Der menschliche Körper lebt von Glukose, einer Zuckerart, die durch den Blutkreislauf zu den Zellen wandert und dort in Energie umgewandelt wird. Etwa 500 Millionen Menschen weltweit sind Diabetiker. Ihre Körper sind nicht in der Lage, das Hormon Insulin zu produzieren, das regelt, wie Glukose in den Zellen verarbeitet und gespeichert wird. Am 27. Juli vor 100 Jahren machten die kanadischen Forscher Frederick Banting und Charles Best eine Entdeckung, die als einer der großen medizinischen Durchbrüche des 20. Jahrhunderts gilt und die Zuckerkrankheit erst beherrschbar machte.

Erstmals wurde Diabetes vor ungefähr 4.000 Jahren erkannt. So berichtet der Papyrus Ebers - ein ägyptisch medizinischer Text, der um 1550 v. Chr. geschrieben wurde - von Patienten, die an Durst, häufigem Wasserlassen und Gewichtsverlust leiden. Ein alter indischer Text, verfasst nach dem 7. Jahrhundert v. Chr., rät, auf Diabetes zu testen, indem man beobachtet, ob Ameisen vom Zucker im Urin angezogen werden, schreibt die Historikerin Amanda Foreman im "The Wall Street Journal".

Die Rolle des Zuckers

Die unverhältnismäßig große Menge an Urin, die Betroffene ausscheiden, ist vermutlich auch der Grund, warum die alten Griechen es "Diabetes" nannten - das Wort für "durchlaufen". Sie stellten auch erstmals eine Verbindung zum Lebensstil her. So befürwortete der Arzt Hippokrates Bewegung als Teil der Behandlung.

Antike Ärzte setzten auf Ernährung und Bewegung, um eine Krankheit zu behandeln, von der sie wussten, dass sie etwas mit Zucker zu tun hatte. Auch die Chinesen erkannten, dass eine unausgewogene Ernährung mit süßen, reichhaltigen und fetten Lebensmitteln eine Rolle spielen könnte.

In den 1770er Jahren rückte die Rolle des Zuckers stärker in den Fokus, nachdem der englische Arzt Matthew Dobson entdeckt hatte, dass er sowohl im Blut als auch im Urin verbleibt. Zu weiteren Fortschritten in der Forschung führte erst Oskar Minkowski, als er im Jahr 1889 an der Universität Straßburg Versuche an Hunden durchführte, um zu beweisen, dass eine nicht funktionierende Bauchspeicheldrüse Diabetes auslöst.

Schließlich isolierten Banting und Best am 27. Juli 1921 das Blutzucker senkende Stoffwechselhormon Insulin bei Hunden und injizierten es Tieren ohne Bauchspeicheldrüse. Schon ein Jahr später konnte der erste Patient mit Insulin behandelt werden. Der damals 14-jährige Leonard Thompson lebte noch 13 Jahre. "Der Bub wurde munter, aktiver, sah besser aus und fühlte sich kräftiger", erzählte Banting später. Sein Blutzuckerspiegel normalisierte sich, im Urin konnte bald kein Zucker mehr festgestellt werden. Im Alter von 26 Jahren starb er vermutlich an einer Lungenentzündung.

Großzügigkeit versus Gewinn

In der Forschung mit an Bord waren auch der schottisch-kanadische Physiologieprofessor John Mcloed und der kanadische Biochemiker James Collip. Schon 1923 erhielten Banting und Mcloed den Medizinnobelpreis für die Arbeit. Sie teilten ihn mit den beiden anderen Forscherkollegen, die sonst ungewürdigt geblieben wären. Es war ihr erklärtes Ziel, die lebensrettende Therapie so schnell und so breit wie möglich verfügbar zu machen.

Das Team sicherte sich 1923 zwar das Patent auf ihren Extrakt und seine Herstellung, übertrug es aber für einen Dollar der Universität von Toronto. Sie glaubten, dass Insulin zu lebenswichtig sei, um es zu verwerten. Damals postulierte man, "die ganze zivilisierte Welt mit Insulin zu versorgen", zu können. Für die großtechnische Produktion zogen Banting und Best die Pharmafirma Eli Lilly & Co hinzu und brachten in Kanada das Insulinpräparat "Iletin" auf den Markt.

Das Vermächtnis der beiden erfüllte sich nur halb. Die schrittweisen Innovationen der Folgezeit verbesserten fraglos die Therapie, machten jedoch auch aus dem ursprünglichen Extrakt eine Insulinfamilie, deren Nachwuchs nun durch weniger uneigennützige Patente geschützt ist. Das Re-Patentieren von abgewandelten Molekülen ist mittlerweile eine beliebte Taktik, die unter dem Namen "Evergreening" bekannt ist.

Heute wird die Herstellung des Medikaments von einer Handvoll Unternehmen kontrolliert, schreibt Amanda Foreman in einem Kommentar. Die wichtigsten Unternehmen, die sich der Weiterentwicklung verschrieben haben, sind Novo Nordisk, Eli Lilly, Regeneron, Merck und Sanofi.

Für alle verfügbar machen

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die "Insulin-Landschaft" völlig verändert. Anfang der 1980er Jahre wurde gentechnisch hergestelltes Human-Insulin zugelassen, womit man prinzipiell in der Gewinnung nicht mehr auf Rinder oder Schweine angewiesen war. Gleichzeitig erlaubte die gezielte molekulare Veränderung eine genaue Steuerbarkeit für unterschiedliche Verwendungszwecke: extrem kurzfristig wirkende Insulin-Analoge und extrem lang wirksame Insuline. In Entwicklung ist sogar ein Insulin-Analagon, das etwa Typ-2-Diabetiker als basales Medikament nur noch einmal wöchentlich spritzen können. Die entscheidende Zulassungsstudie der Phase III (Ultralangzeit-Insulin Icodec) hat zu Beginn dieses Jahres begonnen.

Die Behandlung drastisch verbessert haben über die Zeit hinweg auch besser werdende Methoden zur Blutzuckermessung bis hin zur konstanten Bestimmung des Blutzuckers. Hinzu kommen noch die Insulinpumpen.

Die Preise dafür sind heute nicht unerheblich. Laut einer im Jahr 2018 in JAMA veröffentlichten Yale-Studie zwingen die hohen Kosten jeden vierten Amerikaner dazu, auf seine Medikamente zu verzichten. Die nächste Herausforderung für Insulin ist, einen Weg zu finden, es für alle erschwinglich zu machen. Banting, Best, Mcloed und Collip haben die ideologischen Grundlagen dazu schon vor einem Jahrhundert vorgegeben.