Von der Brotfrucht zum Frauenwahlrecht - das ist ein Weg! Dazwischen liegt eine Abenteuergeschichte, wie sie ein Robert Louis Stevenson nicht raffinierter hätte ersinnen können: Seefahrt mit Schurken und Helden, Südseeliebesabenteuern, eine Meuterei, Kannibalen (am Rande), Siedlungsgründung und Hollywoodfilme, die den Schurken zum Helden machen und den Helden zum Schurken.

Am 23. Jänner ist "Bounty Day" auf Pitcairn Island. Was den heute 50 Pitcairnies ein Nationalfeiertag ist, sollten auch alle Nicht-Pitcairnies feiern - einfach wegen der Geschichte dahinter. Solch eine gibt‘s kein zweites Mal!

Wer will sie nicht erzählen, nicht lesen? Selbst wenn er sie hunderte Male erzählt und gelesen hat.

Aber was ist mit Pitcairn heute? Rund 50 Menschen bewohnen die Insel. Alle sind sie Nachkommen der Meuterer, sprechen Pitcairn-Englisch, eine Mischsprache aus dem Englisch des 18. Jahrhunderts und Tahitianisch. Der Nachname Christian ist verbreitet. Von 2014 bis 2019 ist Shawn Christian Bürgermeister. Der direkte Nachfahre Fletcher Christians, des "Bounty"-Meuterers, verbindet die historische dunkle Seite Pitcairns mit einer der jüngsten Vergangenheit: 2004 fand ein Prozess wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen gegen sieben der damals zwölf erwachsenen Männer in 55 Fällen statt, die bis zu 40 Jahre zurückreichten. Nur ein Angeklagter wurde freigesprochen. Shawn Christian war es nicht.

Das Leben auf der Insel ist, gemessen an europäischen Standards, hart: Pitcairn hat weder Hafen noch Flugzeug-Landebahn. Die Versorgung erfolgt per Schiff vom 500 Kilometer entfernten Mangareva aus. Mit halsbrecherischen Manövern müssen die Güter an Land gebracht werden. Die Wirtschaft der letzten britischen Südpazifik-Kolonie besteht aus Briefmarken-, Andenken- und Honigverkauf, selten an die spärlichen Touristen, häufiger im Internet-Onlineshop. Süßwasser ist Luxus, es kommt auf der Insel nicht vor und wird in Tanks gespeichert. Dieselgeneratoren versorgen die Häuser mit Strom. Seit 2003 haben die WCs Wasserspülung. Die Inselschule, in der eine für stets nur ein Jahr verpflichtete Lehrkraft unterrichtet, ist seit 2006 mit Computer, Video- und DVD-Player ausgestattet.

Fakten, nicht Filme

In den wird vielleicht einer der Filme eingelegt, der den Beginn der Geschichte Pitcairns aufbereitet: Die Meuterei auf der "Bounty".

Begonnen hat es damit, dass nach dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg den Besitzern der Zuckerrohrplantagen auf Jamaika das Mehl für ihre Sklaven zu teuer wurde: Sie hätten es den nun unabhängigen ehemaligen Kolonien abkaufen oder um die halbe Welt skippern müssen. Da kommt die Brotfrucht ins Spiel: Aus dem Mehl der getrockneten Frucht des Artocarpus altilis lässt sich ein Brotersatz herstellen - wenig schmackhaft zwar, aber gerade recht als Nahrungsmittel für Sklaven. Was leichter, als Stecklinge mittels Schiff von Tahiti, der Heimat des Brotfruchtbaums, auf die Westindischen Inseln zu bringen? Die Idee erfreut auch den botanikaffinen König Georg III. in seinen weniger umnachteten Momenten.

Das Schiff, das am 23. Dezember 1787 mit dieser Mission in See sticht, ist die "Bounty", ihr Kommandant William Bligh, einer ihrer Offiziere Fletcher Christian. Der Rest ist Filmgeschichte: 1935 mit Charles Laughton als Kapitänsscheusal und Clark Gable als meuterischem Helden; 1962 mit Trevor Howard als Kapitän des Satans und Marlon Brando als Rächer der Matrosen; 1984 mit Anthony Hopkins als getriebenem Kommandanten und Mel Gibson als verzweifeltem Bordschönling. So mit den Augen gerollt hat keiner sonst!

Die Wahrheit ist eine andere. Denn der Held der Geschichte heißt nicht Fletcher Christian. Er heißt William Bligh. Bligh hatte unter James Cook gedient und dessen Lektion verstanden: Behandle die Mannschaft anständig, dann leistet sie mehr - eine bemerkenswerte Erkenntnis, die sich auch heutiges Führungspersonal durch den Kopf gehen lassen sollte.

