Die Wiener pathologisch-anatomische Sammlung im Narrenturm gilt als Denkmal für die Krankenversorgung und Medizin Ende des 18. Jahrhunderts. Am Dienstag eröffnet die neue Schausammlung, die zum Naturhistorischen Museum (NHM) gehört. Generaldirektorin Katrin Vohland im Gespräch über problematische Fragen in naturhistorischen Sammlungen und ihre Pläne für das bedeutende Naturmuseum.

"Wiener Zeitung": Sie verwalten eine Sammlung, die viele hundert Jahre alt ist, und Sie beschäftigen sich damit, welche Teile davon problematisch sein könnten. Nach welchen Kriterien tun Sie das?

Katrin Vohland: Der Begriff "sensible Sammlung" umfasst verschiedene Dimensionen. Stark thematisiert wird die Herkunft der Objekte und ob sie aus einem Kontext des Unrechts kommen, etwa durch Enteignungen während des Nationalsozialismus oder Sammlertätigkeiten während des Kolonialismus. Sehr intensiv haben wir die Neugestaltung der pathologisch-anatomischen Sammlung im Narrenturm diskutiert. Hier stellen wir Krankheiten aus, aber de facto handelt es sich um Organe von realen Menschen, die nach dem Tod obduziert wurden. Es gibt zu allen relativ ausführliche Akten.

Katrin Vohland geboren 1968 in Hamburg, ist seit 1. Juni 2020 Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien. Die Biologin promovierte an der Universität Kiel, forschte am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und leitete am Berliner Museum für Naturkunde den Bereich Wissensforschung. NHM / Rittmannsperger
Katrin Vohland geboren 1968 in Hamburg, ist seit 1. Juni 2020 Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums Wien. Die Biologin promovierte an der Universität Kiel, forschte am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und leitete am Berliner Museum für Naturkunde den Bereich Wissensforschung. NHM / Rittmannsperger

Wäre es damals ein Thema gewesen, ob Patienten nach ihrem Tod ausgestellt werden wollten?

Über das Ausmaß der Zustimmungen gibt es noch Forschungsbedarf. Heute muss man in Österreich explizit widersprechen, wenn man nicht Organspender sein möchte, in Deutschland explizit zustimmen. Es gab auch damals ein Widerspruchsrecht. Die Entnahme und Bewahrung von Organen diente damals schon wissenschaftlich-pädagogischen Zwecken. Zielgruppe waren vor allem Studierende der Medizin.

Wir haben nicht nur über die Neugestaltung, sondern auch über den Namen des Narrenturms diskutiert, zumal dieser nicht lange als Heilanstalt für psychisch Kranke genutzt wurde. Wir haben den Namen beibehalten, aber den geschichtlichen Kontext deutlich gemacht. Uns geht es in der Ausstellung um einen würdevollen Umgang mit den Präparaten und um Aufklärung auch zu Krankheiten, die wir heute nicht mehr in dieser Ausprägung sehen. Die pathologisch-anatomische Sammlung wird auch als Vergleichssammlung benötigt, um festzustellen, unter welchen Krankheiten die Menschen gelitten haben, und sie dient nach wie vor Studierenden der Medizin.

Geben Sie Objekte zurück?

Wenn menschliche Überreste aus Gräbern entwendet wurden, geht es um Persönlichkeitsrechte. Wir haben Schädel aus Hawaii in der Sammlung, die dort aus Gräbern gestohlen wurden, und werden diese zurückgegeben, damit sie würdevoll begraben werden können. Wir haben im Rahmen des Klostersturms 1940/41 geraubte und über Umwege an das Museum gelangte Muschel- und Schneckenschalen an das Stift Göttweig zurückgegeben, ebenso wie Bücher an Familien, deren Vorfahren diese im Nationalsozialismus zu billig verkaufen mussten.

Wie unterscheidet sich der Zugang der Naturwissenschaften hier von jenem der Kulturwissenschaften?

Mineralien oder Insekten erhalten erst durch eine wissenschaftliche Bearbeitung und Kontextualisierung einen musealen Wert. Wenn man Objekte mit kultureller Bedeutung aus einer Region holt, ist das also etwas anderes, als Insekten zu sammeln, die für die lokale Bevölkerung vielleicht keine Bedeutung haben. Menschen haben ein Bedürfnis nach Ordnung. Sammlungen in Museen dienen der Klassifikation. Das System, das sich seit Carl von Linnés Nomenklatur zur Taxonomie etabliert hat, benennt die Arten mit Gattungs- und Artennamen, damit kommt man ganz gut zurecht. Wenn Indigene andere Systeme und bereits eigene Namen haben, stellt sich die Frage der Sensibilität des Umgangs mit den Bezeichnungen.

Und weiter?

In der naturhistorischen Provenienzforschung werden bestimmte Zeiträume und Namen besonders unter die Lupe genommen. Es ist wichtig, zu wissen, wer gesammelt oder mit Objekten Handel betrieben hat. Wir wissen etwa bei der Novara-Expedition (die Expedition der "SMS Novara" 1857-1859 war die einzige Weltumsegelung der österreichischen Marine, Anm.), wer mitgefahren ist und dass der Ethnograf Andreas Reischek in Neuseeland Schädel von heiligen Orten der Maori mitgenommen hat, was schon damals Unrecht war, weswegen wir die Schädel zurückgeben. Bei Schädeln stellt sich die Frage, wozu sie gesammelt wurden. Damals wie heute befasst man sich mit der Frage der Diversität von Menschen und wie sie sich an die Umwelt anpassen. Problematisch wird es, wenn man wie in der NS-Zeit anhand von Schädel-Vermessungen den schlechten Charakter von Menschen nachweisen wollte, wie wir mit dem Haus der Geschichte in der Ausstellung "Der Kalte Blick" zeigen.

