Mit strengem Blick tritt uns auf dem Gemälde ein Mann entgegen, dessen Hauptwerk fast jeder zumindest vom Vorbeifahren kennt, dessen Name aber längst nicht allen ein Begriff ist: Jakob Prandtauer (1660-1726), Baumeister des Stiftes Melk. Das Porträt (siehe Abbildung) hat der Melker Abt Berthold Dietmayr als Ausdruck seiner Wertschätzung wenige Jahre vor dem Tod des Baumeisters anfertigen lassen. Mit den beachtlichen Maßen von 270 x 162 Zentimetern und der Säule steht das Bild in der Tradition barocker Herrscherporträts. Es zeigt Prandtauer im Alter von etwa sechzig Jahren.

Jakob Prandtauer (1660-1726) auf einem Gemälde im Stift Melk. - © Günter Prinesdom, Wien / Stift Melk
Jakob Prandtauer (1660-1726) auf einem Gemälde im Stift Melk. - © Günter Prinesdom, Wien / Stift Melk

Der Baumeister steht, die Stirn in Falten gelegt, in der Benedikti-Halle des Stiftes Melk. Er trägt einen grauen Rock und schwarze Stiefel. Mit der linken Hand stützt er sich auf einen Zollstock. Seine rechte Hand ruht auf einem Tischchen, über das ein Plan des Klosters gebreitet ist. Zeigefinger und Daumen berühren den Plan und bringen das Porträt zum Sprechen. Es scheint, als möchte Prandtauer stolz sagen: "Seht her, das habe ich geschaffen!" Dass der Baumeister dabei ernst, um nicht zu sagen müde wirkt, ist nicht erstaunlich, denn der Bau des Stiftes Melk, der ihn von 1702 bis zu seinem Tod im Jahr 1726 beschäftigte, war ein ausgesprochen arbeitsintensives Projekt.

In der rechten Hälfte des Bildes blicken wir in den Prälatenhof des Stiftes - und auch das ist kein Zufall. Mit dem Springbrunnen, der Prälatur - also dem Trakt, in dem die Gemächer des Abtes lagen - und der dahinter hoch aufragenden Kuppel der Stiftskirche setzt der unbekannte Maler drei Bauten ins Bild, die stellvertretend für die besonderen Leistungen bzw. Fähigkeiten Prandtauers stehen: Der Springbrunnen stellt einen beachtlichen technischen Erfolg dar, war doch für den einst hoch emporschießenden Wasserstrahl aufgrund der Hanglage des Klosters ein ausgeklügeltes Druck- und Pumpwerk notwendig.

Zwei Kuppeln

Die Prälatur ähnelt einem Wiener Stadtpalais und zeigt die künstlerischen Fähigkeiten Prandtauers. Dass es sich hier nicht um einen Neu-, sondern um einen Umbau eines bereits bestehenden Traktes handelt, ist kaum zu ahnen. Die Kuppel der Stiftskirche schließlich verdankt ihr Aussehen der Bereitschaft Prandtauers, sich mit den Forderungen seines Auftraggebers intensiv auseinanderzusetzen und dabei auch manch einen Kompromiss einzugehen. Prandtauer musste die bereits vollendete Kuppel abbrechen und in anderer Gestalt neu errichten. Spuren dieses turbulenten Geschehens sind heute noch am Bau abzulesen.

Wer aber war Prandtauer? Welche Aufgaben hatte er als Baumeister? Wie oft hat er seine Baustellen besucht? Wie ist er gereist? Und: Wie viel hat er verdient?

Jakob Prandtauer wurde 1660 in Stanz, einem kleinen Dorf etwa achtzig Kilometer westlich von Innsbruck, geboren. Im Alter von siebzehn Jahren begann er eine Maurerlehre im benachbarten Schnann, die drei Jahre dauerte. Wo er sich nach dem Abschluss der Lehre aufgehalten hat, ist nicht überliefert. Erst im Juli 1692 taucht sein Name wieder in den Archivalien auf, und zwar, als er ein Haus in St. Pölten erwarb, heiratete und einen Betrieb gründete. Die Stadt wurde zur neuen Heimat des Tirolers, bis zu seinem Lebensende wohnte er hier.

Ein Denkmal für den Baukünstler in St. Pölten. 
- © Alexander Wagner / CC BY-SA 3.0 / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 / via Wikimedia Commons

Ein Denkmal für den Baukünstler in St. Pölten.