Auf den Schiffen der britischen Admiralität aber herrscht die Peitsche. Sie soll die Männer psychisch brechen. Die Auspeitschung mit der "neunschwänzigen Katze", die der Delinquent für seine Bestrafung selbst herstellen muss, ist eine auch von den Mannschaften akzeptierte Bestrafungsmethode. Als grausam gelten Kapitäne nur, wenn sie unverhältnismäßig oft oder mit unverhältnismäßig vielen Schlägen auspeitschen lassen.

Schon Cook reduzierte die Auspeitschungen. Bligh verachtet sie dermaßen, dass er sie kaum je anwendet. Ausgerechnet das vermuten Seefahrtshistoriker als Ursache der Meuterei. Nicht zu grausam war Bligh, im Gegenteil, die Mannschaft respektierte ihn nicht als das, was er aufgrund seiner Position an Bord war: der Herr über Leben und Tod. Und dann gönnt er seinen Männern auf Tahiti auch noch unbegrenzte Liebesvergnügen.

Als die 40 Besatzungsmitglieder das Inselparadies mit Frauen, die keinerlei christlicher Sexualmoral unterliegen, wieder gegen das 28-Meter-Schiff tauschen müssen, leisten sie passiven Widerstand gegen die notwendige Borddisziplin. Bligh ist mit seinem Latein am Ende. Nun muss er die Ordnung doch mit der verhassten Peitsche durchsetzen. Umso grausamer wirkt der Menschenfreund von zuvor. Ein Teil der Mannschaft meutert, angeführt von Fletcher Christian.

Zufallsfund Pitcairn

Dessen wahre Motive bleiben wohl ewig unklar. Auslöser dürfte Blighs Vorwurf sein, Christian habe Kokosnüsse gestohlen. Nahrungsdiebstahl ist auf Schiffen mit ihren begrenzten Vorräten ein verachtenswertes und hart zu bestrafendes Vergehen. Christian trinkt sich aus Angst vor der drohenden Entehrung um den Verstand und dreht durch. Am 28. April 1789 setzen er und dienstunwillige Mannschaftsmitglieder Bligh und 18 loyale Männer in einem 7 Meter langen Beiboot aus. Sie geben ihnen kaum Vorräte mit und, zur Navigation, Kompass, Log und Oktanten, aber keine Karten.

Es folgt die größte seemännische Leistung aller Zeiten: Bligh führt das überladene Boot in 41 Tagen 5.800 Kilometer weit über den Pazifik zum nächsten britischen Stützpunkt auf Timor. Er verliert einen einzigen Mann: John Norton wird auf Tofua von Einheimischen erschlagen. Weitere Inseln anzulaufen, vermeidet Bligh. Er weiß aus seiner Zeit mit Cook, dass sie von Kannibalen bevölkert sind.

Während Bligh aus dem Gedächtnis zielsicher navigiert, führt Christian die "Bounty" auf eine Odyssee. Erst am 15. Jänner 1790 kommt Pitcairn in Sicht. Sie ist unbewohnt und hat keine Bucht, die zum Ankerplatz taugt. Die Meuterer fühlen sich sicher. Um jedes Zeichen ihrer Anwesenheit zu vernichten, stecken sie am 23. Jänner die "Bounty" in Brand. Mit diesem Datum beginnt die Siedlungsgeschichte von Pitcairn Island. Später gerät Christian in einen Streit mit Tahitianern, die auf der Insel landen, und wird umgebracht.

Die Meuterer und ihre Nachkommen bauen eine demokratische Gemeinschaft auf. Mit dem British Settlements Act von 1887 verleibt sich das Britischen Königreich Pitcairn als Kolonie ein. 1890 zeitigt ein Missionierungsversuch durch Adventisten einen bemerkenswerten Erfolg: Alle Bewohner Pitcairns lassen sich taufen. In der Folge sorgen die Adventisten finanziell für ihre Brüder und Schwestern: Sie ermöglichen den Bau eines Kindergartens und einer Schule.

Zuvor war die heute kleinste Demokratie der Welt allen anderen Ländern, Nationen und Verwaltungsbezirken vorausgeeilt: 1838 führt Pitcairn Island das weltweit erste Wahlrecht ein, das Frauen und Männer gleichstellt. Das erste echte Frauenwahlrecht - eine Idee also von Meuterern und ihren Nachfahren: Ein Schelm, wer da Verbindungen entdeckt. Obwohl: Ganz ohne Charme wäre das nicht.