Erhebt jemand Ansprüche? Wer führt die Diskussion?

Es gibt seit langem Forschung im eigenen Haus zu - auch problematischen - Herkünften, sowie die Provenienzforscher der Bundesregierung. Diese fokussieren auf den Nationalsozialismus. Anhand der Ergebnisse gibt die Kommission für Provenienzforschung eine Entscheidung bekannt, das Ministerium sucht die Rechtsnachfolger und wir führen die Rückgaben durch. Außerdem haben wir ein vom Bundesministerium für Kunst und Kultur unterstütztes Forschungsprojekt, um den kolonialen Kontext klarer zu fassen.

Können Ansprüche die Qualität der Gesamtsammlung beeinflussen, sodass ihr Wert beeinträchtigt ist?

Der wissenschaftliche Wert unserer Sammlungen liegt sehr oft in der Variabilität. Ob es sich um Artefakte aus Hallstatt, Mineralien oder Insekten handelt: Überall fragt man sich, wie Variabilität im Lichte der Evolution erklärbar ist. Daher ist es wahrscheinlich verkraftbar, wenn ein Einzelobjekt fehlt. Wenn aber eine Reihe fehlt, würde sie uns abgehen, und nicht nur uns, sondern der Forschungscommunity. Als Teil einer europäischen Forschungsinfrastruktur stellen wir Sammlungen Forschenden weltweit zur Verfügung.

Sollen Objekte an Länder zurückgegeben werden, die nicht in der Lage sind, sie zu bewahren?

Es ist nicht sinnvoll, alles zurückzugeben. Solche Forderungen sind teilweise auch mit innenpolitischen und nicht unbedingt wissenschaftlichen Interessen verbunden. Wir sehen unsere Verantwortung darin, die Sammlung zu bewahren und weltweit zugänglich zu machen. Das Selbstverständnis von Museen als sammlungsbasierte Einrichtungen wird aber nicht überall geteilt, wie Diskussionen auch im internationalen Museumsbund icom zeigen. Dieser Konflikt ist zu diskutieren.

Wie gehen Sie mit dem Konflikt um?

Ich bin eine große Anhängerin der Idee des Welterbes, das an verschiedenen Orten geschützt und bewahrt wird - für die Welt. Uns ist es daher wichtig, Sammlungsgut zu bewahren und zugänglich zu machen, auch weil Experten auf der ganzen Welt arbeiten. Doch es gibt Sammlungen, bei denen es Sinn hat, dass sie physisch an einem Ort verbleiben: Wir haben im Haus etwa eine der bedeutendsten Sammlungen von Wasserkäfern, Experten kommen hierher. Wir wollen vor allem Typen in 3D digitalisieren, damit sie von überall aus frei zugänglich sind.

Wie behalten Sie bei 30 Millionen Einzelobjekten in den Sammlungen des NHM den Überblick?

Wir bauen eine digitale, modulare Datenbank der Bestände mit einem System für die Grunddaten und Anpassungen für die einzelnen Sammlungen. Dabei ist die Insektenkunde mit ihren zahlreichen Objekten anders zu behandeln als die Anthropologie mit einer überschaubaren Anzahl von sehr gut beschriebenen Objekten. Weiters arbeiten wir das Archiv für Wissenschaftsgeschichte auf, um die Suche nach Herkünften zu erleichtern, und wollen dies durch Digitalisierung beschleunigen. Crowdsourcing- und Citizen-Science-Projekte sind in diesem Zusammenhang geplant: Wir hoffen auf die Mithilfe der Bevölkerung. Alles in allem wollen wir transparent machen, was wir haben und wo es herkommt. Erst kürzlich haben wir ein Memorandum of Understanding mit Brasilien unterzeichnet zum Austausch von Forschenden und Daten. Davon getrennt ist zu diskutieren, ob etwas zurückgegeben werden soll.

Heinrich Schliemann bezahlte eine Entschädigung für die Güter, die er von seinen Ausgrabungen nach Deutschland mitnahm. Sind solche Verträge für immer gültig?

Es gibt einen Unterschied zwischen der ethischen und der rechtlichen Bewertung. Wenn es damals einen Vertrag gab, war das gültiges Recht basierend auf damaligen Vorstellungen. Aus heutiger Sicht kann man das zwar moralisch anders beurteilen. Doch gerade weil gesellschaftliche Standards sich stark verschieben, finde ich den moralischen Ansatz hier weder gut noch sinnvoll. Ich möchte, dass wir Fragen der Rückgabe wissenschaftlich beantworten und über die unterschiedlichen Interessen sprechen. Wenn es einen Vertrag mit gleich starken Partnern gab, ist es für mich geklärt, die Gegenseite hat ja etwas dafür bekommen. Die NS-Zeit ist anders zu sehen, da war der Druck zu groß.

 

Sie haben im Juni 2020 die Generaldirektion übernommen. Ihre Bilanz des Corona-Jahres?

Ich hatte Zeit für das Haus, aber mir fehlten insbesondere die Kinder, es ist ja ein Haus für die Öffentlichkeit. Die nächste Ausstellung ab 18. Oktober dreht sich um Kino-Saurier. Wir zeigen wir den ersten europäischen Saurier im NHM, einen Plateosaurus. Es folgt eine Ausstellung über Brasilien, in der wir uns mit genannten Themen beschäftigen. Publikationen sollen verstärkt online zugänglich werden, genetische Daten werden bereits veröffentlicht. Außerdem wollen wir uns bemühen, Gruppen ins Haus zu bekommen, die nicht ohne weiteres ins Museum gehen, etwa indem wir in Stadtteile fahren und informieren, die Aufenthaltsqualität im Museum verbessern und Barrierefreiheit stärken.