Im Juni 1971 träumen sowjetische Kosmonauten immer noch davon, zum Mond zu fliegen. Während ihr Mondprogramm nur schleppend vorankommt, werden zwei Typen von Raumstationen entwickelt. Diese unbemannt startenden Zylinder bieten mehr Platz als Raumschiffe. Jeder einzelne soll nacheinander gleich von mehreren Besatzungen angeflogen werden und diesen dann einige Wochen lang als orbitale Wohn- und Arbeitsstätte dienen.

Die zivilen Versionen beherbergen vor allem wissenschaftliche Geräte, die militärischen haben diverse Aufklärungsinstrumente an Bord; sie können überdies mit einer Schnellfeuerkanone des Kalibers 23 mm bewaffnet werden. Um das militärische Programm zu verschleiern, will man beide Typen unter dem gemeinsamen Namen "Saljut" ins All schießen (russ., Salut!, "Gruß").

Saljut 1, die weltweit allererste Raumstation, besitzt eine Masse von mehr als 18 Tonnen. Sie ist über 15 Meter lang und bis zu vier Meter breit. Eine Proton-Rakete bringt sie am 19. April 1971 in den Erdorbit. Knapp vier Tage später folgen die erfahrenen Kosmonauten Wladimir Schatalow und Alexej Jelissejew sowie der Weltraumneuling Nikolai Rukawischnikow. Ihr Schiff, die Sojus 10, wird automatisch an die zivile Station herangeführt. Während der letzten 200 Meter muss Schatalow allerdings zur Handsteuerung greifen.

Ersatzmannschaft

Kopplungsmanöver sind in der sowjetischen Raumfahrt fast immer schiefgegangen. Jetzt dringt der Kopplungsdorn der Sojus zwar in den Kopplungsstutzen der Station Saljut 1 ein, doch unter falschem Winkel. Hat sich das automatische Lageregelungssystem des Raumschiffs eingemischt? Jedenfalls hält der Sojus-Kopplungsadapter der zusätzlichen, ungeplanten Belastung nicht stand und wird beschädigt. Sein Dorn steckt fest. Über fünf Stunden lang können die Kosmonauten weder vor noch zurück. Erst dann kommt ihr Schiff wieder frei. Die Männer machen sich unverrichteter Dinge auf den Heimweg.

Die Kosmonauten der Sojus-11- Mission sollen den Misserfolg wettmachen. Als Kommandant ist der prominente Alexei Leonow vorgesehen: Er hatte 1965 als erster Mensch ein Raumschiff im Erdorbit verlassen und ein Außenbordmanöver im Raumanzug absolviert (im Deutschen verniedlichend "Weltraumspaziergang" genannt). Doch bei einem der drei Crew-Mitglieder zeigt das Röntgenbild einen Schatten in der Lunge. Ärzte befürchten eine Infektion. Leonow wird von einer Allergie sprechen - ausgelöst durch ein Insektizid, das man nahe dem Startplatz in Baikonur versprüht hat. Aus Angst vor Ansteckung wird jedenfalls gleich die gesamte Mannschaft ausgetauscht, nur eineinhalb Tage vor dem Start. Noch ahnen die drei enttäuschten Kosmonauten nicht, was diese Entscheidung für sie bedeutet.

Am Morgen des 6. Juni 1971 startet also die Ersatzmannschaft zur Raumstation. Der 43-jährige Georgi Dobrowolski, Pilot der Luftstreitkräfte, fungiert als Kommandant - obwohl er zuvor noch nie im All war. Ebenfalls ohne Weltraumerfahrung ist Wiktor Pazajew, knapp 38 Jahre alt. Nur der 35-jährige Moskauer Ingenieur Wladislaw Wolkow flog schon mit der Sojus 7: Auch damals misslang das geplante Andockmanöver mit dem Schwesterschiff Sojus 8.

