Als die Donaumonarchie 1912 in St. Paul, Minnesota, ein neues Konsulat errichtet, weiß niemand, dass es das letzte bleiben wird, welches das kaiserliche Wien in den Vereinigten Staaten von Amerika eröffnet. Seltsame Fügung: Der letzte Konsul des alten Österreich in den USA wird neun Jahre danach erster Botschafter der Ersten Republik in Washington.

In den letzten Jahrzehnten Österreich-Ungarns verließen Millionen seiner Einwohner Heimat und Kontinent, meist auf der Suche nach besseren Lebensumständen. Die USA waren bald das bevorzugte Reiseziel. Per Eisenbahn reiste man von zu Hause nach Norden oder Süden, um von eigenen (Triest!) oder fremden Häfen (Bremen, Hamburg, aber auch Rotterdam oder Le Havre) die damals nicht unbeschwerliche Schiffsreise nach Übersee anzutreten. Dort landete man in aller Regel in New York, wo die Statue of Liberty manches vorgaukelte, nur wenig davon entfernt Ellis Island, wo sich die oft hochgeschraubten Hoffnungen auf ein besseres Leben bald zerschlugen. Hatte man die dortige Einwanderungshalle überstanden, warteten im besten Fall Vertreter von Hilfsorganisationen, sonst Landsleute mit nicht nur lauteren Absichten, im schlechtesten Fall gar niemand. Und oft fand man nicht einmal eine gemeinsame Sprache.

Migrationsstrom

So landeten viele Landsleute als Hilfsarbeiter in den schrecklichen Kohlengruben von Pennsylvania, bei den ebenso unmenschlichen Stahlkochern von Bethlehem oder gar in amerikanischen Rüstungsbetrieben, deren große Zeit im Ersten Weltkrieg noch kommen sollte. Wien war bemüht, den (oft nur saisonalen) Migranten Unterstützung zu gewähren, was natürlich voraussetzte, dass sich die Leute beim örtlich zuständigen Konsul meldeten. Jene Männer, die, gegen die Wehrpflicht verstoßend, ihre Heimat unberechtigt hinter sich gelassen hatten, taten das natürlich nicht. Der Arbeit der Konsulate in Amerika stand auch entgegen, dass viele Menschen mangels einer ausgeprägt "österreichischen Nation" rasch in die Fänge nationalistischer (meist slawischer) Organisationen gerieten, die den Streit in den USA weiterzuführen gedachten. Auch das wird im Weltkrieg noch eine bedeutsame Rolle spielen.

Trotz verschiedener Initiativen der US-Politik, die Immigration zu begrenzen, hielt der Strom unvermindert an: Neben Italien und dem Zarenreich führte die Donaumonarchie die meisten Menschen der immer noch "jungen" Republik zu. Unter den Kronländern dominierten die mehrheitlich slawisch bevölkerten Gegenden (Slowakei), auch der jüdische Anteil (Galizien) war beachtlich. Bis zum Sommer 1914, der alles zum Einsturz brachte. Keine Kriegsplanung der europäischen Mächte hatte die USA im Kalkül, man glaubte ja auch, zu Weihnachten wieder zu Hause zu sein.

Nach den Schüssen in Sarajewo raste der alte Kontinent ins Verderben. Drei Jahre lang hielten sich die Amerikaner heraus, Präsident Woodrow Wilson verordnete eine Neutralität, die den Regeln des geltenden Völkerrechts aber nicht entsprach. Im Land selbst dominierte bald das anglo-sächsische Element, die Deutsch-Amerikaner hielten wenig dagegen, und die Menschen aus der Monarchie hatten ein ganz anderes Problem: Sie waren austauschbar, mussten jeden Job verrichten, und jetzt bedeutete das auch, Waffen gegen das eigene Land zu bauen. Denn die englische Blockade brachte mit sich, dass die Fabriken in Amerika de facto nur noch an die Feinde Wiens liefern konnten. Dazu kam das diplomatische Debakel: Seit Herbst 1915 residierte kein Botschafter mehr in Washington. Konstantin Dumba musste genau deshalb das Land verlassen, weil er diesen inneren Konflikt erkannte und Streiks in den Waffenschmieden der USA anregte.

Die U-Boote, von denen auch Österreich welche hatte, waren eine deutsche Sache. Nach der Torpedierung der "Lusitania" im Mai 1915 konnte Wilson nur dadurch besänftigt werden, dass sie eingeschränkt eingesetzt wurden. Anfang 1917 riss Berlin die Geduld, und das Zimmermann-Telegramm (Berlin versprach Mexiko bedingt militärische Hilfe) verleitete Wilson zur Kriegserklärung an Deutschland. Aus Bündnistreue beendete Wien die Beziehungen. Erst im Dezember 1917 eröffnete Washington auch den Krieg gegen Wien, wohl um Italien zu helfen, das bei Caporetto schwer geschlagen worden war und den Krieg zu verlassen gedachte.

In einigen diplomatischen Schritten, denn zwischen den USA und Österreich fielen kaum Schüsse, wirkte Washington an der Zerschlagung der Donaumonarchie mit. Wenige Wochen nach der zweifelhaft begründeten Kriegserklärung hielt sich Wilson in Punkt zehn seiner insgesamt 14 Punkte noch zurück und verlangte Autonomie der Völker im Rahmen des Habsburgerreiches.

Kein gutes Haar

Man mischte aber am Rande einer Konferenz in Rom mit, an der sich Italiener und Slawen des kommenden Jugoslawiens zu einigen versuchten. Der Kampf um die Adria war längst ausgebrochen. Im Mai entstand ein Stück abenteuerlicher Diplomatie: Albert Putney, ein hochrangiger Beamter des State Department, erlag den Einflüsterungen des Exil-Böhmen Charles (Karel) Pergler und schrieb ein heute undenkbares Papier über die Slawen Österreichs und ließ, dank deren Sprachrohr Pergler, an der Monarchie kein einziges gutes Haar.

Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten, hier auf einem Foto aus dem Jahr 1919. 
- © Harris & Ewing, Public domain, via Wikimedia Commons

Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten, hier auf einem Foto aus dem Jahr 1919.

- © Harris & Ewing, Public domain, via Wikimedia Commons

Außenminister Robert Lansing selbst hatte wie Wilson kaum Ahnung von Österreich-Ungarn. Man hatte miteinander offiziell kaum zu tun. Lansing verlangte dann, sich auf das der US-Diplomatie unwürdige Dokument stützend, von Wilson, auf die Zerstörung des Habsburgerreiches als Kriegsziel zu drängen. Mitte Juni empfing dann Wilson Tomas Masaryk, über Empfehlung des einflussreichen Industriellen Charles Crane. Da wollte der Präsident aber eigentlich nur wissen, was in Russland los war. Dort waren seit einigen Monaten die Bolschewiken an der Macht. Wilson ließ sich dann zu einer Intervention hinreißen, die aber am Aufstieg des Kommunismus nichts mehr änderte. Masaryk lieferte zwar seine Eindrücke aus Russland, wo er die tschechischen Legionen aufgesucht hatte, eine Truppe gefangener bzw. übergelaufener Soldaten der Monarchie, sein Eintreten für die Auflösung Österreichs war für den US-Präsidenten da Nebensache.

Anfang September anerkannte er aber eine unabhängige Tschechoslowakei. Im Oktober schließlich drückte sich Wilson um eine eigenständige Antwort auf das Anerbieten Kaiser Karls, jetzt die verlangte Autonomie zuzulassen, indem er diese de facto Masaryk überließ, der dann auch noch in Amerika die Unabhängigkeit ausrief.

Paris 1919 ist eine eigene Geschichte. Man tat so, als ob die Monarchie noch existierte, kam zwischendurch drauf, dass dies nicht mehr der Fall war, und erfand das Dogma des fait accompli, der vollendeten Tatsache. Leider könne man für Österreich nichts mehr tun. Man tat dann doch noch etwas, nämlich Westungarn der Republik in Wien zuzuschlagen, dafür nahm man Südtirol, die Südsteiermark, Südmähren und Südböhmen weg, die gut zu Nieder- und Oberösterreich gepasst hätten. Im Übrigen drehte sich wieder einmal alles um Deutschland. Schon das Datum des Waffenstillstands, der 11. November, gilt ja für Wien nicht. Hier war es der 3. November, wie ältere Semester aus der Deutschstunde mit dem Theaterstück von Franz Theodor Csokor mitgenommen haben werden. Und dann denkt die ganze Welt an Versailles, keiner aber an St. Germain, da war nämlich Österreich Vertragspartner. Daher gilt es auch nicht des 28. Juni (exakt fünf Jahre nach Sarajewo) zu gedenken, sondern des 10. September 1919.

Dabei ist zu beachten, dass der Friedensvertrag mit den USA mangels Genehmigung durch den US- Senat gar nicht zustande kam. Zwar waren nicht wenige Amerikaner im Nachkriegs-Wien, so die wichtige Coolidge Commission oder die Hilfsaktionen des späteren unglücklichen Präsidenten Herbert Hoover. Doch auch hier gilt es Mythen zu entlarven. Die Nahrungshilfe war kein Geschenk der USA, sie musste bezahlt werden, doch wären die Lebensmittel ohne das bestimmte Auftreten der Amerikaner nicht nach Österreich durchgekommen. Und der Historiker Archibald Coolidge konnte sich gegenüber Wilson in Paris kaum durchsetzen. Eine Ausnahme freilich war Kärnten, wo dann die Volksabstimmung stattfinden konnte, deren Gelingen jedoch Wilson zugutegehalten wird. Coolidge dürfte sich auch für Radkersburg (erfolgreich) eingesetzt haben.

Wenig Widerstand

Mitten im Krieg verabschiedete der US-Kongress über ein Veto Wilsons hinweg Beschränkungen der Einwanderung, so etwa eine Art Intelligenztest. Doch schon seit 1914 war die Immigration weitgehend zusammengebrochen. Zu unsicher war die Überfahrt geworden. Ohne Friedensvertrag war den Österreichern vorerst der Weg in die USA versperrt. Die Verhältnisse nach dem Krieg waren aber so, dass der Wunsch nach Auswanderung nicht nur ungebrochen, sondern neu entfacht worden war. So ist es zu erklären, dass die Amerikaner hier auf wenig Widerstand stießen, als Washington "entdeckte", dass man sich mit Wien quasi noch im Kriegszustand befand. Binnen weniger Wochen führten die Diplomaten beider Seiten erfolgreiche Verhandlungen, die in ein Übereinkommen vom 24. August 1921 mündeten.

Nun galt es, je eine Person für den Botschafterposten zu finden. Während Washington mit Arthur Hugh Frazier keine Mühe hatte, in Wien das Agreement zu erhalten, scheiterte Wien mit seiner ersten Wahl: Man wollte an die Zeit davor anknüpfen und Erich Zwiedinek installieren, jenen Mann, der die Zeit von Herbst 1915 bis April 1917 abzusitzen hatte, als Dumba nicht mehr dort sein durfte, Wien schmollte und erst zu spät einen Nachfolger (Adam Tarnowski) beglaubigt haben wollte.

Einen Ausweg fand man in Edgar Prochnik, der immerhin auch etwas Kontinuität darstellte, war er doch 1912 zum Konsul in St. Paul, Minnesota, ernannt worden. Wieder einmal schließt sich ein Kreis in der Geschichte.