtet. Heute stehen mehr als 30 größere und kleinere unzusammenhängende Denkmäler auf dem Gelände. Die Schwierigkeit einer angemessenen Repräsentation aller Opfergruppen liege auch daran, dass der Ort in den beiden Jahren nach 1941 von den deutschen Besatzern weiterhin als Exekutionsplatz genutzt wurde, sagt der Historiker. Unter den Opfern waren zahlreiche weitere Juden, aber auch andere Gruppen wie Mitglieder des ukrainischen Widerstands, Insassen einer nahegelegenen psychiatrischen Klinik sowie viele Roma.

Eine nun geplante zentrale Gedenkstätte mit Museum in Babyn Jar, in dessen wissenschaftlichen Beirat auch der deutsche Historiker sitzt, sorgt aber aus anderen Grünen für heftige Debatten. Die 2016 gegründete Stiftung "Babyn Yar Holocaust Memorial Center" will nach eigenen Angaben Babyn Jar von einem Symbol des größten Massengrabes des Zweiten Weltkrieges und Symbol der Auslöschung der Erinnerung an den Holocaust in "einen Ort verwandeln, an dem die Erinnerung an die zerstörte Welt der Vergangenheit so detailliert, gefühlsstark und ethisch unzerstörbar wird, dass die Toten in unseren Köpfen weiterleben". Das Wiener Architektenbüro "querkraft" gewann im vergangenen Jahr den Wettbewerb für die Umsetzung der geplanten Gedenkstätte. Die Eröffnung ist für 2025/26 geplant, doch bremsen heftige Kontroversen das Projekt.

Für einen Sturm der Entrüstung sorgte im vergangenen Jahr zum einen das Konzept des künstlerischen Leiters des künftigen Holocaust Memorial Center - des umstrittenen russischen Regisseurs und Autors Ilja Chrschanowski. Darin waren interaktive Elementen geplant, bei denen die Besucher unter anderem in die Rolle von Opfern, Kollaborateuren, Deutschen oder Kriegsgefangenen versetzt werden sollten. Der als leitender Kurator der Ausstellung engagierte österreichische Kunsthistoriker und Museumsplaner Dieter Bogner warnte in einem der APA vorliegenden Schreiben an den Aufsichtsrat vor einem "Holocaust-Disney" und legte sein Amt im Herbst 2019 aus Protest zurück.

Auch der niederländische Historiker Karel C. Berkhoff quittierte seine Mitarbeit wegen ethischer Bedenken. Der wissenschaftliche Beirat kritisierte das Konzept öffentlich und forderte ein unabhängiges Agieren des historischen und künstlerischen Teils der Gedenkstätte. Wegen der massiven Kritik wurde ein neuer Konzeptentwurf angekündigt, der demnächst präsentiert werden soll.

Zugleich sorgt auch die Beteiligung mehrerer ukrainischer und russischer Oligarchen als Geldgeber des Projekts für Befürchtungen in der Ukraine, diese könnten Einfluss auf die historische Darstellung nehmen. Diese Ängste weist Struve zurück: "Das stimmt nicht, das muss man eindeutig betonen, sonst würde ich und andere Leute sicher nicht mitmachen." Die Frage der Beteiligung der ukrainischen Bevölkerung am Holocaust sei nach wie vor ein heikles Thema im Land, so der Historiker. "Einerseits weil sich da Fragen von Schuld und Beteiligungen der eigenen Gruppe stellen, aber auch weil es eng verknüpft ist mit Bilder der sowjetischen Propaganda." Denn alle Formen des ukrainischen Nationalismus seien in der sowjetischen Propaganda immer mit dem Faschismus gleichgesetzt worden. Daher käme auch die Befürchtung durch einen russischen Einfluss könnte verfälschende Bilder über eine zentrale Rolle der Ukrainer beim Holocaust verbreitet werden.

Tatsächlich hätten ähnlich wie in anderen besetzten Gebieten einheimische Polizeieinheiten der heutigen Ukraine ähnlich wie die Wehrmachtseinheiten eher eine Hilfsfunktion bei den Massenerschießungen innegehabt. Die Erschießungen wurden in der Regeln von Einheiten der deutschen Sicherheitspolizei oder Ordnungspolizei durchgeführt. Die einheimische Polizei und die Wehrmacht wurde zur Bewachung der Juden am Weg zu Erschießungen oder zur Absperrung der Orte eingesetzt. Anders als im Baltikum gab es laut dem Historiker in der Ukraine keine eigene Einheiten, die unter deutscher Führung als mobile Kommandos Erschießungen in größerem Umfang vornahmen.

Zum Erforschen gibt es in Bezug auf den Holocaust in den besetzten Gebieten der Sowjetunion noch einiges. Vor allem auf der lokale Ebene gebe es bisher nur wenig vertiefte Forschungen, meint Struve. "Man hat einen groben Überblick, aber wie der Massenmord vor Ort in den mittleren und kleineren Orten abgelaufen ist und was das für lokale Gemeinschaften bedeutete, ist bisher nicht sehr gut erforscht."

Auch wo die Massenerschießung von Babyn Jar auf dem heutige Gelände genau stattgefunden habe, sei relativ schwierig geografisch zu lokalisieren, weil das Gelände mehrmals verändert wurde, sagt der Historiker. Bereits während des Kriegs wurden in der sogenannten Aktion 1.005 die Massengräber von den Deutschen wieder aufgegraben und die Leichen verbrannt, im Versuch die Spuren des Verbrechens zu beseitigen. Auch in der sowjetischen Zeit gab es mehrere bauliche Veränderungen der Schlucht. In den 1950er Jahren wurde sogar ein Damm in die Schlucht gebaut und diese mit Abwässern geflutet. Ein Dammbruch sorgte für Überschwemmungen in Teilen Kiews. Zahlreiche Bewohner der angrenzenden Stadtteile kamen ums Leben.(apa)