Wer die erschütternden Bilder von erschöpften Frauen, Großmüttern, Greisen und Kindern, die sich in westukrainische Städte retten konnten, betrachtet, hat als Österreicher oft ein "Déjà-vu"-Erlebnis. Es geht um das Weichbild und die räumliche Kulisse, also die Bahnhöfe, Häuserzeilen und Stadtplätze. Viele der Gebäude in Czernowitz oder in Lemberg sehen aus wie die Gründerzeitbauten in Graz, Wien oder Innsbruck.

Wären die Zeitläufte nicht so grauenhaft, man könnte vom liebenswerten Charme der k.u.k. Monarchie sprechen. Aber derzeit herrschen blankes Entsetzen und Barbarismus vor. Russische Raketen, die Lemberg, Czernowitz oder Brody bedrohen, zerstören auch diese Kulturgüter. Von der Unesco, die sonst peinlich auf die Einhaltung von Standards bedacht ist, war bisher wenig zu hören. Allein die Erhaltung all dieser Baudenkmäler würde es rechtfertigen, die russischen Aggressoren anzuklagen, von den menschlichen Opfern ganz zu schweigen.

In der k.u.k. Monarchie zählten die heute in der Westukraine liegenden Regionen von Galizien, das sich auch über Krakau und Teile der heutigen slowakischen Repu-blik an der Niederen Tatra erstreckte, sowie die Bukowina zu Cisleithanien (der Region "diesseits der Leitha"), also zum "österreichischen" Teil der Donaumonarchie.

Wiener Toleranz

Für die Bürger, die ruthenische, polnische, rumänische, deutsche und jüdische Wurzeln hatten, war das ein Vorteil, weil Ungarn auch nichtungarische Untertanen zu "magyasieren" pflegte, Wien aber mehr Toleranz walten ließ und nur auf ein einheitliches Erscheinungsbild von Post, Eisenbahn, Armee und Amtsgebäuden Wert legte. Der vielzitierte "Völkerkerker" war verglichen mit allem, was danach kam, kein "Laboratorium für den Weltuntergang" (Karl Kraus), sondern ein frühes Modell einer mittel- und osteuropäischen Union, in der zwölf Sprachen im Reichsrat, dem Wiener Parlament, gesprochen wurden.

Der staatsrechtliche Begriff Österreich bürgerte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein. Aus heutiger Sicht spricht man daher auch vom "alten" Österreich, im Unterschied zur 1918 ausgerufenen, kleinen Alpenrepublik, dem "Rest", wie ihn Clemenceau einst höhnisch bezeichnete ("ce qui reste, c’est l’Autriche"). Hingegen gehörten der westlichste Zipfel der Ukraine sowie große Teile der Slowakei und Siebenbürgen bis 1918 zur ungarischen Krone, ehe der nördliche Teil an die ČSR, der südöstliche an Rumänien ging und das einst große Ungarn ebenfalls zu einem Mittelstaat schrumpfte.

Die Österreicher sorgten in Galizien für eine gute Infrastruktur, auch was Bildungseinrichtungen betraf. So fanden sich in Lemberg (heute Lwiw) eine von polnischen Wissenschaftern dominierte Universität, die für ihre Mathematiker und Philosophen bekannt war, sowie eine Pädagogische Hochschule, einst eine k.k. Lehrerbildungsanstalt. Nach dem polnisch-ukrainischen Abgeordneten Starzynski ist heute noch ein Passus in der österreichischen Verfassung benannt. Immerhin je 25 Abgeordnete vertraten ruthenisch- oder polnisch-nationale Anliegen, insgesamt waren es über 100, darunter auch ein "radikaler" Russe (so hieß auch die Partei) und ein jüdisch-nationaler (zionistischer) Vertreter.

Kein Staat hat danach in dieser Region je wieder für dermaßen freie und faire Wahlen gesorgt, wie sie im Mai 1907 erstmals ohne Steuerzensus auch in Galizien stattfanden. Um die nationalen Gegensätze zu mindern, konnten gemischte Wahlkreise zwei Abgeordnete entsenden, meist Ruthenen und Polen. Drei polnische Parteien errangen insgesamt 53 Mandate. Der ethnische Begriff Ruthenen ist unüblich geworden, umschrieb aber die heutigen Ukrainer.

Das K.k. Kronprinz-Rudolf-Gymnasium in Brody, in dem Joseph Roth maturierte.
 
