Da von den Denisova-Menschen nur wenige Überreste existieren, stellen sie ein Rätsel in der menschlichen Entwicklung dar. Ein Forschungsteam mit Wiener Beteiligung hat nun weitere Knochenstücke vom Ort der ersten Funde in Sibirien identifiziert. Darunter befinden sich die mit rund 200.000 Jahren ältesten Zeugnisse der rätselhaften Bewohner und ihrer Lebenswelt.

Vor elf Jahren wurde auf Basis von DNA-Analysen klar, dass es sich bei in der sibirischen Denisova-Höhle im nordwestlichen Altai-Gebirge gemachten Funden um eine bisher unbekannte Art von Frühmenschen handelt, die Zeitgenossen der Neandertaler waren und sich mit ihnen vermischten.

Zusammen mit den Neandertalern gelten die Denisovaner als die den heute lebenden Menschen am nächsten stehenden Verwandten. Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erbrachte damals zusammen mit Kollegen den Nachweis anhand eines einzigen Fingerknochens eines Mädchens.

Bis heute sind Funde extrem rar. Trotzdem ist so manches über den Denisova-Menschen bekannt, etwa, dass der letzte gemeinsame Vorfahre mit dem Neandertaler vor 440.000 bis 390.000 Jahren gelebt haben muss. Wie die Neandertaler hinterließen auch die Denisovaner Teile ihres Erbguts in heute lebenden Ureinwohnern Sibiriens, Ost- und Südostasiens, Australiens oder in Amerikas. Das lasse den Rückschluss zu, dass sich auch der moderne Mensch mit dem Denisova-Menschen gepaart hat und dass er vielleicht einst in Asien und Ozeanien verbreitet war.

Um die Datenbasis zu erweitern, hat Samantha Brown von der Universität Tübingen zusammen mit einem Team, in dem auch Katerina Douka von der Universität Wien tätig war, rund 3.800 Knochenfragmente von Tieren und Menschen aus der Denisova-Höhle mit einem aufwendigen genetischen Verfahren untersucht. Dabei wurde klar, dass fünf weitere Knochenreste von Urmenschen stammen. Aus vier Fragmenten konnten die Forschenden ausreichend Erbgut für weitere Untersuchungen gewinnen, berichten sie in "Nature Ecology & Evolution".

"Schon der Fund eines einzigen menschlichen Knochens wäre cool gewesen", wird Brown in einer Aussendung ihrer Universität zitiert. Dass es aber gleich fünf geworden sind, "übersteigt meine wildesten Träume". "Wir waren erstaunt, dass wir neue menschliche Knochenfragmente in derart alten Ausgrabungsschichten gefunden haben, die tatsächlich intakte Biomoleküle ausweisen", sagt Douka. Bisher sei es nicht oft gelungen, derart altes Erbgut zu analysieren.

In der Region dürften sich zwischen 200.000 und 50.000 Jahren vor unserer Zeit immer wieder Denisovaner und Neandertaler aufgehalten haben. Drei Fragmente trugen mitochondriale DNA von Denisovanern und eines die von Neandertalern. Das Fragment des Neandertalers ist 130.000 bis 150.000 Jahre alt und damit deutlich jünger als die drei "neuen" Denisovaner-Knochen dreier Individuen. Sie haben die Höhle vor rund 200.000 Jahren in einer Zwischeneiszeit bewohnt, in der es ähnlich warm war wie heute. Damals gab es in dem Gebiet Wälder und Steppen.

Wald- und Steppenbewohner

In der Höhle fanden sich Überreste von Sibirischen Rehen, Rothirschen oder dem ausgestorbenen Riesenhirsch. Neben diesen eher in Wäldern anzutreffenden Arten jagten die Denisovaner auch Tiere, die offene Landschaften bevorzugten, darunter Wildpferde, Gazellen, die heute ausgestorbenen Steppenbisons oder Wollnashörner.

Gefundene Überreste von Wölfen und Rothunden legen nahe, dass die Höhle auch von Raubtieren genutzt wurde und diese vielleicht sogar mit den Frühmenschen um die Behausung konkurrierten. Mit Steinwerkzeugen aus jener Zeit wurden laut den Forscherinnen Tierfelle behandelt, wobei die gefundenen Werkzeuge kaum zu anderen bekannten Funden aus jener Zeit aus Nord- oder Zentralasien passen, sondern eher noch zu aus dem Nahen Osten bekannten derartigen Relikten.

Am ehesten fänden sich heute die Erbgut-Spuren der ältesten bisher gefundenen Denisovaner in der DNA von Menschen aus südostasiatischen Inseln und Neuguinea. Insgesamt sei naheliegend, dass diese Menschen schon früh weite Teile Asiens bis in die Höhen des tibetanischen Plateaus, wo ein Unterkiefer gefunden wurde, bewohnten. Denisovaner müssen die Fähigkeit besessen haben, sich gut an neue Umgebungen anzupassen, sagt der an der Uni Wien tätige Archäologe Tom Higham.