Eigentlich ginge diese Freiluftausstellung zur Wiener Beteiligung an der Shoah ins Leere. Eigentlich läge die Zeit des Nationalsozialismus ausreichend lange zurück, dass es keiner neuerlichen öffentlichen Befassung mit seinen Verbrechen an den Juden bedarf. Eigentlich wäre die Gesellschaft der Gegenwart ohnedies frei von Antisemitismus.

Zumindest von dem verbrecherischen Antisemitismus der Nationalsozialisten. So ein bisserl antisemiteln wird man ja wohl noch dürfen, wenn "der Herr Soros" Gelder fließen lässt, eh klar, wieso, Augenzwinkern, eh klar, wohin. Und es wird ja wohl noch erlaubt sein, etwas gegen Israel zu sagen (was man gegen Finnland oder die Schweiz so nie sagen würde), und es wird ja wohl noch erlaubt sein, als Impfgegner mit dem gelben Judenstern zur Demo zu gehen und die Impfstoffe mit Zyklon B zu vergleichen und sich als aufrechte UUU-Person, also "unmaskiert-ungeimpft-ungetestet", lautstark zum Status eines als Verfolgten im gesundheitsfaschistischen Staat zu bekennen.

Genau aus diesen Gründen ist diese Ausstellung notwendig.

Das Haus der Geschichte hat sie in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien erstellt und auf dem Heldenplatz zwischen Burgtor und Neuer Burg positioniert.

"Das Wiener Modell der Radikalisierung" heißt die Ausstellung. Sie ist sperrig, weil es naturgemäß vor allem Texte zu lesen gilt - und das zeugt bei einer Freiluftausstellung, die ausgerechnet in der Zeit von 15. Oktober bis 10. Dezember stattfindet, von einigem Vertrauen auf eine stabile Wetterlage.

Was die Ausstellung deutlich macht, ist, in welchem Umfang Wien die Experimentierstube des Antisemitismus und der Shoah war. Die nach dem Krieg proklamierte Opferrolle wird zuschanden durch die Fakten. Dem Anschluss schlossen sich in der Hauptstadt der nunmehrigen Ostmark sofortige Pogrome an. Was mit Wiener Modellen bürokratischer Schikanen beginnt, steigert sich schließlich zu Wiener Modellen für die Deportationen in die Vernichtungslager.

Oft wird das anhand bekannter Namen berichtet - in der Ausstellung werden etwa die Schriftstellerin Ruth Klüger und der Psychiater und Philosoph Viktor Frankl genannt. Aber berührend hervorgehoben sind die Schicksale der unbekannt Gebliebenen, so eines Elektrikers, der von seiner Freundin Abschied nimmt und weiß, dass es für immer ist.

Der Antisemitismus hat sich in Wien seinerzeit schleichend breitgemacht. Der Salonantisemitismus im Kaffeehaus hat aber schließlich zur Mittäterschaft an der Shoah geführt. Was einmal geschehen ist, das lehrt die Geschichte, kann wieder geschehen, vielleicht in anderer Form, vielleicht nicht einmal das: Deshalb ist es wichtig, den heute immer noch grassierenden vermeintlich kleinen Antisemitismen und den antisemitischen Verschwörungstheorien, die in der Pandemie auf fruchtbaren Boden gefallen sind, entgegenzutreten. Die Schau am Heldenplatz ist ideal geeignet, das Bewusstsein dafür zu schaffen.