Im Jahr 1888 und damit 85 Jahre nach seinem Tod kehrte Samuel Brukenthal an die Seite seiner Herrscherin zurück. In diesem Jahr wurde das imposante Maria-Theresien-Denkmal, flankiert von den beiden Museen, seiner Bestimmung übergeben. Es verewigt nicht nur die Herrscherin, sondern auch ihre wichtigsten Berater aus Politik, Verwaltung, Militär sowie Wissenschaft und Kunst.

Einer dieser Herren war Samuel Brukenthal. Heute längst vergessen, ist zu fragen, welche bedeutende Rolle er im 18. Jahrhundert für die Provinz Siebenbürgen, die heute das Kernland Rumäniens bildet, spielte.

Als Siebenbürger Sachse war Brukenthal für die Regentin eine wesentliche politische Stütze in der multiethnischen, fruchtbaren und an Bodenschätzen reichen Provinz. Maria Theresia bekannte sinngemäß: "...Ich pflege das zu tun, was er mir rät..."

 

"Eden hinter den Wäldern" - so lautet der Titel von Lisa Fischers eindrucksvoller Biographie über Brukenthals Lebenswelt. Er hat sich unter dem Leitbild des Freimaurertums sein "Eden", ein siebenbürgisches Paradies, geschaffen. Folgt man Fischers Ausführungen, so war er ein Gratwanderer "zwischen protestantischer Askese und barockem Luxus". Doch was war sein Nutzen für die Regentin? Um das zu verstehen, ist ein kleiner Exkurs notwendig.

Östlichste Provinz

Das Großfürstentum Siebenbürgen/Transsylvanien war um 1740 die östlichste Provinz des unter Habsburger Herrschaft stehenden Königreiches Ungarn. Schon ab 895 besiedelten ungarische Stämme dieses Gebiet. Ab 1147 begann die gezielte Ansiedlung von Bauern aus Sachsen ("Saxones"), um sowohl die Grenze gegen Einfälle aus dem Osten zu sichern, als auch das Land urbar zu machen. Nach der Schlacht bei Mohacs, 1526, zerbrach Ungarn in drei Teile, wobei der größte unter osmanische Herrschaft geriet. Erst nach den Feldzügen Prinz Eugens und dem Rückzug der Osmanen übernahmen die Habsburger ab 1711 die Kontrolle über Ungarn und Siebenbürgen.

Das Großfürstentum, das mit dem Königreich Ungarn nur lose verbunden war, unterlag der direkten Aufsicht des Wiener Hofes, der sich sogenannter "Gubernatoren" bediente. Durch eine Urkunde Maria Theresias vom 2. November 1775 wurde das Guber- nium Siebenbürgen weitgehend autonom und nach eigenen Gesetzen verwaltet. ("Gubernium" war die damalige Bezeichnung für die Landesbehörde der österreichischen Kronländer.) Diesen Sonderstatus verlor die Provinz erst 1867, nach dem "Ausgleich" mit Ungarn.

Weitere Einwanderungswellen fanden nach der Gegenreforma- tion statt. Protestanten aus verschiedenen Teilen des damaligen Erzherzogtums Österreich wurden von Maria Theresia zwischen 1734 und 1776 nach Siebenbürgen zwangsumgesiedelt (Landler). Diese Neusiedler waren sowohl in der Landwirtschaft als auch in der neu erschlossenen Montanwirtschaft (Salz, Erze, Gold) tätig. Somit war die Provinz für die Regentin nicht nur als Grenzland, sondern auch als Wirtschaftsfaktor von großer Bedeutung. Samuel Brukenthal förderte die Agrarwirtschaft mit seinen Mustergütern und unterstützte die Intentionen des Wiener Hofes. Er war daher der richtige Mann am richtigen Ort.

Brukenthal im Reigen der Berater auf dem Wiener Maria-Theresien-Denkmal. 
- © Rudolf Biwald

Brukenthal im Reigen der Berater auf dem Wiener Maria-Theresien-Denkmal.