- © Roman Zacharij, Public domain, via Wikimedia Commons

Das K.k. Kronprinz-Rudolf-Gymnasium in Brody, in dem Joseph Roth maturierte.

- © Roman Zacharij, Public domain, via Wikimedia Commons

In Brody befanden sich ein k.k. Staatsgymnasium, das wie viele Schulen in Wien aussah und an dem Joseph Roth im Jahr 1913 die Matura ablegte, sowie eine Schankwirtschaft, die dem Großvater des Staatsrechtslehrers Hans Kelsen gehörte; auch in Brody dominierte Polnisch, die ruthenischen Bürger waren in der Stadt, nicht aber an der Peripherie eine Minderheit.

Lange mussten die Lehrer am k.k. Kronprinz-Rudolf-Staatsgymnasium auf Deutsch unterrichten, doch 1913 wurde Roths Zeugnis bereits auf Polnisch ausgestellt. Die Schüler waren zu je einem Drittel griechisch-katholischer, römisch-katholischer und jüdischer Konfession, was auch über ihre Herkunft etwas aussagte. Zwei junge Mädchen, darunter eine Externistin, legten mit dem Autor der Untergangs-Epen "Radetzkymarsch" und "Kapuzinergruft" die Maturitätsprüfung ab. Eine Schülerin, geboren 1893 in Pruchnik, war römisch-katholisch und hieß Zofia Holubówna; die Externistin war eine Jüdin aus Alt-Brody, sie trug den Namen Ettel Tylle Lustig. Was mag aus ihr geworden sein?

Auch hier sei eine rhetorische Frage erlaubt: Welcher andere Staat hat im Jahr 1913 seine Schüler ohne Ansehen der Herkunft gleich und ohne Diskriminierung behandelt? Im österreichischen Teil der Ukraine gab es keine Pogrome, alle Konfessionen konnten seit 1868 praktizieren und alle Ethnien waren gleichberechtigt. Und im Wahlrecht kam der Gesetzgeber den 120.000 Polen und 16.000 Ruthenen entgegen, ließ sie durch ihre 106 Abgeordneten im Wiener Parlament frei sprechen.

Die Franz-Josephs-Universität in Czernowitz (Hauptgebäude). 
- © Oleksandr Malyon, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Die Franz-Josephs-Universität in Czernowitz (Hauptgebäude).

- © Oleksandr Malyon, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Nichts anderes galt für Czernowitz (ukrainisch Tscherniwzi), wo sich die 1875 gegründete k.k. Franz-Josephs-Universität befand. Sie trägt heute den Namen Jurij-Fedkowytsch-Universität nach einem unweit der rumänischen Grenze in der Oblast Czernowitz geborenen Autor und Übersetzer. Sein Geburtsort Putyla liegt allerdings fast 70 Kilometer von der Universität entfernt.

An der damaligen Franz-Joseph-Universität Czernowitz lehrten drei Rechtsprofessoren, die allesamt eine große akademische Karriere hinlegten und deren Werke bis heute gelesen und zitiert werden. Der aus Schwechat stammende jüdische Romanist und Rechtssoziologe Eugen Ehrlich forschte im rumänisch-bäuerlichen Raum und zeichnete zahlreiche "Rechtstatsachen" (Urkunden, Verträge) auf; er gilt neben Niklas Luhmann und Max Weber als einer der Pioniere der Rechtssoziologie. Besonderes Ansehen erwarb er sich in Japan. Nach der Eroberung Galiziens durch die zaristische Armee 1915 musste er nach Wien fliehen, wo die entwurzelten und geflohenen k.u.k. Lehrer für ihr Gehalt demonstrierten; die Rückeroberung der Stadt im Jahr 1916 half nicht mehr viel. Ehrlich konnte zwar zurückkehren, litt aber an der Rumänisierung der Universität ab 1919, da Czernowitz zunächst dem Königreich Rumä-nien zugesprochen wurde.

Kriminalistik-Schöpfer

Der zweite erwähnenswerte Rechtslehrer war der aus Graz gebürtige Strafrechtsexperte und Schöpfer der Kriminalistik als Wissenschaft, Hans Gross. Der 1847 geborene Richter und Staatsanwalt verfasste das in elf Auflagen (!) erschienene "Handbuch für Untersuchungsrichter", das erstmals im Jahr 1893 erschien, sowie eine "Criminal-Psychologie". Gross erfand den "Tatortkoffer" sowie die Evidenztafeln, mit denen heute noch Fundstellen von Beweisen (z.B. Patronenhülsen) an Tatorten bezeichnet werden. Jeder Fernsehkrimi-Konsument kennt diese dreieckigen Tafeln sowie die Maßstäbe, mit denen Artefakte auf Fotografien größenmäßig vergleichbar gemacht werden.