Diesmal, am 7. Juni 1971, geht alles glatt. Der Kopplungsmechanismus der Sojus 11 wurde verstärkt, die Lageregelungstriebwerke sind während des Andockens abgeschaltet. Die interne Luke erlaubt es den Männern, ohne Raumanzug in die angeschlossene Saljut 1 zu schweben. Pazajew macht den Anfang. Es riecht verbrannt im orbitalen Zuhause. Das Ventilationssystem muss repariert werden. Die Reinigung der Bordatmosphäre dauert fast einen ganzen Tag.

Anfangs hatte man die Schwerelosigkeit auch als Vorteil betrachtet; Herz und Kreislauf würden dabei weniger belastet, glaubten manche Mediziner. Sie malten sich sogar "Weltraum-Spitäler" für besonders heikle Operationen aus. Doch dann entpuppte sich das längere Fehlen der vertrauten Schwerkraft als problematisch für Muskeln und Immunsystem. Die Kosmonauten, die im Juni 1970 gut 17 Tage an Bord ihres Schiffs Sojus 9 ausgeharrt hatten, konnten nach der Landung kaum gehen. Seither ist klar: Auf körperliches Training darf im All nicht verzichtet werden.

Deshalb wurde ein Trainingsgerät in der Saljut montiert. Gummizüge - die allerdings rasch ausleiern werden - halten die Kosmonauten daran fest. Zweimal täglich sollen sie sich ertüchtigen. Doch dabei gerät die ganze Raumstation in Schwingung. Die Ausrichtung der Solarzellen, der Funkantennen und der wissenschaftlichen Instrumente wird empfindlich gestört. Das Trainingsziel kann also nicht erreicht werden.

An Bord befinden sich die Experimentalausrüstung, Teleskope, Spektrometer, aber auch andere, teils geheimgehaltene Geräte. Die Kosmonauten blicken aus 210 km Höhe auf die Erde hinab. Sie beobachten zwei nächtliche sowjetische Raketenstarts und studieren die höchst rätselhaften, ungewöhnlich hoch fliegenden "Leuchtenden Nachtwolken". Mit fast 24 Tagen Aufenthalt im All stellen sie einen neuen Flugrekord auf.

Druckabfall

Am Abend des 29. Juni 1971 verlassen die Raumfahrer die Station, steigen wieder in ihr Sojus-Schiff. Es besitzt ein Lande- und ein Orbitalmodul. Die Luke zwischen den beiden Modulen schließt scheinbar nicht korrekt. Wie sich herausstellt, wird das Warnsignal aber bloß von einem fehlerhaften Sensor verursacht. Man klebt ein Stück Pflaster drauf.

Um 19:28 MEZ koppelt die Sojus 11 von der Raumstation Saljut 1 ab. Vier Stunden danach zünden die Bremsraketen des Schiffs über dem Atlantik, drei Minuten lang. Um 23:47 MEZ werden Lande- und Orbitalmodul der Sojus mit Hilfe von Sprengladungen voneinander getrennt. Vielleicht beschädigt diese Explosion eines der beiden Lufteinlassventile zwischen den Modulen. Diese Ventile sollen später, knapp über dem Erdboden, Luft ins Landemodul strömen lassen und für den nötigen Druckausgleich sorgen. Nun aber ist ein Ventil schon mehr als 150 km über Grund offen. Die Kabinenluft beginnt sofort ins Vakuum des Weltalls zu entweichen.

Die Raumstation Saljut 1 auf einer sowjetische Briefmarke (1972). 
- © USSR Post, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Raumstation Saljut 1 auf einer sowjetische Briefmarke (1972).

- © USSR Post, Public domain, via Wikimedia Commons

Die Kosmonauten tragen keine Druckanzüge: Nur so lässt sich eine dreiköpfige Besatzung überhaupt in der Kapsel unterbringen. Die Männer hören ein Zischen, spüren den Druckverlust in den Ohren. Dobrowolski öffnet seinen Gurt. Er hat die Luke in Verdacht. Um das Geräusch besser lokalisieren zu können, schalten die beiden anderen Kosmonauten die rauschenden Funkempfänger ab. Das Zischen kommt von jenem Platz über dem Kommandantensitz, wo besagte Luftventile einmünden. Zwei Kosmonauten versuchen noch, sie händisch zu schließen. Dieser manuelle Eingriff in den automatischen Ablauf ist nur im Fall einer Landung im Meer vorgesehen. Er dauert mindestens 40 Sekunden.

