Hoch über dem Tyrrhenischen Meer thront auf dem Monte Tibero auf Capri die Villa Jovis. Dort residierte Kaiser Tiberius während der letzten elf Jahre seines Lebens und seiner Regentschaft über das Römische Reich. Wenn man im Sommer zu den Ruinen der Villa hinaufgeht, riecht die Luft nach Bougainvillea und wildem Thymian.

Der Weg zur Villa ist steil.

Über die Abhänge ließ Tiberius die in Ungnade Gefallenen hinunterstoßen. Im Meer flösselten die Muränen, auf Futter wartend.

Perverses Scheusal oder doch Opfer von Verleumdungen? - Kaiser Tiberius. - © getty images / Hulton Archive
Perverses Scheusal oder doch Opfer von Verleumdungen? - Kaiser Tiberius. - © getty images / Hulton Archive

So die Fama.

Die größten Scheusale an der Spitze des Römischen Reichs: Tiberius, Caligula, Nero, Domitian, Commodus, Caracalla, Elagabal. Sie sind quasi die Fischlake in der Geschichte Roms, die Würze. Sie machen die Befassung mit der Antike spannend. Naturgemäß, denn Faust und Gretchen mag die Sympathie gehören, immer aber hat Mephistopheles das Interesse auf seiner Seite. Der Himmel in Dantes "Divina Commedia"? - "Luia" gesungen. Aber das Purgatorium. Und erst das Inferno!

Mit der Geschichte ist es ähnlich: Die Bad Guys sind spannender - zumal dann, wenn sie in weiter zeitlicher Entfernung sind. Man will schließlich nicht selbst unter einem Schreckensherrscher leben oder tatsächliche oder mögliche Familienmitglieder in seinem Zugriff wissen. Aber römische Kaiser und mittelalterliche Herrscher - das sind nahezu mythische Gestalten, Romanfiguren, in der Wahrnehmung mehr Hannibal Lecter als Adolf Hitler.

Caligula, der Spaßvogel

Zurück ins Rom der Antike. In den letzten Jahrzehnten zeichnet sich eine Tendenz ab, die Schurken auf Schöngeister umzuschreiben. Jüngstes Beispiel ist die - nebenbei bemerkt: glänzend geschriebene - Biografie des Tiberius von Holger Sonnabend, Professor für Alte Geschichte an der Universität Stuttgart.

Begonnen hat es mit einem genaueren Blick auf Nero. Die Geschichtsforscher kamen zum Schluss, dass sein Bild durch einen doppelten Zerrspiegel entstellt wurde: Er war aufgrund seiner unmilitärischen Gebarung der senatorisch geprägten altrömischen Geschichtsschreibung ebenso verhasst wie aufgrund seiner Christenverfolgung der späteren christlichen. Martijn Icks hielt ein differenziertes Plädoyer für Elagabal. Der Höhepunkt der Ehrenrettungsmaßnahmen kam mit Aloys Winterlings Biografie des Caligula. Bei ihm mutiert der als irrsinnig überlieferte Kaiser zum Spaßvogel, der mit seinen bizarren Taten lediglich den Senat und das Militär verspottete; dass dabei Ströme von Sperma und Blut flossen, sei einem in der römischen Antike anderen Verständnis von Sex und Tod geschuldet, das keine modernen moralischen Maßstäbe vertrüge.

Geschichte, zumal Altertumsgeschichte, ist keine exakte Wissenschaft. Man mag, was die Geschichte Roms betrifft, Daten und Fakten genau festsetzen können: Der Tag von Caesars Ermordung war der 15. März 44 vor Christus, Nero wurde am 15. Dezember 37 nach Christus geboren, Trajan begann am 25. März 101 seinen ersten Dakerkrieg und so weiter. Soweit ist alles klar. Die Geschichtserzählung indessen ist eine Sache der Interpretation. In der Causa Tiberius legt Sonnabend die Karten auf den Tisch - was für Tiberius gilt, gilt für alle Caesaren: Die Quellenkritik muss am Beginn stehen, um Geschichten und Geschichte zu unterscheiden.

