Am Anfang stand ein großer Irrtum. Der deutsche Geograph August Petermann war nämlich davon überzeugt, dass warme Meeresströmungen aus dem Atlantik und dem Pazifik in der Tiefe der Ozeane in die Arktis fließen, am Nordpol an die Oberfläche aufsteigen und dort das Polareis zum Schmelzen bringen.

Diese Überlegung weitergedacht, müsste man also einen Ring aus Eis überwinden, käme in der Nähe des Pols wieder in ein offenes Meer und könnte mit einem Schiff bis zum Nordpol fahren. Petermann präsentierte diese Idee 1865 bei einer Tagung und wollte eine Expedition ausrichten, um seine Theorie überprüfen zu können.

Zwei Offiziere

Carl Weyprecht (1838-1881). 
- © Public domain / via Wikimedia Commons / Urheber unbekannt

Carl Weyprecht (1838-1881).

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Über Umwege erfuhr ein gewisser Carl Weyprecht, ein gebürtiger Deutscher, der bei der österreichischen Marine angeheuert und dort Karriere gemacht hatte, von diesem Plan. Weyprecht war von Petermanns Idee fasziniert und hatte nur noch ein Ziel: Er wollte an der Expedition teilnehmen und so weit wie möglich nach Norden vorstoßen. Dann aber brach der Krieg zwischen Österreich und Preußen aus, die geplante Reise konnte nicht stattfinden und Weyprecht musste einige Jahre - in denen er sich etwa in der Seeschlacht von Lissa auszeichnete - warten, bis er seinen Traum erfüllen konnte.

Julius Payer (1841-1915). 
- © Fritz Luckhardt / Public domain / via Wikimedia Commons

Julius Payer (1841-1915).

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Weyprecht lernte den aus Böhmen stammenden Oberleutnant Julius Payer kennen, der in Südtirol große Teile der Alpen kartographiert und bereits an einer deutschen Expedition nach Grönland teilgenommen hatte. Beide waren voller Abenteuerlust und hatten ein gemeinsames Ziel: die Arktis. Um diesem näher zu kommen, brauchten sie vor allem Geld. Sie konnten zwar einige Sponsoren auftreiben, aber die gesammelte Summe war bei weitem nicht ausreichend.

Den Umschwung brachte ein Abendessen, bei dem Payer zufällig neben dem schwerreichen Grafen Hans Wilczek zu sitzen kam. Wilczek war Feuer und Flamme für die Fahrt ins ewige Eis. Er stellte nicht nur persönlich eine große Summe zur Verfügung, sondern bildete ein hochrangiges Personenkomitee und trieb so noch weitere Sponsoren auf.

Dank Wilczeks Unterstützung konnten Payer und Weyprecht im Sommer 1871 eine Erkundungsfahrt ins Polarmeer durchführen, um die Meeresströmungen und die meteorologischen Verhältnisse zu erforschen. Die beiden kehrten überaus optimistisch von dieser Fahrt zurück. Sie wollten so rasch wie möglich wieder in den hohen Norden, um die Thesen Petermanns vom eisfreien Polarmeer bestätigen zu können, neues Land zu entdecken - und um vielleicht sogar eine Passage nach Asien zu finden, die nördlich an Sibirien vorbeiführt.

Nachdem die beiden von dieser Erkundungsfahrt zurückgekehrt waren, gingen die Vorbereitungen für die eigentliche Expedition los. Eine Reederei in Bremerhaven wurde beauftragt, für die Expedition ein Segelschiff mit Hilfsmotor zu bauen, das nach dem österreichischen Seehelden den Namen "Admiral Tegetthoff" erhielt. Payer, der über große Überzeugungskraft verfügte, reiste herum, um weitere Sponsoren aufzutreiben. Weyprecht pendelte zwischen Bremerhaven und Wien, um den Bau des Schiffes zu überwachen und organisatorische Fragen zu klären. Die Aufgaben für die eigentliche Reise wurden zwischen den beiden schon vor der Abfahrt klar aufgeteilt: Weyprecht sollte zur See, Payer auf dem Land das Kommando führen.

In den Norden

Am 13. Juni 1872 war es endlich so weit, die 38 Meter lange und 7 Meter breite "Tegetthoff" konnte in See stechen. Ihre Mannschaft war ein Abbild der Monarchie, wie Payer notierte: "Die Mannschaft spricht slawisch unter sich und italienisch im Dienst. Das geistige Haupt der kleinen deutschen Colonie ist der Koch, ein Steyrer. Auch ein Mährer gehört ihr an." Dazu kamen zwei Bergsteiger aus dem Passeiertal, die angeheuert wurden, um mit ihrer Erfahrung aus dem Hochgebirge die Expedition zu unterstützen.

