Auf Seite 265 sieht man Peter Pahl in Polizeiuniform abgebildet. Kein sympathisches Gesicht, und obwohl er die Hände am Rücken verschränkt hat, wirkt seine Körperhaltung bedrohlich. Dennoch ergibt der erste Blick noch kein einschlägiges Täterprofil: Geboren 1904 nahe Hamburg, verheiratet, zwei Töchter, seit August 1941 in Ostgalizien stationiert. Seine Dienstbeurteilung weist ihn als fleißigen, zuverlässigen Beamten "mit überdurchschnittlichen geistigen Fähigkeiten" aus.

Peter Pahl, Polizist im von den Nazis besetzten Polen. 
- © Generallandesarchiv Karlsruhe 309 Zug. 2001-42/871-21 / Suhrkamp Verlag

Peter Pahl, Polizist im von den Nazis besetzten Polen.

- © Generallandesarchiv Karlsruhe 309 Zug. 2001-42/871-21 / Suhrkamp Verlag

Andere beschrieben ihn als Rabauken, Trinker, Frauenheld. Ein Kollege berichtete später, wie bei einer "Aktion" einmal eine junge jüdische Apothekerin gefangen genommen wurde. Sie war sehr hübsch, erinnerte sich der Zeuge, und sie trug ihr Kind im Arm. Pahl hatte zu ihr gesagt: Wenn du dein Kind auf den Boden wirfst, lass ich dich am Leben. Die junge Frau ließ ihr Kind fallen, Pahl hat sie erschossen.

Ein anderer Zeuge hatte gesehen, wie der Polizeimeister im Februar 1943 ungefähr 30 jüdische Kinder zur Erschießungsstätte auf den Fedor, den Stadtberg von Buczacz, führte. In der Gruppe befand sich auch ein 50-jähriger Mann, der Pahl anflehte, ihn am Leben zu lassen. Pahl fragte ihn nach seinem Alter, dann lachte er: "Mensch, 50 Jahre und Du willst noch leben, Du hast doch schon alles vorbei." Dann schoss er dem Mann von hinten in den Kopf.

Berichte über ähnliche Tötungsaktionen gibt es zuhauf. Einer polnischen Sekretärin gegenüber brüstete sich Pahl eines Tages: "Heute habe ich schon meinen 1200sten Juden umgebracht." Ein andermal redete er stolz vom "2000sten".

Späte Mordanklage

Bis zu seiner Pensionierung 1964 verblieb Peter Pahl im deutschen Polizeidienst. Später räumte er zwar ein, dass er Juden zur Hinrichtung hatte führen müssen, er hätte aber nie persönlich an einer Tötungsaktion mitgewirkt, in seinem ganzen Leben hätte er nur drei Patronen verschossen, keine einzige davon auf einen Menschen, "innerlich" sei ihm das alles "sehr zuwider" gewesen, er war doch ein Freund der Juden, beteuerte er, hätte ihnen gar das Leben gerettet ... 1966 wurden gerichtliche Ermittlungen gegen Peter Pahl eingeleitet und 1970 Mordanklage erhoben. Ein Jahr später starb der pensionierte Polizist.

Sein Beispiel ist nur eines von vielen in Omer Bartovs berührender Studie über das "Leben und Sterben" einer ehemals polnischen und jahrhundertelang multiethnischen Stadt. Und es waren nicht nur die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, die hier Gewaltverbrechen verübten. Spätestens seit der neuen Grenzziehung nach dem Ersten Weltkrieg schwelte ein interethnischer Konflikt zwischen Polen und Ukrainern, bei dem unsägliche Grausamkeiten, vor allem an Polen, verübt wurden.

- © Suhrkamp / Jüdischer Verlag
© Suhrkamp / Jüdischer Verlag

Dem geht freilich voraus, dass sich die Polen gegenüber der ukrainischen Bevölkerung wie Gutsherren benahmen. Als Grund und Boden im östlichen Galizien neu aufgeteilt wurden, kamen meist polnische Neusiedler zum Zug, die Ukrainer in ihren Dörfern blieben der Armut überlassen.

