Gabriele Proft bekleidete als eine von wenigen Politikerinnen sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Republik wichtige politische Ämter. Sie nähte Militärkrägen, war Friedensaktivistin und Chefredakteurin einer Frauenzeitung. Sie war weltoffen, eine scharfe Denkerin und kämpfte für die Reform des Ehe- und Familienrechts. An ihrem Tisch saßen Adelheid Popp, Anna Schapire-Neurath, Clara Zetkin, Karl Renner und Leo Trotzki. Niemals ließ sich Gabriele Proft vom Zeitgeist beeinflussen. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zählte die 35-Jährige, im Gegensatz zu vielen ihrer Parteikollegen, zu den führenden Friedensaktivistinnen um Friedrich Adler. Auf dem Parteitag von 1917 war sie es, die die "Erklärung der Linken" vortrug, welche sich gegen die regierungskonforme Haltung der Parteiführung wandte.

In ihrer politischen Arbeit setzte sich Gabriele Proft für die Gleichstellung der Frauen in allen Lebensbereichen, für eine Modernisierung des Familien- und Eherechts sowie für die Reform des Strafrechts ein. Viele ihrer Forderungen, wie die Familienrechtsreform und die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, wurden erst in den 1970er Jahren verwirklicht. Gabriele Proft war von dem Metallarbeiter Karl Proft, den sie 1899 geheiratet hatte, geschieden und lebte in einer Partnerschaft. 1900 kam ihre Tochter Minna zur Welt.

Es war der jungen Politikerin um 1900 wahrscheinlich gar nicht bewusst, dass sie das Erbe der "1848erinnen" angetreten hatte. Dieses Erbe "beanspruchen in der Habsburgermonarchie, rund um 1900, neben den so genannten bürgerlich-freisinnigen Frauen auch die Sozialdemokratinnen", schreibt Gabriella Hauch in ihrem Werk "Frauen bewegen Politik" (2009). Sie erklärt die Meinungsverschiedenheiten zu den Vertreterinnen der bürgerlich-liberalen Frauenvereine wie etwa Rosa Mayreder und den katholischen Frauenvereinen, allen voran Hildegard Burjan. Diese waren engagierte Katholikinnen und saßen für die christlich-soziale Partei in der Ersten Republik im National- und Bundesrat.

Lehrjahre

Gabriele Franziska Proft wurde am 20. Februar 1879 in Troppau/ Opava (Mährisch-Schlesien, heute Tschechien) geboren. Sie war die älteste Tochter der siebenköpfigen Kinderschar des Schuhmachers Josef Jirsa und seiner Frau Magdalena. Das junge Mädchen besuchte die Volksschule und danach die Bürgerschule in Troppau, musste diese aber nach dem Tod der Mutter vorzeitig abbrechen. Mit dreizehn Jahren arbeitete Gabriele als Hilfsarbeiterin in einer Weißwäscherei, um zum Unterhalt der jüngeren Geschwister beizutragen.

Nach ihrem Umzug nach Wien 1896 arbeitete die 17-Jährige als Dienstmädchen in Ottakring und war als Heimarbeiterin mit der Herstellung von Militärkrägen beschäftigt. Klug und wissbegierig, wie sie war, nahm sie im Jahr 1896 an einem Vortrag von Franz Schuhmeier im Gasthof "Zur Roten Bretze" in der Wiener Neulerchenfelder Straße teil. Beeindruckt von diesem Erlebnis und Schuhmeiers Auftreten, trat Proft dem Arbeiterbildungsverein "Apollo" bei. Dieser war als "Raucherklub" getarnt.

Einen weiteren Ausbau der allgemeinen und politischen Bildung fand die junge Frau 1906 in der Arbeiterschule. Aufgrund ihrer Heimarbeit stand sie unter großem Zeitdruck. Aber sie war nicht allein: In diesen Jahren bestand bereits ein Reichsverband der Heimarbeiterinnen und der Hausgehilfinnen. Der "Verein sozialdemokratischer Frauen und Mädchen" errichtete auch in Niederösterreich Filialen und zählte 1904 in Wien bereits 600 Mitglieder. Diese Organisation bildete mit den frauenspezifischen Bildungsvereinen die Kernstruktur der "Freien politischen Frauenorganisation", deren Gründung mit Gabriele Proft als angestellter Sekretärin auf der 3. sozialdemokratischen Frauenkonferenz 1908 beschlossen wurde.