Im August traf die "Tegetthoff" im Nordpolarmeer vor der Insel Nowaja Semlja ein Versorgungsschiff, das den Mäzen Hans Wilczek an Bord hatte. Gemeinsam wurde auf den Geburtstag des Kaisers angestoßen, danach trennten sich die Wege wieder. Wilczek kehrte nach Österreich zurück, die "Tegetthoff" nahm Kurs nach Norden.

Die "Tegetthoff" auf 75 Grad nördlicher Breite. 
- © Wilhelm Burger / Public domain, via Wikimedia Commons

Die "Tegetthoff" auf 75 Grad nördlicher Breite.

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Doch just in diesem Jahr waren, wie Weyprecht berichtete, das Wetter und die Eisverhältnisse "unglaublich ungünstig". Schon nach wenigen Tagen wurde die "Tegetthoff" vom Eis eingeschlossen und war nicht mehr manövrierbar. Das Schiff war nun ein Spielball der Elemente und den Strömungen des Meeres ausgeliefert.

Die Polarnacht, die bald darauf einsetzte, machte das Leben an Bord eintönig und der Rhythmus von Essen und Schlafen prägte diese Monate. Payer schrieb: "Mächtig ist der Eindruck der langen Polarnacht auf das Gemüth, der Lichtkreis einer Lampe ist für den Menschen dann die ganze Welt." Jeder Tag brachte mehr Finsternis und je dunkler es wurde, umso kleiner wurde diese Welt für die 24 Männer an Bord. Nur bei Mondlicht konnte die Besatzung von Bord gehen und die Umgebung erkunden, aber auch dann musste sie in der Nähe der "Tegetthoff" bleiben, denn plötzlich aufbrechenden Spalten im Eis hätten die Rückkehr auf das Schiff unmöglich gemacht.

Land in Sicht

Wenigstens war die Versorgung gesichert, es war ausreichend Proviant an Bord. Womit der Koch aber zu kämpfen hatte, war die Kälte. "Stundenlang stehen die Büchsen mit Konservenfleisch im kochenden Wasser um aufzuthauen, was in der Regel nur mangelhaft gelingt", und der mitgebrachte Schinken erinnerte Payer an "den niemals aufthauenden Boden der sibirischen Tundra".

Der psychische Druck stieg, denn die zur Untätigkeit verdammte Mannschaft hatte bis dahin keines der selbst gesetzten Ziele erreicht. Payer notierte: "Es war eine furchtbare Zeit, denn wir hatten, wie es schien, im besten Falle eine Heimkehr nach Europa zu erwarten, deren Erfolg nur die Erhaltung des Lebens war." Weder der folgende Frühling noch der Sommer brachten eine großartige Verbesserung der Lage, denn anders als erhofft gab das Eis die "Tegetthoff" nicht frei.

Am 30. August 1873 herrschte aber plötzlich Aufregung: "Es war um die Mittagszeit, als wir über die Bordwand gelehnt in die flüchtigen Nebel starrten, durch welche dann und wann das Sonnenlicht brach, als eine vorüberziehende Dunstwand plötzlich raue Felszüge fern in Nordwest enthüllte, die sich binnen wenigen Minuten zu dem Anblick eines strahlenden Alpenlandes entwickelten."

Die Hall-Insel, im Vordergrund das Kap Tegetthoff. 
- © CC BY-SA 4.0 / Timinilya / via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Die Hall-Insel, im Vordergrund das Kap Tegetthoff.

- © CC BY-SA 4.0 / Timinilya / via Wikimedia Commons (Ausschnitt)

Das Schiff kam an diesem Tag in die Nähe einer Inselgruppe, von der bis dahin nur wenige norwegische Fischer berichtet hatten und die von ihnen "Rønnbeck-Land" genannt wurde. Schon 1865 hatte der norwegische Kapitän Nils Rønnbeck eine Insel entdeckt, von der er aber glaubte, dass sie Teil von Spitzbergen sei, und die er deswegen "Nordost-Spitzbergen" nannte. Andere Fischer, die nach ihm in den hohen Norden vorgedrungen waren, sahen darin jedoch eine eigenständige Inselgruppe und benannten sie nach Rønnbeck.

Ob schon entdeckt oder nicht, die österreichische Expedition nannte die Inselgruppe zu Ehren des Kaisers "Franz-Josef-Land" - und dieser Name hat sich bis heute gehalten, an Rønnbeck erinnert nichts mehr.