- © Rudolf Biwald

Samuel Brukenthal wurde am 26. Juli 1721 als Sohn des Gerichtsbeamten Michael Brekner - der sich nach einer Standeserhöhung "Brukenthal" nannte - in Leschkirch/Nocrich, einem kleinen Ort in der Nähe von Hermannstadt/Sibiu in Siebenbürgen, geboren. Samuels Mutter, Susanna von Heydendorff (1685-1734,) entstammte dem siebenbürgisch-sächsischen Neuadel. Ihr Sohn wuchs zunächst unbeschwert auf und seine Sozialisierung fand im Wechselspiel zwischen protestantischer Ethik und Naturverbundenheit statt. Doch im Alter von fünfzehn Jahren wurden er und seine Geschwister zu Vollwaisen. Ein Onkel, der Gymnasiallehrer Georg Soterius, nahm sich der Kinder an und überwachte deren Schulbildung.

Im Alter von 18 Jahren ging Samuel nach Neumarkt am Mieresch/Marosvásárhely/Târgu Mures, um Ungarisch zu lernen und Rechtsstudien zu betreiben. Auch Latein, Deutsch und Französisch standen auf dem Lehrplan. Seine erste Anstellung, nach Beendigung der Schule, fand der junge Mann als Kanzlist im Gubernium von Hermannstadt. 1743 lebte Samuel in Wien, um als Kanzlist Geld zu verdienen, und setzte anschließend seine Studien an den Universitäten in Halle an der Saale, Leipzig und Jena, fort. Am 2. März 1743, war er, im jungen Alter von 22 Jahren, in die 1742 neu errichtete Freimaurerloge "Aux Trois Canons" aufgenommen worden.

Auflösung der Logen

Die Einstellung der Regentin zur Freimaurerei war zwiespältig-opportunistisch: Einerseits schätzte sie ihre, den Logen verbundenen Berater, wie Gerald van Swieten oder Joseph von Sonnenfels; andererseits ließ sie die Logen ab 1743 auflösen, obwohl ihr Gemahl, Franz Stephan, schon seit 1731 Mitglied des Bundes war...

Nach Ausbruch des Zweiten Schlesischen Krieges 1744/45 musste Brukenthal sein Studium in Jena beenden. Nun standen Maria Theresias Untertanen, die in Schlesien lebenden Sachsen, unter preußischer Oberhoheit und Samuel kehrte in seine Heimatstadt zurück. Er heiratete 1745 in Hermannstadt die gebildete Tochter des amtierenden Bürgermeisters, Sophia Katharina von Klocknern (1725-1782). Der wohlhabende Vater der Braut förderte seinen tüchtigen Schwiegersohn in jeder Hinsicht.

1753 zog das Paar nach Wien und Brukenthal nützte vermutlich seine freimaurerischen Verbindungen, um zu einer Audienz bei der vier Jahre älteren Regentin Maria Theresia vorgelassen zu werden. Er musste einen guten Eindruck auf sie gemacht haben, denn glaubensmäßige Differenzen spielten bei ihm - ebenso wie bei van Swieten - offenbar keine Rolle. Andrerseits wurden Menschen lutherischen Glaubens von der Herrscherin ab 1752 in mehreren Wellen nach Siebenbürgen deportiert und in der Nähe von Hermannstadt angesiedelt.

Bereits im Jahr 1755 wurde Brukenthal, im Alter von 34 Jahren, von der Regentin zum Gubernialsekretär Siebenbürgens ernannt. Dann folgte der Aufstieg zum ersten siebenbürgisch-sächsischen Gouverneur im Jahr 1777.

Das Gubernium, dem Bruken-thal als dessen oberster Repräsentant vorstand, setzte sich aus elf Mitgliedern zusammen, von denen vier Freimaurer waren. Als Landesbeamter hatte Brukenthal vor allem an der Steuer-, Justiz- und Urbarialreform sowie bei der Aufstellung von Grenzregimentern in Siebenbürgen gestaltend mitgearbeitet. Es ging dabei vor allem um die Angleichung der siebenbürgischen Verhältnisse an jene der Gesamtmonarchie.

Zur beruflichen Karriere kam der materielle Aufstieg. Bereits Ende der 1750er Jahre hatte Brukenthal mit dem Erbe seiner Gemahlin Sophia Katharina in Freck/Avrig mehrere Hof- und Feldgründe gekauft, wo er später ein Schlösschen errichtete. In Wien erhielt er Zutritt zu Hofkreisen und Einblick in das barocke "savoir vivre" der Kaiserstadt, das er in sein Palais am Hauptplatz von Hermanstadt wie auch in seine Sommerresidenz, seinem "Klein-Schönbrunn" in Freck, übertrug.

