Paris, 1903. Vor der britischen Botschaft bedrängt eine Schar Journalisten einen kleinen Mann im schwarzen Anzug. Seine vornehmen Allüren erinnern ein wenig an einen Diplomaten, hätte er nicht diesen durchdringenden Blick, diesen formlosen und humorvollen Umgangston. Was König Edward VII. denn nach Frankreich verschlage, wollen die Reporter wissen. Seine Majestät werde sich am Abend Sarah Bernhardt anhören, meint der Monsieur mit den feinen Gesichtszügen nur lächelnd dazu. Stimme es denn, dass er letzten Abend ein paar Anarchisten festgenommen habe, fragt ein anderer. "Anarchisten?", entgegnet der Herr gelassen. "Was soll das sein?"

Xavier Paoli ist bei den Royals hoch angesehen. Er war sogar Ehrengast am Begräbnis von Queen Victoria, die ihn besonders schätzte. Und das, obwohl er aus sehr bescheidenen Verhältnissen kam. Auf Korsika hätte er die Olivenölfirma seiner Familie weiterführen sollen, doch darin sah er keine Zukunft.

Als Xavier in Paris eine Stelle als Polizeibeamter annahm, glaubten seine Eltern, er sei verrückt geworden. Sein bevorzugter Einsatzort war der Bahnhof von Modane an der Grenze zu Italien - zur Jahrhundertwende ein Kreuzungspunkt, wo Gott und die Welt verkehrten: Pendler, italienische Anarchisten, Staatsmänner und Blaublütige, die meist inkognito verreisten. Als es eines Tages auch Queen Victoria vom regnerischen England ins milde Klima der Côte d’Azur zog, wurde Monsieur Paoli damit beauftragt, für ihre Sicherheit zu sorgen. Es sollte der Beginn seiner langen Laufbahn als Geheimpolizist sein.

Gräfin von Hohenems

Im August 1895 erwartet Paoli am Genfer Bahnhof die Ankunft von Kaiserin Elisabeth, die schon zu Lebzeiten eine Legende war und als "Gräfin von Hohenems" verreiste. "Sie sah wie ein Mädchen aus, sie hatte die Figur eines Mädchens, mit der Leichtigkeit und Grazie eines Mädchens", erinnert er sich an die erste flüchtige Begegnung mit der damals 58-jährigen Sisi. Ihre Hände seien auffallend klein gewesen, ihre Stimme melodisch, ihr Französisch klar mit einem gutturalen Akzent.

Der Empfang jedoch ist eisig, denn ihr Oberhofmeister weist Paoli brüsk zurück, weil seine Herrin sich von Sicherheitsmännern "terrorisiert" fühlt. Erst Tage später arrangiert sich der Korse mit dem mürrischen Graf Berzeviczy und entlockt ihm endlich die spontanen Ausflugsziele der Kaiserin.

Auch Kaiserin Elisabeth stand unter Paolis Schutz. - © Carl Pietzner, Public domain, via Wikimedia Commons
Auch Kaiserin Elisabeth stand unter Paolis Schutz. - © Carl Pietzner, Public domain, via Wikimedia Commons

Genau schildert Paoli Sisis Tagesablauf: Gewöhnlich steht sie um 5 Uhr morgens auf, badet in destilliertem Wasser, bekommt eine elektrische Massage und macht vor dem kargen Frühstück einen ersten Morgenspaziergang. Tagsüber begleitet sie meist ihr griechischer Vorleser, der sich diskret entfernt, wenn sie im Gebüsch den Rock wechselt. Bald sind sich der Geheimpolizist und die Kaiserin schon so sympathisch, dass er interessante Zeitungsartikel für sie aussortieren darf, die ihr der Grieche beim Spazieren vorträgt.

Elisabeths sprunghaftes Gemüt macht Paoli jedoch oft zu schaffen. Einmal vergnügt sie sich wie ein Kind am Spieltisch in Monte Carlo. "So viel Geld habe ich in meinem Leben noch nie verdient", gesteht sie ihm lächelnd nach einem unerwarteten Gewinn. Ein andermal muss er einen Kollegen in einen Trupp italienischer Bauarbeiter einschleusen, weil diese anarchistische Gedanken äußern. Die Kaiserin geht genau diese Straße entlang und unterhält sich interessiert mit dem getarnten Agenten, ohne ihm auf die Schliche zu kommen.