Der "Tatortkoffer" von Hans Gross. 
- © Kriminalmuseum Graz

Der "Tatortkoffer" von Hans Gross.

- © Kriminalmuseum Graz

Gross verfügte auch über die größte Sammlung an Artefakten, also an Gegenständen, die bei Straftaten eine Rolle spielten; sie sind zu einem großen Teil im Grazer und im Wiener Kriminalmuseum ausgestellt worden. Und als er 1902 von Czernowitz nach Prag berufen wurde, fand er dort zwei interessierte Jus-Studenten an der k.k. Ferdinand-Karls-Universität vor: Max Brod und Franz Kafka, die beide in ihrem Werk stark auf ihre Kenntnisse aus der Studienzeit rekurrierten. Wer weiß, ob der "Process" und die "Strafkolonie" in dieser Form erschienen wären, wenn Kafka nicht den spannendsten Kriminologen seiner Zeit als Vortragenden genossen hätte...

Nicht nur Gross hatte seine erste Professur in Czernowitz inne, sondern auch Franz Exner, nachmaliger Verteidiger von Generaloberst Alfred Jodl in Nürnberg. Jodl wurde unter anderem deshalb hingerichtet, weil man der Wehrmacht vorwarf, in Leningrad nicht für die Evakuierung der Bevölkerung gesorgt zu haben. Auch der Angriffskrieg wurde, vor allem von sowjetischer Seite, als todeswürdiges Verbrechen geahndet - ein Präjudiz, das nicht in Vergessenheit geraten sollte. Neben Jodl musste auch Generalfeldmarschall Keitel, Chef des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht, am 16. Oktober 1946 mit seinem Leben für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit büßen, welche in Nürnberg verhandelt wurden.

Kriegsfolge Kriminalität

Exner wechselte von Czernowitz, wo 1905 auch sein Cousin Hans Frisch (Bruder des Nobelpreisträgers Karl von Frisch) Öffentliches Recht lehrte, nach Prag, dann 1919 nach Tübingen, später noch nach Leipzig und 1934 nach München, wo er 1947 starb. Seine "Kriminologie" und sein "Strafprozessrecht" gelten immer noch als wichtige Werke, er untersuchte auch die Kriminalität als Kriegsfolge des Ersten Weltkriegs und besuchte 1934 in den USA Edwin Hardin Sutherland in Chicago, den Profiler des "Gentlemangauners", eines neuen Typus von Kriminellen. Im Herbst 1941 fielen kurz hintereinander Exners Sohn Adolf und sein Schwiegersohn an der russischen Front, ein dunkles Kapitel.

Franz Conrad von Hötzendorf (mit Unterschrift: Conrad, FM). 
- © Unbekannter Autor, Public domain, via Wikimedia Commons

Franz Conrad von Hötzendorf (mit Unterschrift: Conrad, FM).

- © Unbekannter Autor, Public domain, via Wikimedia Commons

Zwei prominente Österreicher sollen noch erwähnt werden, nämlich der k.k. Feldmarschallleutnant Moritz von Ebner-Eschenbach, Ehemann der Autorin Marie, geborene Gräfin Dubsky, der bei Nicolai seine Erinnerungen veröffentlichte. Er war ein Genius der Pioniertruppe, der auch die Kriegshäfen rund um Pola verminte und ein mutiger Kämpfer gegen den Antisemitismus, der die galizischen Juden als unentbehrliche Helfer bezeichnete.

Auch der viel gescholtene Franz Conrad von Hötzendorf, der Chef des Generalstabs der k.u.k. Armee (bis 1917), sei erwähnt, der es in Przemysl und Tarnow 1916 schaffte, der russischen Dampfwalze Paroli zu bieten, und darüber autobiographisch ("Aus meiner Dienstzeit") berichtet hat. Der Grund für den Erfolg, den ihm andere Offiziere "wegnahmen", war, dass sich Conrad Hötzendorf bestens in der Region auskannte, denn sowohl sein Vater als auch er hatten bei der Kavallerie in Galizien, in der heutigen Ukraine, gedient und kannten die Schwächen der machtvoll angreifenden, aber von taktischen Kenntnissen oft recht weit entfernten russischen Truppen.