Im Prinzip kann man es ganz einfach am Beispiel des Tacitus erklären: Er gilt als der überragende Historiker Roms, ein Meister des Stils, spannend zu lesen bis heute - und wesentliche Quelle für die Herrschaft etwa des Tiberius. Tacitus‘ Prämisse gilt überzeitlich für alle Historiker: Er schreibe "sine ira et studio", also in etwa "ohne Rachegedanken und Eigeninteresse". De facto ist freilich das genaue Gegenteil der Fall.

Für den Zusammenhang bedarf es des Hintergrundwissens um eine Begriffsverwirrung: Die "römische Republik" hat mit einer heutigen Republik und damit einer Demokratie im modernen Verständnis wenig zu tun. Die Mitglieder des Senats gehörten dem Adel an. Sie wurden von den Konsuln ernannt. Die Konsuln wurden durch eine Art Volksvertretung gewählt, sie gehörten in der Regel ebenfalls dem Adel oder dem Geldadel an.

Der Kaiser (auf Latein nicht Caesar, sondern nach dem ersten Herrscher mit dieser Machtfülle Augustus genannt) stand in Opposition zum Senat. Um das Bild zu wahren, versuchten die Kaiser, dem in Wahrheit entmachteten Senat durch eine scheinbare Gewaltenteilung die Gesichtswahrung zu ermöglichen. Einige Kaiser jedoch führten dem Senat seine Machtlosigkeit vor Augen. Zu diesen Kaisern gehörten - ist das nicht auffällig? - all die Scheusale. Damit wird es spannend, was die Bewertung betrifft: Tacitus war Senator. Als solcher lehnte er Kaiser wie Tiberius oder Nero aus tiefster republikanischer Römerseele ab. Ergo berichtet er mit genussvollem Schaudern von deren Schandtaten.

Einseitiges Fortschreiben

Das wäre für die Geschichtsschreibung der folgenden Jahrhunderte kein Hindernis, gäbe es Gegendarstellungen. Doch auch die anderen überlieferten römischen Historiker waren Senatoren, oder zumindest, wie Sueton, Adelige.

Überhaupt Sueton - er war mehr Geschichtenerzähler als Geschichtsschriftsteller: Fakten und Anekdoten, Gerüchte und Vermutungen stehen bei ihm gleichwertig nebeneinander. Amüsant zu lesen ist das. Doch lange nahmen die Historiker seine Berichte ebenso wie die von Tacitus und Cassius Dio, um dessen Faktentreue es nicht anders steht als bei seinen Kollegen, für bare Münze - zumindest in den Grundzügen: Selbst, wenn Nero Rom nicht angezündet hat, blieb er ein Unhold, selbst wenn Caligula nicht ein Pferd zum Konsul ernannt hatte, blieb er ein größenwahnsinniger Despot.

Als Kehrseite der Medaille veranstalteten die antiken Autoren auf Kaiser, die die alten Tugenden wahrten, Lobreden. Auch sie wurden von späteren Historikern übernommen, obwohl diese Tugenden befremden: Sie bestanden, abgesehen von gesichtswahrenden Maßnahmen für den Senat, primär in militärischer Gewalt und Eroberungskriegen. Das Leben des Einzelnen ist ohne Wert. Kaiser, die heute noch als die guten gelten, etwa Vespasian oder Titus, erweisen sich bei genauem Hinsehen als brutale Heerführer. Rom hat im römischen Verständnis das Recht, wenn nicht die Pflicht, die bekannte Welt zu unterwerfen und im Sinne Roms zu zivilisieren.

Und wenn es Russland wäre?

Wie empfänden wir in unserer Gegenwart solch eine Einstellung, käme sie von Russland oder von den USA?

Dennoch prägt diese Einstellung unsere Bewertung der römischen Kaiser: Noch 1963 zeichnet der deutsche Publizist Ivar Lissner in "Die Caesaren" Charakterbilder, die sich von denen eines Sueton, eines Tacitus, eines Cassius Dio nicht unterscheiden.

Die Neubewertungen, wie sie auch Sonnabend vornimmt, mögen, sofern man nicht eine antike Rufmordverschwörung annimmt, überzogen sein. Dennoch kommt man um die Frage nicht herum: Die Scheusale - sollten sie in Wahrheit die Guten gewesen sein? Und müsste man gar auch die Licht- und Schreckgestalten anderer Epochen einer neuen Bewertung unterziehen?

Oder hat Kaiser Tiberius doch genussvoll den Muränen beim Mahl zugeschaut?