Auch Kaiser Franz Joseph besucht als "Graf von Hohenems" seine Frau an der Riviera. Paoli muss Verstärkung aus Paris anfordern, die Telegrafen zwischen Cap Martin und Wien laufen auf Hochtouren. Die traute Zweisamkeit des österreichischen Kaiserpaares entzückt den Franzosen. Im Baskenland hält ein Gepäckträger den adretten Geheimpolizisten einmal für Sisis Ehemann, was diese herzhaft amüsiert. Bei ihrer Abreise verspricht Xavier Paoli schließlich, die Kaiserin in Genf zu besuchen. Dazu kommt es aber nicht mehr: Am 10. September 1898 wird sie Opfer eines Attentats.

Mozaffar ad-Din Shah auf der Pariser Weltausstellung. - © "Petit Journal" from august 19th, 1900, Public domain, via Wikimedia Commons
Mozaffar ad-Din Shah auf der Pariser Weltausstellung. - © "Petit Journal" from august 19th, 1900, Public domain, via Wikimedia Commons

Einem anarchistischen Anschlag entgeht Mozaffar ad-Din, der Schah von Persien, nur knapp. Der exzentrische Herrscher kommt im Jahr 1900 zur Pariser Weltausstellung und hält Paoli auf Trab. Der Regent habe den Verstand eines Zwölfjährigen, bemerkt der Geheimpolizist, und sei einer regelrechten Kaufsucht verfallen. Vom Flügel bis zum Auto habe der Schah, der gern in perlenbestickten Gewändern mit Stock flaniert, alles gekauft und nach Teheran schicken lassen. Gefällt ihm einmal eine schöne Frau, so lädt er auch diese höflich ein, mit ihm in seinen Palast zu kommen.

Der Besuch des Schahs sorgt in Frankreich für Furore. Paoli zitiert viele recht aufdringliche Bittschreiben, die arme Männer und Frauen an ihn richten, weil sie sich großzügige Spenden, Geschenke oder eine Heirat erhoffen. Dabei ist der Reichtum von Mozaffar ad-Din nicht unermesslich und vielmehr den hohen Abgaben seiner Reisebegleiter geschuldet.

Die Anreise des russischen Zaren Nikolaus II. und seiner Gemahlin Alexandra ein Jahr später stellt Monsieur Paoli vor eine immense Herausforderung, steht doch das Vertrauen der beiden Regierungen auf dem Spiel. Außerdem sind die Romanows vor allem im Ausland eine Zielscheibe für radikale Kräfte. Ganze Bahnlinien und Straßenzüge müssen aufs Schärfste überwacht werden. Von einer Präventivhaft für verdächtige Individuen sieht man im demokratischen Frankreich, im Gegensatz zu Deutschland, allerdings ab.

Der Geheimpolizist befürchtet, einem Nachkommen von Iwan dem Schrecklichen zu begegnen, und ist ganz erstaunt über die einfache Herzlichkeit der hohen Herrschaften. Ein solcher Anblick verleihe selbst der Autokratie einen gewissen Charme, bemerkt Paoli in seinen Memoiren. Die Zarin und ihr Beschützer sind sich auf Anhieb sympathisch, denn schon ihre Großmutter, Queen Victoria, hat Xavier in höchsten Tönen gelobt.

Vereiteltes Attentat

Als Nikolaus und Alexandra am frühen Morgen im Park von Schloss Compiègne spazieren gehen, treffen sie auf ein Bataillon von Soldaten, die sich in den Hecken und Wäldern verschanzt haben, um sie zu beschützen. Die Zarin ist diese seltsamen Lebensumstände gewohnt und macht von den bewaffneten Männern sogar einen Schnappschuss mit ihrer Kamera. Ein Terroranschlag auf das Paar in der Kathedrale von Reims kann nur durch schnelles Agieren der Polizei vereitelt werden.