Brukenthal-Museum

Seine verschiedenen Sammlungen kamen in das Stadtpalais, welches bald zu einem Kultur- und Kunstzentrum wurde. Diese beiden, bis heute erhaltenen Barockbauwerke wurden 2007, anlässlich der Ernennung zur Kulturhauptstadt Europas, renoviert. Im Stadtpalais ist heute das Brukenthal-Museum mit seiner Gemäldesammlung untergebracht.

Da es Brukenthal nicht gelang, eine Universität in Hermannstadt zu gründen, wurde sein Palais zur Bildungsstätte. Der 22-jährige Medizinstudent Samuel Hahnemann (1755-1843), der Begründer der Homöopathie, kam 1777 nach Hermannstadt und wurde von Brukenthal gefördert und in die Loge "Zu den Drei Seeblättern" aufgenommen. Siebenbürgens Hauptstadt blühte während seiner Amtszeit auf.

Im Umfeld seines Sommerschlösschens errichtete er ein landwirtschaftliches Mustergut. Das war ganz im Sinne von Maria Theresia, denn eine verbesserte Landwirtschaft mit regionalem Wohlstand konnte die zentralstaatlichen Einnahmen steigern.

Brukenthal pflegte die Netzwerke der Freimaurer. In den Logen versuchte man damals, jenseits der ethnischen und ständischen Zugehörigkeiten, an der Vision von Gleichheit und Toleranz zu arbeiten. Dass man den Gleichheitsbegriff nicht sozial definierte und auf das einfache Volk übertrug, zeigt die egalitäre Grundhaltung des Bundes. Die größte Bevölkerungsgruppe von Siebenbürgen, die rumänischen Bauern, profitierte aber nicht vom "Geist der Aufklärung".

Im Gegenteil: Brukenthal war ein entschiedener Verfechter der Sonderrechte der siebenbürgisch-sächsischen Minderheit und ein Gegner der "Konzivilität", das heißt der Aufhebung des ausschließlichen Besitz- und Wohnrechtes der Sachsen in deren Selbstverwaltungsgebiet. "Geprägt vom elitären Freimaurertum war er einerseits aufgeklärt vorwärts gerichtet, aber ebenso traditionalistisch nach rückwärts gekehrt", bemerkt Lisa Fischer.

Keine Nachkommen

Brukenthal hinterließ keine Nachkommen, seine einzige Tochter starb mit vier Jahren. Mit Beginn der Alleinregentschaft von Joseph II. begann ab 1780 eine schwierige Zeit für ihn. 1782 starb unvermutet seine Frau Sophia Katharina mit 57 Jahren, die ihm stets eine große Stütze war. Der trauernde Witwer zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Gleichzeitig entfiel mit dem Tod Maria Theresias deren Unterstützung.

Brukenthals Gruft in der Evangelischen Kirche A. B. in Hermannstadt/Sibiu 
- © Ruldolf J. Kraus, gemeinfrei

Brukenthals Gruft in der Evangelischen Kirche A. B. in Hermannstadt/Sibiu

- © Ruldolf J. Kraus, gemeinfrei

Joseph II. löste die bisherige, unveränderte Ständeverfassung auf. Er versuchte, einen nach rationalen Vorstellungen zentralistischen Staat mit einem aufgeklärten Monarchen einzurichten. Dies stand im Widerspruch zu Brukenthals bisherigen Intentionen, was schließlich 1787 zu dessen Entlassung und Pensionierung führte. Nach dem Tode von Joseph II. 1790 wurde Siebenbürgens alte Verfassung wieder hergestellt, wobei allerdings die Sachsen ihre Exklusivrechte nicht wiedererlangten. Die Jahre bis zu seinem Tod mit 82 Jahren, am 9. April 1803, beschäftigte sich Brukenthal mit seinen Sammlungen (Gemälde, Mineralien, Münzen, Bi-bliothek), die nach wechselvollem Schicksal zum Teil bis heute erhalten sind.

Betrachtet man das Maria-Theresien-Denkmal in Wien, so findet man Brukenthals Halbkörperplastik im Figurenbereich "Verwaltung" als zweite Person von links hinter der frei stehenden Plastik von Graf Haugwitz.