- © Alexander Wagner / CC BY-SA 3.0 / https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0 / via Wikimedia Commons

Prandtauers Werk ist umfangreich und vielfältig: Es umfasst Klosteranlagen wie die Stifte Melk, St. Florian, Garsten, Herzogenburg und Dürnstein, die aufgrund ihrer aufwendigen Gestaltung als "Klosterpaläste" bezeichnet werden können. Sowohl Prandtauer als auch den Auftraggebern dieser prächtigen Komplexe diente das ab dem späten 17. Jahrhundert boomende Baugeschehen in der kaiserlichen Haupt- und Residenzstadt Wien als Bezugspunkt. Daneben gehen auch die im Äußeren karge und wenig bekannte Stiftsanlage von St. Andrä an der Traisen und mehrere Klöster in St. Pölten (Kloster der Augustiner-Chorherren, der Englischen Fräulein und der Karmelitinnen) auf ihn zurück.

So wichtig die Klosterbauten sind, bilden sie letztendlich doch nur einen Teil des Gesamtwerks. Der Allrounder hat auch Pfarr- und Wallfahrtskirchen, Pfarrhöfe, Kapellen, Schlösser, Bürgerhäuser, Paläste und Stiftshöfe, Gartengebäude, Lusthäuser, Kellerschlösser, Schüttkästen, Meierhöfe und Kelleranlagen errichtet. Sogar Kasernen und Brücken umfasst sein Werk.

Versierter Praktiker

Bemerkenswert ist, dass Prandtauer in der wissenschaftlichen Literatur sowohl als "Architekt" als auch als "Baumeister" bezeichnet wird. Tatsächlich war er aber von Beruf Baumeister. Als solcher hatte er, wie erwähnt, eine Lehre absolviert (stammte also aus dem Handwerk) und besaß weitreichendere Kompetenzen als ein Architekt: Ein Baumeister konnte einen Bau entwerfen und auch ausführen, während ein Architekt nur die Pläne zeichnen durfte.

Aus der Sicht der Auftraggeber, allen voran der Klöster, war genau dieses Kompetenzpaket attraktiv. Als Hauptverantwortlicher für den Bau lieferte Prandtauer Pläne und Modelle - für Bauten als Ganzes sowie für Details. Darüber hinaus war er für die Logistik und den ökonomischen Einsatz der Baumaterialien zuständig. Alle am Bau beschäftigten Handwerker hatten sich an seine Anweisungen zu halten.

Prandtauer kam regelmäßig auf die Baustelle. Bei den großen Klosterbauten schwankten die Intervalle der Besuche, abhängig davon, wie weit sie von seinem Wohnort St. Pölten entfernt lagen, zwischen drei Wochen und ein paar Monaten. Gab es dazwischen etwas zu besprechen, schickte man sich Briefe, entweder mit der Post oder mit Boten. Auf jeder großen Klosterbaustelle gab es einen Polier, der ständig vor Ort war und dafür sorgte, dass alles plangemäß lief.

Die Zahl der Baustellenbesuche wurde bei Baubeginn vertraglich geregelt. Besonders oft forderte der Melker Abt die Anwesenheit Prandtauers. Laut dem 1702 unterzeichneten Vertrag für den Neubau der Melker Stiftskirche musste Prandtauer mindestens zwanzig Mal ins Kloster kommen, um zu sehen, ob der Bau laut Plan voranschritt. Eine derartig intensive Betreuung war nur möglich, da der Baumeister nicht allzu weit von Melk entfernt wohnte.

Von der Nähe zu St. Pölten profitierte auch das Stift Herzogenburg, das Prandtauer zu einer ähnlich dichten Folge von Baustellenbesuchen verpflichtete wie Melk. Wesentlich größer war die Entfernung zu den oberösterreichischen Stiften, daher sah der Vertrag mit dem Stift St. Florian und Kremsmünster auch nur vier Baustellenbesuche pro Jahr vor.

Das Stift Herzogenburg. 
- © Karl Gruber / CC BY 3.0 AT / https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/at/deed.en / via Wikimedia Commons

Das Stift Herzogenburg.