Spätestens im Zweiten Weltkrieg, als erst die Sowjets, dann die Deutschen Ostgalizien besetzten, sollte sich die gezielt betriebene Polonisierung bitter rächen: Unzählige Akte unvorstellbarer Grausamkeit sind dokumentiert, bei denen Männer wie Frauen regelrecht zu Tode gefoltert und verstümmelt wurden.

Im Schatten der deutschen Besatzung verfolgten die Ukrainer ihre eigene nationalistische Agenda: eine unabhängige Ukraine ohne Polen und Juden. Schätzungen zufolge wurden bis zu 100.000 Polen durch Ukrainer ermordet und massakriert. Angesichts zahlreicher Mischehen ging die nationale Sache sogar so weit, dass von den Kämpfern des ukrainischen Faschistenführers Stepan Bandera verlangt wurde, die eigene Mutter zu töten, wenn sie Polin war - "das gebiete der Patriotismus".

Es ist dann kein Zufall, dass das Morden der Deutschen in Osteuropa, das sich in erster Linie gegen die Juden richtete, kaum Widerstand hervorrief, da weite Teile der Bevölkerung die Vernichtung der Juden guthießen, beziehungsweise sich aktiv daran beteiligten. Nicht selten waren es orthodoxe Priester, die die Bevölkerung zu Pogromen aufriefen, lange bevor die Deutschen ihr Vernichtungswerk begannen.

Wie aber konnten einfache Menschen plötzlich zu brutalen Mördern werden, nur weil sie sich einen kleinen materiellen Gewinn erhofften? "Das konnten die nettesten Nachbarn gewesen sein", zitiert Bartov eine Überlebende.

Und es war oft nur purer Zufall oder einfach Glück, dass jemand überlebte. Zum Beispiel Alicja Jurman: Nachdem sie als Einzige ihrer Familie übrig geblieben war, wurde sie vom Vater ihrer besten Freundin, einem ukrainischen Polizisten, an die Gestapo verraten. Durch glückliche Fügung entkam sie der Massenexekution und fand Unterschlupf bei einem exzentrischen polnischen Adeligen. Dann wurde sie abermals denunziert, von einem ukrainischen Bauern - doch der deutsche Soldat, der sie daraufhin entdeckte, forderte sie auf, davonzulaufen: "Du bist ja unschuldig, Mädchen."

Gewöhnlich aber standen Gräueltaten wie diese an der Tagesordnung: Im Sommer 1943 wird, wie so oft, eine Gruppe Juden in ihrem Versteck aufgespürt, eine Jüdin schiebt einer unbeteiligten Frau ein kleines Bündel zu, in das ihr Baby eingewickelt ist. Ein deutscher Polizist bemerkt es und droht der Frau, sie zu erschießen, sollte sie das fremde Baby aufheben. Die Tochter dieser Frau berichtete später: "Er wickelte es aus dem Bündel und riss es vor aller Augen in zwei Hälften. Die anderen Säuglinge wurden gegen die Betonmauer geschmettert und die Erwachsenen fortgebracht und getötet."

Hier kommt eine Dimension ins Spiel, die alles noch unfassbarer macht. Für viele deutsche Polizisten und SS-Männer gehörte das Töten zur Selbstverständlichkeit ihres Alltags: "Das wohl Ungeheuerlichste an diesem Unternehmen", schreibt Bartov, "ist, wie verblüffend leicht es sich ausführen ließ und wie sehr die Mörder samt Ehepartnern und Kindern, Geliebten, Kollegen, Freunden und Eltern ihren kurzen, blutrünstigen Aufenthalt in der Region offenkundig genossen. Für viele von ihnen war diese Zeit eindeutig der Höhepunkt ihres Lebens: Lebensmittel, Alkohol, Tabak und Sex standen ihnen fast unbegrenzt zur Verfügung. Vor allem aber waren sie die uneingeschränkten Herren über Leben und Tod. Als sie ihr Werk verrichteten, packten sie einfach ihre Sachen und gingen." Später finden sich in deutschen Fotoalben "nostalgische Fotos aus der guten alten Zeit".