Den belgischen König Leopold II. beschreibt Paoli als einen ruhelosen, undurchschaubaren Charakter. In Nizza ist der Monarch gern in Begleitung seiner Tochter Clémentine unterwegs. Mit seinen beiden anderen Töchtern, Stephanie und Louise, spricht er nicht mehr und von seiner Frau will er nichts wissen. Am Strand von Passable hat er sich eine Villa gekauft, deren Park er ganz nach seinem Geschmack gestaltet hat.

Xavier Paoli, porträtiert vom Atelier Nadar zwischen 1900 und 1916. - © Bibliothèque nationale de France, Public domain, via Wikimedia Commons
Xavier Paoli, porträtiert vom Atelier Nadar zwischen 1900 und 1916. - © Bibliothèque nationale de France, Public domain, via Wikimedia Commons

Nicht selten lässt Leopold Finanzexperten und Gelehrte zu sich rufen, um sie eines Besseren zu belehren. "Meine Minister sind oft Idioten. Aber diesen Luxus können sie sich leisten, weil sie nur tun müssen, was ich ihnen sage", soll der König dem Sicherheitsmann anvertraut haben. Obwohl er ein selbstbewusster Monarch ist, vergisst Leopold II. nie, den französischen Präsidenten im Élysée-Palast aufzusuchen. Er hofft nämlich auf dessen Unterstützung für seine kolonialen Projekte im Kongo, die später als "Kongogräuel" in die Geschichte eingehen werden.

Ein weiterer Grund für Leopold, nach Frankreich zu kommen, ist wohl sein Verhältnis mit der 50 Jahre jüngeren Madame de Vaughan. Paoli zeigt sich ganz überrascht von der Zuneigung, die der sonst so kühle Monarch seiner jugendlichen Geliebten entgegenbringt. Ist dem König anfangs noch die Diskretion heilig, so zeigt sich Leopold bald öffentlich mit ihr in der Opernloge oder beim Karneval von Nizza.

Heiterer Monarch

Xavier Paoli beendet seine Memoiren mit einer sehr ungewöhnlichen Erscheinung: König Sisowath von Kambodscha. Der buddhistische Herrscher hat sich spirituell auf die lange Schiffsreise nach Marseille vorbereitet und taucht mit einem Tross Ballett-Tänzerinnen auf, die dem Korsen wie androgyne Vestalinnen vorkommen. Neben Juwelen und Heizkohle haben sie auch Opium mit im Gepäck. "Freut mich ... Freund ... Lang lebe Frankreich", lautet die knappe Begrüßung, die der heitere König beim Abendessen an Paoli richtet, während er an einem Fisch kaut.

Xavier Paolis Memoiren (1911). - © Sturgis & Walton Company, New York, 1911, Public domain, via Wikimedia Commons
Xavier Paolis Memoiren (1911). - © Sturgis & Walton Company, New York, 1911, Public domain, via Wikimedia Commons

In Paris ärgert sich der Geheimpolizist, dass die königliche Entourage, ohne zu fragen, seine Gemächer betritt und seine Zigarrenschachtel leert. In der Nacht macht sie mit Musikinstrumenten so einen Lärm, dass er nicht schlafen kann. Nach dem Sightseeing langweilt sich Sisowath und lässt am Ende seine Tanzmädchen von Marseille nach Paris kommen, um sich zu amüsieren.

Bis zu seinem Tod 1923 stellte Xavier Paoli in seiner kleinen Wohnung, die einem Museum glich, seine außergewöhnlichen Erinnerungen zur Schau. Dort fand man etwa Porträts der Hoheiten, Autogramme und Geschenke von den vielen Persönlichkeiten, die er beschützen und kennenlernen durfte. Einigen blieb er sogar freundschaftlich verbunden. Am Ende konnte Monsieur Paoli sich rühmen, die Majestäten alle auf einmal für sich zu haben: eine Krawattennadel von Kaiser Franz Joseph, eine Armbanduhr vom griechischen König, eine Kette von Queen Victoria, eine Zündholzschachtel von König Edward VII. - die Liste war lang.