Die unerwartete Entdeckung das Landes sorgte für Jubelstimmung bei der Mannschaft, wie der Maschinist Otto Krisch festhielt: "Bei der Taufe desselben brachte jeder mit einem Glas Wein in der Hand ein dreimaliges Hurah aus." Der Freude folgte aber bald Ernüchterung, denn die so nahe liegende Insel blieb unerreichbar. Das Eis, in dem die "Tegetthoff" eingeschlossen war, war zu weich und brüchig, um einen gefahrlosen Erkundungsmarsch möglich zu machen. Monatelang musste die Besatzung auf den Landgang warten und erst am Allerheiligentag war es so weit. Die Drift hatte das Schiff bis auf drei Meilen an die Insel herangeführt und das Eis war nun stabil genug, um den gefährlichen Gang zu wagen.

"Voll Ungestüm und wilder Aufregung kletterten und sprangen wir über das zu Wellen gethürmte Eis nach Norden", schrieb Payer in seinem Bericht und: "Als wir das Land betraten, sahen wir nicht, daß es nur Schnee, Felsen und festgefrorene Trümmer waren, die uns umgaben, und daß es kein trostloseres Land auf der Erde geben könne als die betretene Insel; für uns war sie ein Paradies."

Weihnachtsfest im Polarwinter. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons

Weihnachtsfest im Polarwinter.

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Für eine genauere Erforschung blieb aber nicht viel Zeit, denn schon bald begann die zweite Polarnacht der "Tegetthoff". Wieder lag, um es mit den Worten Payers zu sagen, für Wochen und Monate die "Stille des Todes über der geisterbleichen Landschaft". Die zweite Polarnacht verlief allerdings besser als die erste, denn "die drückende Vorstellung einer ruhmlosen Rückkunft, die uns den ersten Winter so furchtbar gemacht hat, war nicht mehr vorhanden."

Es sollte 125 Tage dauern, bis die Mannschaft zum ersten Mal wieder die Sonne sehen konnte. Dazwischen brachte wenigstens Weihnachten ein wenig Freude in den Alltag. Die Schiffsglocke rief die Besatzung zur Bescherung und als Geschenke gab es "eine Partie Zigarren, Uhren, Messer, Holzpfeifen, etwas Rum. Höher im Werte als alles andere stand ein Stückchen Seife, ihr Anblick war selten geworden."

Über das Eis

Nach der zweiten Überwinterung gingen Payer und Weyprecht davon aus, dass die "Tegetthoff" weiter im Eis gefangen bleiben würde, und entschieden daher, das Schiff aufzugeben und nach Süden zurückzukehren. Zuvor wollten sie allerdings noch einmal die Inselgruppe erforschen. Payer unternahm mit einigen Männern Landgänge, bei denen sie weiter als jede Expedition zuvor in den Norden vordringen konnten, aber auch Temperaturen von 40 Grad unter null überstehen mussten.

Am 20. Mai wurden schließlich die drei Beiboote der "Tegetthoff" mit allem notwendigen Material gefüllt und auf Kufen gepackt, dann ging es los. Die Mannschaft musste diese Schlitten unter größten Mühen und bei tiefen Temperaturen über das zerfurchte Eis ziehen. Proviant war zwar noch vorhanden, zur Abwechslung gab es aber Leckerbissen wie rohen Speck von Seehunden oder Bärenfleisch, das auch ungekocht gegessen wurde. Weyprecht führte ein Tagebuch, in dem er die Qualen des Marsches aufzeichnete, und beschrieb sich selbst darin als nicht gerade ansehnlich: "Mein Gesicht kann ich nicht sehen, zum Glück, denn es muß gräßlich aussehen. Meine Nase ist infolge von früherem Erfrieren in fortwährender Häutung begriffen und infolge des Kratzens mit Grinden bedeckt."

Umso schockierender war es, als nach sechs Wochen voller Mühsal wieder die "Tegetthoff" am Horizont auftauchte. Eine Drift nach Norden hatte die Expedition zu ihrem Ausgangspunkt zurückgetragen. Einige Matrosen wollten wieder auf das Schiff zurück, doch in einer heroischen Ansprache und mit der Bibel in der Hand soll Weyprecht die Mannschaft aufgefordert haben, sich wieder auf den Weg nach Süden zu machen. Payer hielt diese dramatische Szene später in dem Monumentalgemälde "Nie zurück!" fest, das heute im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien zu sehen ist.