- © Karl Gruber / CC BY 3.0 AT / https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/at/deed.en / via Wikimedia Commons

Die Frage, wie Prandtauer gereist ist, lässt sich einigermaßen gut beantworten: In jüngeren Jahren ist er geritten. Wir wissen etwa, dass er am 23. Dezember 1693 von Dürnstein nach St. Pölten geritten ist - beachtliche 45 Kilometer. Um die Fahrt von Melk nach St. Pölten kümmerte sich immer der Wirt des "Goldenen Hirschen" im Ort, der von Berufs wegen ein Fuhrwerk und Pferde besaß. In späteren Jahren muss Prandtauer mit seiner eigenen Kutsche gefahren sein. Jedenfalls gab es im Stift Herzogenburg stets zwei, manchmal aber bis zu vier Pferde zu verpflegen, wenn er auf die Baustelle kam.

Reisen war damals anstrengend: Die Wege waren, wie Leopold Mozart 1762 berichtet, unbeschreiblich "knoppericht und voller tieffer Gruben und Schläge". Unvorhergesehene Ereignisse (wie Radbruch oder Überfälle) konnten jederzeit eintreten und in den Postkutschen quälte häufig Ungeziefer die Fahrgäste.

Wenn Prandtauer mit einem einfachen Wagen oder einer Kutsche unterwegs war, dann hing das Reisetempo von der Beschaffenheit des Gefährts, dem Zustand der Straßen, den Witterungsbedingungen und der Zahl der eingespannten Pferde ab.

Die Reise von St. Pölten in das dreißig Kilometer entfernte Stift Melk muss bei schönem Wetter fünf bis sieben Stunden gedauert haben. Die Fahrt nach St. Florian, das circa 115 Kilometer von St. Pölten entfernt liegt, wird 20 bis 28 Stunden in Anspruch genommen haben und schloss zwei bis drei Übernachtungen ein.

Prandtauer hatte ein gutes Einkommen, gehörte aber nicht zu den Bestverdienern unter den Künstlern seiner Zeit, die auf dem Gebiet der Architektur tätig waren. Das höchste Fixum von Seiten eines Klosters, nämlich 300 Gulden pro Jahr, erhielt er in Melk. Im Vergleich dazu: Johann Lucas von Hildebrandt bekam in Göttweig als entwerfender Architekt pro Jahr 600 Gulden. Ein einfacher Arbeiter am Bau verdiente damals etwa 80 Gulden im Jahr und ein Kalb kostete etwas mehr als vier Gulden. Mehrfach bekam Prandtauer Prämien. So erhielt er etwa in Melk 1715, als der Rohbau der Stiftskirche fertig war, eine Discretion in Höhe von 1.500 Gulden. Stellen Sie sich vor, Sie haben gute Arbeit geleistet und Ihre Arbeitgeberin oder Ihr Arbeitgeber zahlt Ihnen eine Prämie in Höhe von fünf Jahresgehältern!

Gegen Widerstände

Die Auftraggeber schätzten Prandtauer, in den Konventen der Klöster gab es hingegen immer wieder auch Widerstände gegen die Bauprojekte. Kein Wunder! Sechs Tage pro Woche (die Wintermonate ausgenommen) wurde gehämmert, geklopft, gesägt, und oft staubte es heftig. In Melk gab es sogar einen Versuch, den Abt Berthold Dietmayr abzusetzen, um das Bauvorhaben auf diese Weise zu stoppen.

Dass dies nicht gelang, ist letztendlich ein Glück. Treffend schreibt Hugo Hantsch, selbst Melker Benediktiner, 1934: "Wenn Abt Berthold Dietmayr sich nach dem engen Horizont seiner Neider und nach der beschränkten Auffassung einiger mieselsüchtiger Konventualen gerichtet hätte, wäre das Stift niemals gebaut worden, stünde oben auf dem Felsen ein langweiliger unschöner Kasten aus dem 17. Jahrhundert an Stelle des herrlichen Kunstwerkes, das eines der kostbarsten Besitztümer Österreichs ist."

In Jakob Prandtauer fanden die Äbte und Pröpste den Baumeister, der gemeinsam mit ihnen in der Lage war, Projekte von gewaltigen Dimensionen zu bewältigen und einzigartige künstlerische Lösungen zu finden, in denen sich die Kenntnisse der zeitgleichen Architektur Wiens widerspiegelten. Dass sie Prandtauers Leistungen auch bei kleineren Bauvorhaben klar sahen, zeigt die Notiz des Dürnsteiner Prälaten Hieronymus Übelbacher, der Prandtauer 1716 unter Bezugnahme auf die Verwandlung der mittelalterlichen Klarissenklosterkirche in einen Schüttkasten als "führnemen (vornehmen) Baumaister zu St. Pöltten und vülleicht führnemsten in gantz Oesterreich" bezeichnete.