Der Nachweis einzigartiger Werkzeuge sowie besonders innovativer Praktiken gibt Aufschluss über eine Kultur, die vor 40.000 Jahren in China präsent war. Eine Studie internationaler Forscher, die in "Nature" publiziert wurde, gibt einen Einblick in die Lebensweise der dortigen Jäger und Sammler zu dieser Zeit. An der Fundstelle Xiamabei im Nihewan-Becken in Nordchina wurden die Archäologen fündig. Die Entdeckung zeigt auf, was geschah, als die ersten Populationen des Homo sapiens nach China kamen und auf die dort lebenden Denisovaner oder Neandertaler trafen.

"Eine der Hauptschichten der Fundstätte enthält die früheste bekannte Ockerverarbeitung in Ostasien, eine charakteristische Ansammlung von Miniatur-Steinwerkzeugen mit klingenähnlichen Werkzeugen, die Spuren von Griffschalen tragen, und ein Knochenwerkzeug", erklärt Shixia Yang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Sie arbeitet auch am Max-Planck-Institut für die Erforschung der Menschheitsgeschichte in Jena.

"Xiamabei ist deswegen so besonders, weil die Menschen hier schon sehr früh neue, innovative kulturelle Praktiken entwickelten", bekräftigt die Archäologin Fa-Gang Wang von Institut für Kulturerbe in der Provinz Hebei, deren Team für die Ausgrabungen verantwortlich zeichnet.

Ockerverarbeitung

Die Funde belegen technologische Innovationen und kulturelle Diversifizierung während der weltweiten Ausbreitung des Homo sapiens und seines Vordringens nach Ostasien in der Steinzeit.

Die umfangreiche Verwendung von Ocker sei eines der bedeutendsten Merkmale des Fundes. Zu den entdeckten Artefakten gehören zwei Ockerstücke mit unterschiedlicher Mineralzusammensetzung und eine längliche Kalksteinplatte mit geglätteten Bereichen, die Ockerflecken tragen. Das alles auf einer Oberfläche aus rot gefärbtem Sediment. Analysen deuten darauf hin, dass verschieden Arten von Ocker nach Xiamabei gebracht und durch Stampfen und Abschleifen zu Pulvern unterschiedlicher Farbe und Konsistenz verarbeitet wurden, mit denen der Boden der Behausung imprägniert wurde. Die Ockerherstellung in Xiamabei ist das früheste bekannte Beispiel für diese Praxis in Ostasien.

Die Funde bieten auch Einblick in die Werkzeugindustrie dieser Zeit. Die klingenähnlichen Steinwerkzeuge waren einzigartig für die Region. Sieben der Teile weisen eindeutige Hinweise auf eine Befestigung an einem Griff auf. Vieles deutet darauf hin, dass diese zum Bohren, Schaben und Häuten, Zerkleinern von Pflanzen und Schneiden von weichem Tiermaterial verwendet wurden.

Die Bewohner stellten also Werkzeuge für verschiedene Zwecke her, was auf ein komplexes technisches System zur Verarbeitung von Rohstoffen hindeute, das an anderen Fundplätzen nicht beobachtet worden war.

All diese Informationen ermöglichen ein anschauliches Bild der Lebensweise vor 40.000 Jahren, schreiben die Wissenschafter. Demnach lebten die Menschen in einer kühlen, steppenartigen Umgebung. In Xiamabei verrichteten sie ihre Aktivitäten an einem warmen Lagerfeuer, mahlten große Mengen Ockerpulver, führten klingenartige Steinwerkzeuge mit sich und teilten höchstwahrscheinlich ihre Nahrung. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass derzeitige Evolutionsszenarien zu einfach sind", so Michael Petraglia vom Max-Planck-Institut, "und dass der moderne Mensch und unsere Kultur durch wiederholte, aber unterschiedliche Episoden des genetischen und sozialen Austauschs über große Gebiete entstanden sind, und nicht in einer einzigen, schnellen Ausbreitungswelle über Asien."