Gewalt war normal

Omer Bartov, dessen Mutter ihre Kindheitsjahre in Buczacz verbrachte, hat zwei Jahrzehnte lang über drei Kontinente hinweg in den verschiedensten Archiven recherchiert, um mit einer Vielzahl an Quellen zu dokumentieren, wie eine jahrhundertealte Kultur innerhalb weniger Jahre ausgelöscht wurde. Von der polnischen Geschichte der heute ukrainischen Stadt ist genauso wenig geblieben wie von der jüdischen, dabei wurden in Buczacz bedeutende Schriftsteller, Historiker, sogar ein berühmter Opernsänger geboren, aber sie waren eben alle Juden.

Was die Täter, deutsche Durchschnittsmänner wie den eingangs erwähnten Peter Pahl, veranlasst hat, sich freiwillig an diesem Genozid zu beteiligen, mag man oft nur psychologisch erklären können. Auch Bartov sieht die Motive mehr atmosphärisch: "Die Gewöhnung an das Morden; das Entsorgen der Juden als Bestandteil des Arbeitsalltags, als Vergnügung, als Kulisse für Trinkgelage oder Liebesgeschichten; die Verwunderung über das Verhalten der Opfer, durchmischt mit Ärger, weil sie es einem so leicht machten, sie zu töten ..."

Darüber hinaus konnten sich die meisten der Täter sicher sein, für ihre Verbrechen nicht belangt zu werden, sie "starben friedlich in ihren Betten". Obwohl westdeutsche Gerichte seit Ende der 1950er Jahre gegen tausende Nazitäter ermittelten, ist die Statistik ernüchternd: Bis 2005 standen 106.000 Personen im Visier der deutschen Justiz, lediglich 6.500 wurden verurteilt, lebenslange Haftstrafen wurden nur gegen 166 Täter ausgesprochen. Stellt man die verhängten Gefängnisstrafen den verübten Mordtaten gegenüber, so hat es "pro Mord nur zehn Minuten Haft gegeben".

Getilgte Erinnerung

Die Große Synagoge von Buczacz, Aufnahme von 1921. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Die Große Synagoge von Buczacz, Aufnahme von 1921.

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Bei der Auswertung der Gerichtsakten und der Recherche der Lebensläufe ist eine weitere erschreckende Dimension zutage getreten, nämlich "die scheinbar unüberwindliche Kluft" zwischen der unvorstellbaren Brutalität, Gefühllosigkeit und Menschenverachtung der Täter und dem, wie Bartov es nennt, "banalen Alltagsleben, das sie vor und nach dem Krieg führten": Man hat es mit farblosen Durchschnittstypen mit alles andere als nennenswerten Biografien zu tun, die sich eigentlich nur durch Mordaktivitäten auszeichnen. Wollust, Gier, Hass sind die ebenso banalen Motive.

Nach der Befreiung Ostgaliziens durch die Sowjets 1944 begann eine weitere tiefgehende Änderung der demografischen Verhältnisse. War der jüdische Bevölkerungsanteil zu diesem Zeitpunkt schon ausgelöscht, waren es jetzt die Polen, die vertrieben beziehungsweise nach offizieller Sprachregelung "ausgesiedelt" wurden. Von nun an, so Bartov, "senkte sich das schwere Grabtuch der Sowjetmacht auf die Städte und Dörfer des Rajons Buczacz".

Die Sowjets hatten zu diesem Teil der Zeitgeschichte ebenso eine andere "Erzählung" wie die 1991 unabhängig gewordene Ukraine. Das einzige jüdische religiöse Bauwerk in Buczacz, das die Deutschen nicht zerstört hatten, das alte Studienhaus an der großen Synagoge, wurde in den 1990er Jahren abgerissen, jetzt steht dort ein Einkaufszentrum. Und das einzige Mahnmal, das an den Genozid der Juden erinnert, findet man, wenn überhaupt, auf dem jüdischen Friedhof unter Dornbüschen verborgen. Auch im Museum für Heimatgeschichte erfährt man über die jüdische Bevölkerung, die die Stadt wirtschaftlich und kulturell geprägt hat, nichts. Die Erinnerung an die Mittäterschaft beim Genozid wurde schlichtweg "ausradiert". Als hätte es nie einen Völkermord, als hätte es hier nie Juden gegeben.

In Buczacz wurde übrigens 1908 Simon Wiesenthal geboren.