Entdeckungen bisher unbekannter antiker Texte sind immer aufregend und etwas Besonderes. Nun ist Giulia Rossetto von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein solcher Sensations-Fund geglückt. Sie hat im Katharinenkloster im Süden der ägyptischen Halbinsel Sinai einen bisher unbekannten Text aus der Zeit Homers entdeckt.

Aus Fragmenten einer ausradierten Schrift auf mittelalterlichen Pergamentblättern, einem sogenannten Palimpsest, konnte sie einen Text rekonstruieren, der in Versform von der Kindheit des Gottes Dionysos erzählt. Die Forscherin berichtet darüber in der "Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik".

Handschriften aus dem ersten Jahrtausend

Giulia Rossetto bei der Arbeit an dem Palimpsest. 
- © APA / PRIVAT

Giulia Rossetto bei der Arbeit an dem Palimpsest.

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Das Katharinenkloster am Fuße des Berges Sinai wurde im 6. Jahrhundert vom byzantinischen Kaiser Justinian gegründet und ist damit das älteste bis heute bewohnte Kloster der Christenheit. Seine Bibliothek enthält eine außergewöhnliche Sammlung von Handschriften aus dem ersten Jahrtausend mit Tausenden Manuskripten.

Darunter sind auch über 160 Palimpsesthandschriften, also beschriebene Pergamentseiten und -rollen, auf denen, da Pergament kostbar war, ursprüngliche Tinte abgewaschen oder abgekratzt und das Pergament neu beschrieben worden ist.

Mittels Multispektralfotografie und anschließender computergestützter Bildanalyse können die Wissenschafter selbst in schlechtem Zustand erhaltene Fragmente wieder lesbar machen. Im Zuge des 2011 gestarteten "Sinai Palimpsests Project" konnten bisher 74 Handschriften entziffert werden.

Entzifferung Buchstabe für Buchstabe

Giulia Rossetto vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW hat noch während ihres Doktoratsstudiums an der Universität Wien zwei mittelalterliche Pergamentblätter mit einem bisher unbekannten Text entdeckt. In mühsamer Arbeit konnte sie Buchstaben für Buchstaben der ausradierten Schrift darauf entziffern.

"Es ist ein poetischer Text in Hexametern, also dem klassischen Versmaß der epischen Dichtung. Dieser entstammte einem Epos, das ursprünglich wahrscheinlich 24 Bücher umfasste, und dessen Existenz bisher nur indirekt belegt war", erklärte Rossetto. Dass der Inhalt aus der Zeit Homers stammt, "wissen wir aufgrund bestimmter Merkmale in der Metrik und bestimmter archaischer griechischer Wörter, die benutzt wurden", sagte Rossetto gegenüber der APA. Zudem gebe es Zitate aus dem Text von anderen Autoren, deren Angaben zufolge der Text aus dieser Zeit - also etwa 7. bis 8. Jahrhundert vor Christus - stamme.

Ein wichtiger Hinweis auf die Bedeutung des Textes, sei die Erwähnung des Namen Dionysos, des antiken Gottes des Weines. Das Gedicht kreise inhaltlich um die Kindheit Dionysos, es werden Spielzeug und Geschenke erwähnt, die von Widersachern - den Titanen - eingesetzt werden, um das Kind abzulenken.

Interesse an heidnischer Antike

"Diese Details waren bisher nur aus der indirekten Überlieferung, also aus Zitaten in anderen Werken bekannt. Jetzt haben wir zum ersten Mal den Originaltext vorliegen, auf den diese Zitate zurückgehen", so Claudia Rapp von der Universität Wien und der ÖAW, die wissenschaftliche Direktorin des "Sinai Palimpsests Project" ist. Der Text sei bis in die Spätantike bekannt gewesen, der Schriftstil deute darauf hin, dass er noch im 5. oder 6. Jahrhundert in Ägypten kopiert wurde.

Rapp zufolge sei die Entdeckung von kulturgeschichtlich großem Interesse, zeige sie doch, dass noch zu dieser Zeit in Ägypten aktives Interesse an religiösen Texten aus der heidnischen Antike bestand, "zu einer Zeit also, als das Christentum dabei war, sich im Römischen Reich fest zu etablieren." Doch irgendwann später wurde der Text wieder ausradiert. Im frühen 10. Jahrhundert wurden die Blätter dann von arabisch-sprachigen Mönchen im christlichen Kloster Mar Saba in der Nähe von Jerusalem mit Lebensbeschreibungen von Heiligen neu beschrieben. (apa)