Abschreckende Darstellung von "fahrendem Volk", also Vagabunden, aus dem 17. Jahrhundert. - © Archiv Georg Hamann
Abschreckende Darstellung von "fahrendem Volk", also Vagabunden, aus dem 17. Jahrhundert. - © Archiv Georg Hamann

Jeder Krieg ging einmal zu Ende. Doch während zerstörte Häuser wieder aufgebaut und verwüstete Äcker wieder bestellt wurden, setzte sich für Tausende das Elend fort. Jedem Friedensschluss folgte eine Entlassungswelle für Soldaten, die oft nur für eine begrenzte Zeit oder für einen bestimmten Feldzug angeworben worden waren. Viele standen auf der Straße und fanden, vor allem wenn sie der Krieg zu Krüppeln gemacht hatte, nur schwer ehrliche Arbeit. Wer keine Aufnahme in den heillos überfüllten Armenhäusern fand, war gezwungen, zu betteln oder sich gar einer der gefürchteten Räuberbanden anzuschließen.

Von regelrechten "Bettlerheeren" sprach man im 17. und 18. Jahrhundert, denn neben den Kriegsveteranen gab es abertausende Frauen und Männer, die keine Arbeit fanden (oder suchten). Vor allem von den größeren Städten fühlten sich diese Besitz-, Arbeits- und Obdachlosen angezogen, allen voran von Wien. Die Obrigkeit war überfordert, denn mit ein paar gottgefälligen Almosen allein war die Sache nicht in den Griff zu bekommen.

Zunächst versuchte man, die Bettler abzuschieben, waren laut Gesetz doch deren Heimatgemeinden für sie verantwortlich. Da sie aber immer wieder zurückkamen, entschloss man sich, sie zu kriminalisieren, um strafrechtlich gegen sie vorgehen zu können. Bald erkannte man auch das große wirtschaftliche Potenzial dieser vielen Menschen, das es gewinnbringend einzusetzen galt.

- © Amalthea
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In England gab es bereits Mitte des 16. Jahrhunderts erste "Arbeitshäuser", in denen Bettler und andere gesellschaftliche Randgruppen Zwangsarbeit zu verrichten hatten. Auch in den Niederlanden und in deutschen Hafenstädten wurden ähnliche Einrichtungen geschaffen, und im Jahr 1671 war es Kaiser Leopold I., der das erste österreichische Zucht- und Arbeitshaus ins Leben rief. Es befand sich im heutigen zweiten Wiener Gemeindebezirk, dort, wo sich bis vor kurzem das jüdische Ghetto befunden hatte.

Ganz den Regeln des frühkapitalistischen Merkantilismus entsprechend, nahm sich der Staat das Recht heraus, bislang "unproduktive" Menschen zwangsweise in das Wirtschaftssystem einzubinden. Die "Beschäftigung des herrenlosen und müßigen Gesindels" sollte darüber hinaus einen disziplinierenden Effekt haben und "zur Besserung der verdorbenen Sitten" beitragen, wie es hieß.

Eingeliefert wurden freilich nicht nur Bettler, sondern auch mittellose Waisenkinder, Geisteskranke, Prostituierte sowie Kleinkriminelle beiderlei Geschlechts und jeden Alters. Sie alle waren strengen Regeln unterworfen: früh aufstehen, Messe, karges Essen, harte Arbeit gegen minimale Bezahlung. Frauen mussten spinnen, stricken und weben, Männer Holz oder Marmorblöcke zersägen. Wer das vorgegebene Soll nicht erfüllte, erhielt verringerte Essensrationen.

Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein waren die hygienischen Verhältnisse katastrophal, die Räume schmutzig und heillos überbelegt, wodurch sich tödliche Krankheiten schnell ausbreiteten. Dennoch diente die Anstalt als Vorbild für viele andere Arbeitshäuser, die ab den 1720er Jahren in den Kronländern gegründet wurden, unter anderem in Innsbruck, Graz und Klagenfurt.

Ganz ohne Zynismus sei vermerkt, dass man im Arbeitshaus zumindest überleben konnte. Andere, die sich auf den Straßen durchzuschlagen versuchten, liefen zu jener Zeit nämlich Gefahr, als Hexen oder Zauberer verbrannt zu werden.