Als stellvertretende Parteivorsitzende besuchte die 31-Jährige im August 1910, gemeinsam mit Adelheid Popp und Emmy Freundlich, die 2. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz in Kopenhagen. Hier wurde der Internationale Frauentag ins Leben gerufen. Bei dieser Gelegenheit konnte sich Proft als Versammlungsrednerin entfalten. Ab 1911 gehörte sie dem Parteivorstand an und zählte bald zu den profiliertesten Vertreterinnen der Arbeiterbewegung. In diesem Krisenjahr führten rasante Lebensmittelteuerungen und eklatanter Wohnungsmangel am 17. September zu Massendemonstrationen, aufgerufen von der Sozialdemokratischen Partei. Von den Sammelplätzen beim Rathaus und Parlament begann der "Sturm" stadtauswärts. Es wurde randaliert und Polizeiattacken ließen die Situation eskalieren. Gabriele Proft meldete sich zu Wort: "Den Verzweiflungsschrei der Mütter sollten die Volksaushungerer zu hören bekommen."

Seit 1909 war Gabriele Proft Vorsitzende des Frauenzentralkomitees der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP). Dass in dieser Funktion auch Hoffnungen begraben werden mussten, beschreibt Hauch. Demnach hatte dieses Frauenzentralkomitee "im steten Einvernehmen mit dem Parteivorstand zu wirken". Die Folge war, dass Proft mit ihrem Frauensekretariat dem Sekretariat des Parteivorstandes angegliedert wurde. Die an die gemeinsame Organisation geknüpfte Hoffnung auf mehr Akzeptanz erfüllte sich jedoch nicht. Durch die Verankerung der Frauengleichberechtigung in der Verfassung gäbe es keinen Grund mehr für eine "Extrawurst" der Genossinnen - so der Tenor.

"Lustiges Haus" Renner

Ein gewisses Misstrauen der männlichen Parteikollegen war stets vorhanden. Das belegt Hauch am Beispiel einer emotionalen Sitzung im Sommer 1917: Ausgehend von der Russischen Revolution und den streikenden Arbeiterinnen und Arbeitern, erfasste die Streikwelle im Mai 1917 die Industriezentren rund um Wien. Bis zu 60.000 Menschen begannen, ohne Wissen der Gewerkschaften, zu streiken, und stellten die bis dahin hegemoniale Stellung der SDAP bei den Industriearbeiterinnen in Frage. In der Folge beriefen der Parteivorstand und die Gewerkschaftskommission am 1. Juni 1917 eine ganztägige Sitzung ein.

Irritiert vom politischen Chaos, suchte man in der SDAP nach einer Projektionsfläche und begann mit Schuldzuweisungen. Nachdem ein Parteigenosse gegen Gabriele Proft, Mathilde Eisler und Therese Schlesinger haltlose Vorwürfe erhoben hatte, verließen die drei unter Protest den Saal. Damals legte Proft ihre Funktion als Frauensekretärin zurück, machte diesen Schritt, der vom Parteivorstand nicht akzeptiert wurde, nach einer Aussprache aber wieder rückgängig.

Ihr ehemaliger Lehrer und lebenslanger Freund Karl Renner (hier im Jahr 1920) war für Gabriele Proft der große Staatsdenker, Rechtstheoretiker, Soziologe und Parlaments- sowie Verwaltungsexperte der Sozialdemokratie. - © Theodor Bauer, Public domain
Ihr ehemaliger Lehrer und lebenslanger Freund Karl Renner (hier im Jahr 1920) war für Gabriele Proft der große Staatsdenker, Rechtstheoretiker, Soziologe und Parlaments- sowie Verwaltungsexperte der Sozialdemokratie. - © Theodor Bauer, Public domain

Gabriele Proft war Karl Renner, ihrem einstigen Lehrer, Staatskanzler und späterem Bundespräsidenten, sehr zugetan. Für sie war er der große Staatsdenker, Rechtstheoretiker, Soziologe und Parlaments- sowie Verwaltungsexperte der Sozialdemokratie. Mehrmals hat sie bedauert, dass "die Jugend seine Schriften und seine Leistungen nicht mehr kenne". Proft kannte Renner seit ihrem 25. Lebensjahr, als dieser sie in der Arbeiterschule unterrichtete. Sie bezeichnete Renner, der gerne tanzte, als "lustiges Haus". Er und seine Frau waren sehr gastfreundlich. Nach und nach entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.

Schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatten die Sozialdemokratinnen das allgemeine und gleiche Wahlrecht "ohne Unterschied des Geschlechts" ins Parteiprogramm aufgenommen. Allerdings stellten sie ihre geforderten Rechte zunächst zurück. Sie waren aber überzeugt, "dass die von der politischen Knechtschaft befreiten Männer" die ersten Vorkämpfer für das gleiche Recht der Frauen sein würden - so Adelheid Popp 1905. Andere Frauen der Bewegung stellten jedoch die Forderung des Wahlrechts in den Mittelpunkt, etwa die Vorsitzende des "Bundes der österreichischen Frauenvereine", Marianne Hainisch. Erst die neue politische Situation nach dem Ersten Weltkrieg brachte in vielen Ländern Europas den Frauen 1918 das allgemeine und gleiche Wahlrecht.

Von 1918 bis 1923 wirkte Proft im Wiener Gemeinderat und von 1919 bis 1934 war sie Nationalratsabgeordnete im Parlament. Hauch hebt ein Ereignis im Parlament hervor, das auch heute, unter dem aktuellen Begriff "Gender Budgeting", diskutiert wird: Demnach hat Gabriele Proft 1928 die erste frauenspezifische Budgetrede gehalten, wo sie auch vorrechnete, wie viel Steuern die weibliche Bevölkerung Österreichs - damals 52 Prozent - zu zahlen hatte.

Bei Profts sozialdemokratischen Mitstreiterinnen wie Adelheid Popp, Therese Schlesinger oder Anna Boschek lässt sich eine personelle Kontinuität bis Anfang der 1930er Jahre verfolgen. Sie waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg tätig und kamen zum Teil aus einfachen Verhältnissen. Ihr Wissen verdankten sie der individuellen Förderung innerhalb der sozialdemokratischen Gemeinschaft um die Jahrhundertwende. Mit Frauenschulen und Rednerinnenkursen wurde dem Mangel an ausgebildeten Funktionärinnen entgegengearbeitet.

Neuanfang 1945

Obwohl die SDAP den Abbau der Frauenerwerbstätigkeit nach dem Ersten Weltkrieg mittrug, standen die erwerbstätigen Frauen im Mittelpunkt ihrer Politik. Proft suchte nach einem Ausweg der Doppel- und Dreifachbelastung der Frauen. Gefordert wurden vor allem die Gleichstellung der Frauen im Familienrecht, die Streichung des damaligen § 144 im Strafrecht (Schwangerschaftsabbruch) und die Einbeziehung der lohnabhängig arbeitenden Frauen in ein umfassendes Sozialversicherungssystem.

Das Urnengrab von Gabriele Proft in der Feuerhalle Simmering. - © PicturePrince, CC BY-SA 4.0
Das Urnengrab von Gabriele Proft in der Feuerhalle Simmering. - © PicturePrince, CC BY-SA 4.0

Im März 1933 erfolgte die Auflösung des Parlaments, knapp ein Jahr später, am 12. Februar 1934, das Verbot der SDAP. Gabriele Proft und viele ihrer Kolleginnen wurden verhaftet. Nach ihrer Freilassung im Dezember 1934 schloss sie sich den revolutionären Sozialisten an. Ab 1944 wurde sie wieder in Haft genommen. Von Jänner bis März 1945 kämpfte sie in dem mit rund 2.000 Menschen überfüllten Lager von Lanzendorf/NÖ ums Überleben und kehrte, gesundheitlich schwer angeschlagen, 1945 nach Wien zurück.

Dennoch schaffte sie einen Neuanfang. Mit 66 Jahren wurde sie 1945 stellvertretende Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Österreichs und Vorsitzende der SPÖ-Frauen. Sie kämpfte weiter für ihre Anliegen und forderte die Korrektur jener Paragraphen des ABGB, die den Mann zum Familienoberhaupt erklärten. Von 1945 bis 1953 war Gabriele Proft erneut Abgeordnete zum Nationalrat und während dieser Zeit auch Chefredakteurin der Zeitung "Die Frau". Anschließend war sie stellvertretende Vorsitzende der SPÖ. 1959 zog sie sich 80-jährig zurück.

Gabriele Proft starb am 6. April 1971 nach einer Operation. Seit 2002 erinnert in Floridsdorf der Gabriele-Proft-Weg an die bescheidene, aber konsequente Politikerin.