Anfang Januar ging es los: Die Tageszeitung Die Welt vermutete das heimliche Verschwinden des generischen Maskulinums aus der deutschen Sprache: Der Duden war in seiner Online-Variante dazu übergegangen, bei Personen- und Berufsbezeichnungen in der männlichen Form auch darauf hinzuweisen, dass zum Beispiel "Arzt" eine männliche Person bezeichnet, die diesen Beruf hat. In der Online-Ausgabe des Duden gibt es nun einen weiteren Eintrag für Ärztin. Dasselbe gilt für Bäcker und Bäckerinnen. Oder Virologinnen.

Eien Frau in blauer Schutzkleidung und Maske steht mit einer Spritze neben einem Mann in einem blauen Anzug udn erklärt ihm etwas. - © APA / Hans Punz
Ein Arzt (links) und ein Bürgermeister (rechts) beim Start der Impfaktion in Wien Mitte Jänner. Die Entscheidung des Duden, in der Online-Ausgabe darauf hinzuweisen, das zum Beispiel Arzt eine männliche Berufsbezeichnung ist, stößt auf viel Kritik. - © APA / Hans Punz

Kathrin Kunkel-Razum, die Leiterin der Duden-Redaktion, verwies zur Begründung darauf hin, dass Personenbezeichnungen und damit auch Berufsbezeichnungen immer konkrete Personen bezeichnen, die männlich oder weiblich sein können.  Das generische Maskulinum,bei dem Frauen immer "mitgemeint" sind, wenn die männliche Form verwendet wird, eben etwa bei Arzt, Mieter, Bäcker, Virologe, sei veraltet und entspräche nicht mehr dem Wunsch der Nutzerinnen und Nutzer des Duden, sagte Kunkel-Razum.

Kommt jetzt das generische Femininum?

Die Duden-Redaktion wird nun auch von Sprachwissenschftern wie Ursula Bredel kritisiert, die auch Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft ist sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. "Die Festlegung des grammatischen Genus Maskulinum auf das natürliche Geschlecht entspricht nicht der Systematik des Deutschen", sagt die Sprachwissenschafterin Ursula Bredel. Wenn das Wort "Mieter" nur noch männliche Mieter bezeichne, erschwere dies außerdem die Bezeichnung diverser Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen: Die bisher häufige Bezeichnung "Mieter (m/w/d)" wäre dann nicht mehr möglich.

Die Grammatik-Expertin Gisela Zifonun warnte bereits 2018 vor einer Abschaffung des generischen Maskulinums: "Sprachsystematisch führt ein Total-Verzicht auf maskuline Personenbezeichnungen in geschlechtsneutraler Deutung zu empfindlichen Lücken", schrieb sie im "IDS Sprachreport". Diese Lücke bis auf Weiteres durch ein generisches Femininum zu füllen, war nicht Thema des Beitrags.

Weibliche Form scheinbar realitätsfern

Die wie Zifonun ebenfalls in Mannheim lehrende Linguistik-Professorin Angelika Wöllstein gibt zu bedenken: Bei einer Durchsage im Zug "Ist ein Arzt an Bord?" seien nicht nur männliche Ärzte gefragt. Dasselbe gelte für Wendungen wie "zum Arzt gehen" oder "zum Bäcker gehen". Lexikalische Informationen im Wörterbuch sollten solchen Beispielen nicht widersprechen, fordert Wöllstein.

Der Duden hält an seinem Kurs fest. Die Redaktionsleiterin Kathrin Kunkel-Razum erklärt: "Ein geschlechterübergreifender Gebrauch der maskulinen Formen, besonders im Plural, 'Die Lehrer dieser Schule engagieren sich sehr',  wird von der Redaktion auch weiterhin in Beispielen gezeigt. Allerdings gerät dieser Gebrauch immer stärker in die Diskussion, da oft nicht eindeutig ist, ob nur männliche oder Personen aller Geschlechter gemeint sind." (apa, red)