Der Auftritt war überzeugend, die Männer setzten ihren Marsch fort. Auch das Glück war ihnen nun gewogen, denn die Strömung wechselte ihre Richtung und trug sie nach Süden. Außerdem war die Eisgrenze in diesem Sommer weit nach Norden gewandert, sodass die Expedition bald das offene Meer erreichte. In den kleinen Booten ging es zurück nach Nowaja Semlja, wo sie 96 Tage nach dem Abschied von der "Tegetthoff" von russischen Schiffen aufgenommen und ans Festland gebracht wurden. Nur ein einziger Mann war während der zwei Jahre im Eis verstorben und so konnte Weyprecht als erstes Lebenszeichen ein Telegramm in die Heimat schicken: "Große Landentdeckung, Schiff verlassen ... Mannschaft vortrefflich bewährt."

Am 25. September 1874 zogen Payer, Weyprecht und ihre Männer im Triumph durch Wien, eine begeisterte Menge erwartete die Expedition am Bahnhof und säumte die Straßen der Stadt. "Welch wonniges Gefühl mussten sie empfinden, als sie den allgemeinen Jubel sahen", schrieb eine Zeitung über den Trubel.

Doch bald folgte die Ernüchterung. Während die Forscher in der Heimat und im Ausland Orden und Auszeichnungen aller Art erhielten, kamen im österreichischen Offizierskorps Gerüchte auf, dass das "Franz-Josef-Land" gar nicht existiere. Payer nahm gekränkt seinen Abschied von der Armee, studierte Malerei und lebte als durchaus erfolgreicher Künstler in Frankfurt und Paris. 1915 starb er, von der Öffentlichkeit weitgehend vergessen, in Slowenien.

"Bärenjagd auf Franz-Josef-Land": Gemälde von Julius von Payer. 
- © Public domain / via Wikimedia Commons

"Bärenjagd auf Franz-Josef-Land": Gemälde von Julius von Payer.

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Weyprecht hingegen blieb der Forschung verbunden und initiierte gemeinsam mit dem Mäzen Hans Wilczek das internationale Polarjahr, das er allerdings nicht mehr erleben sollte. Er starb 1881 im Alter von nur 43 Jahren.

Wer aber glaubt, dass die gemeinsam überstandenen Abenteuer in der Arktis Payer und Weyprecht zusammengeschweißt hatten, täuscht sich. Schon bald nach der Rückkehr war es zum Bruch zwischen den beiden Expeditionsleitern, deren Charaktere sehr unterschiedlich waren, gekommen. Payer kommt in vielen Darstellungen nicht sehr gut weg, er wird als egoistisch beschrieben und soll alles unternommen haben, um seinen eigenen Anteil an der Expedition herauszustreichen. Schon in der Arktis war es immer wieder zu Konflikten zwischen den beiden gekommen, weil Payer oft kapriziös gewesen sein soll und seinen Willen durchsetzen wollte. In einem Fall soll ihn Weyprecht gar erst mit gezogenem Revolver zur Raison gebracht haben.

Spuren Österreichs

Zu dieser Darstellung passt auch, dass sich der als nüchtern und bescheiden beschriebene Weyprecht ganz der Forschung widmete und im Hintergrund hielt, während Payer unter großem Interesse der Öffentlichkeit seine Erinnerungen an die Polarfahrt veröffentlichte.

Wie dem auch sei: Mit den Namen, welche die Expedition den neu entdeckten Inseln gegeben hat, sind bis heute österreichische Spuren in der Arktis geblieben. Graf Wilczek, der größte Sponsor der Reise, wurde gleich doppelt verewigt, denn die "Wilczek-Insel", auf der die Expedition erstmals Land betrat, und das "Wilczek-Land", die zweitgrößte Insel des Archipels, erinnern an ihn. Daneben gibt es etwa noch den "Austria-Sund", das "Kap Tirol" und die Insel "Wiener Neustadt", die so benannt wurde, weil Payer dort die Militärakademie besucht hatte.

All diese Namen könnten in Zukunft geläufiger werden. Die Inselgruppe bleibt zwar sehr abgelegen, das Meer rund um sie könnte aber in Zukunft für die Schifffahrt an Bedeutung gewinnen. Durch den Klimawandel schmilzt das polare Eis, die Zeitfenster, in denen die Route zwischen Europa und Ostasien passierbar ist, stehen länger offen und so wird dieser Weg wirtschaftlich immer wichtiger. Der Traum der österreichischen Entdecker, eine Passage nach Asien zu finden, wird nach 150 Jahren also Wirklichkeit.