Die Trommelfälle platzen. Stickstoffbläschen bilden sich in den Adern. Das Blut beginnt zu kochen. Die Gefäße reißen auf, auch in der Lunge und im Gehirn. Spätestens 100 Sekunden nach der Modultrennung ist die Besatzung klinisch tot. Kurz danach steht die Kabinendruckanzeige auf null. Die Bodenkontrolle lauscht einstweilen vergeblich nach dem Funkzeichen "Bernstein". Die Kapsel sinkt still am Fallschirm zu Boden. Vier Helikopter führen die Bergungsmannschaft unverzüglich heran. Man öffnet die Luke. Ein Körper ist noch warm, die Sitze sind blutgetränkt. Wolkow ist zu erkennen, die Gesichter der beiden anderen Kosmonauten sind es nicht mehr. Verzweifelt bemüht man sich, die Männer wiederzubeleben.

Ihre Asche wird in Urnengräbern an der Moskauer Kremlmauer beigesetzt. Es sind nicht die ersten Menschen, die in einem Raumschiff sterben: Im Jänner 1967 verbrannten Edward White, Gus Grissom und Roger Chaffee bei einem Bodentest des ersten Apollo-Schiffs. Drei Monate später zerschellte die allererste Sojus-Kapsel nach einem Fallschirmversagen am Boden und riss so den Kosmonauten Wladimir Komarow in den Tod.

Die Astronauten von Apollo 15 lassen im August 1971 eine Metallplakette auf der Mondoberfläche zurück. Sie trägt die Namen von 14 Kollegen in Ost und West, die während ihrer Mission, beim Training, bei einem Flugzeug- oder Autounfall bzw. durch Krankheit ums Leben kamen: Dobrowolski, Pazajew und Wolkow sind aber die Einzigen, die tatsächlich im Weltraum starben.

Letztlich erfolgreich

Nach der Sojus-11-Tragödie bleiben sowjetische Kosmonauten zwei Jahre lang an den Boden gefesselt. Das Schiff wird modifiziert. Die Luftventile können nun rascher per Hand geschlossen werden. Bei Druckabfall kommt ein zusätzlicher Sauerstofftank zum Einsatz. Vor allem aber müssen die Kosmonauten in Zukunft Druckanzüge während der kritischen Flugphasen tragen. Bis September 1980 werden somit immer nur zwei Männer in den Sojus-Schiffen Platz finden.

Der nächste bemannte Start erfolgt erst am 27. September 1973: Allerdings fehlt der Sojus 12 ein lohnendes Flugziel. Saljut 1 ist längst verglüht, und die drei nächsten Raumstationen explodierten beim Start oder stürzten bald danach ab. Im Juni 1974 dockt mit Sojus 14 endlich wieder ein Schiff an eine sowjetische Raumstation an. Diese militärische Version wird offiziell Saljut 3 genannt. Auch sie erhält bloß ein einziges Mal Besuch, denn der Crew von Sojus 15 misslingt der Anflug. Hingegen wird die zivile Saljut 4 im Jahr 1975 erstmals zweimal bezogen, von jeweils zwei Kosmonauten. Ähnliches gilt für die militärische Saljut 5.

Die beiden letzten - zivilen - Stationen der Saljut-Serie besitzen an beiden Enden Kopplungsstutzen. So kann gleichzeitig auch eine zweite Sojus oder ein unbemanntes Versorgungsschiff andocken. Saljut 6 beherbergt nacheinander sechs Stamm-Crews. Zusätzlich werden zehn Kurzzeitbesatzungen willkommen geheißen. Mit Saljut 7 gelingt der nächste Coup. Drei Kosmonauten harren dort 1984 sogar 237 Tage aus. Auch beim Bau der sowjetischen Raumstation MIR und der internationalen Station ISS fließen die Erkenntnisse des letztlich dann doch äußerst erfolgreichen Saljut-Programms ein.