Mit der am 1. Jänner 1922 vollzogenen Trennung von Niederösterreich und der Entstehung eines eigenen Bundeslandes Wien verstärkte die seit 1919 bestehende sozialdemokratische Stadtregierung ihre Reformen vor allem im Bereich des Sozialen respektive des Gesundheitswesens. Mit dem Bundesländerstatus war es nun möglich, eigenständig neue Steuern einzuführen, was Finanzstadtrat Hugo Breitner für eine Änderung der Verteilung der Steuerlast ausnützte.

Somit und durch den Finanzausgleich auf Bundesebene konnte auch eine neue Grünflächenpolitik umgesetzt werden. Sie fokussierte auf das "soziale Grün", denn auch ärmere Schichten der Bevölkerung sollten nun Grünflächen zur Erholung, zu Sport und Spiel erhalten. So kann man 1922 als jenes Jahr bezeichnen, in dem der Startschuss für die Errichtung zahlreicher städtischer Parkanlagen erfolgte.

Kurz nach 1900 waren unter der christlich-sozialen Stadtregierung mehrere größere Parkanlagen in Wien entstanden, wie etwa der elf Hektar große Maria-Josefa-Park (1904) und der kleinere Arenbergpark (1906). Eigen ist all diesen und früher entstandenen Anlagen das Fehlen von Spielflächen.

Der einstige Gartenbezirksleiter für Währing und Döbling und ab 1927 als Wiener Stadtgartendirektor tätige Fritz Kratochwjle (1882-1956) kritisierte 1931 rückblickend die eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten in diesen städtischen Grünanlagen, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden waren: "Mit Ausnahme eines größeren Platzes mit vielen Bänken und einem Hügel Sand in der Mitte für die Kinder, war alles nur zum Spazierengehen und zur Augenweide hergerichtet."

Bäder & Sonnenbäder

Die städtischen Gärten dieser Zeit boten seiner Sicht zufolge "mehr dem Auge Gelegenheit zur Erholung als dem Körper die Möglichkeit gesunder Bewegung in Spiel und Sport, wie wir dies heute von Volksparks verlangen". Man war laut Kratochwjle noch weit davon entfernt, die "Bedeutung der öffentlichen Gartenanlagen für die Förderung der Volksgesundheit ganz zu erfassen".

Mit der sozialdemokratischen Stadtregierung änderte sich die inhaltliche Ausrichtung der städtischen Parks. Dies zeigt sich exemplarisch an mehreren Kinderfreibädern, die zwischen 1925 und 1929 in bestehenden und neu angelegten Parks errichtet wurden. Mit den Freibädern wollte man eine "sozialhygienische" Maßnahme umsetzen, die einen großen Anteil an der "Ertüchtigung des Körpers und der Kräftigung der Gesundheit unserer Jugend" haben solle, wie Kratochwjle formulierte. Es galt: "Was die Stadt für die Erbauung dieser Bäder ausgibt, das wird sie an den Kosten für Spitäler ersparen können" - so hieß es im "Verwaltungsbericht der Bundeshauptstadt Wien 1923-1928".

Das 1926 errichte Kinderfreibad im Türkenschanzpark. Aus: "Die Kinderfreibäder der Stadt Wien", 1926. 
- © Sammlung Hlavac

Das 1926 errichte Kinderfreibad im Türkenschanzpark. Aus: "Die Kinderfreibäder der Stadt Wien", 1926.

- © Sammlung Hlavac

Zu jener Zeit wurden auch Sonnenbäder empfohlen, gerade für Kinder. In den zeitgenössischen Schriften und Publikationen über öffentliche Parks fehlte selten der Hinweis auf die große Bedeutung der öffentlichen Gartenanlagen für die "Volksgesundheit". Dies zeigt, dass das öffentliche Grün als Teil der sozialen Frage erkannt wurde.

Der damalige Dauerkonflikt zwischen den national-konservativen Parteien im Bund und dem "Roten Wien" wird auch in Zeitungsartikeln über städtische Grünflächen deutlich. So heißt es etwa in der "Arbeiter-Zeitung" im Februar 1928 über den Bau eines Kinderfreibades am Franz-Josefs-Kai: "Der Bund verhindert, die Gemeinde baut. Die Innere Stadt bekommt doch ein Kinderfreibad." Ursprünglich war nämlich seitens der Stadt geplant gewesen, im Volksgarten ein Kinderfreibad zu errichten. Da diese Grünanlage jedoch dem Bund als Eigentümer gehörte und dieser einen Bau einer solchen Anlage ablehnte, suchte die Stadt einen neuen, geeigneten Platz. Sie fand ihn im östlichen Teil der öffentlichen Gartenanlagen am Franz-Josefs-Kai.

Für die Gesundheit

Am 8. Juli 1928 gab sich Bürgermeister Karl Seitz bei der Eröffnung des Bades, das ein rund 20 Meter langes Becken aufwies, kämpferisch: "Wir werden uns nicht abbringen lassen, unsere Steuerpolitik fortzusetzen und Werke zu schaffen, die vor allem dazu dienen, unser Volk, unsere Jugend gesund und tüchtig zu machen. Wir halten unbeirrt fest an unserer Wohnbaupolitik, an der Schulreform und an der Körperkultur unserer Kinder."

Die Gesundheitsförderung von Erwachsenen und Kindern sowie die Steigerung der Arbeitsfähigkeit in Form von systematischer Erholung standen im Fokus. Dies wird auch bei einer weiteren Rede ersichtlich, die Karl Seitz am selben Tag bei der Eröffnung des Floridsdorfer Wasserparks hielt:

"Gartenanlagen sind nicht nur eine Notwendigkeit für die arbeitenden Menschen, die in ihren Feierstunden Erholung suchen, sie gehören insbesondere den Kindern, die in Sonne, Luft und Wasser gedeihen sollen und die wir inmitten farbenprächtiger Blumen zum Verständnis für die Natur erziehen wollen." Dementsprechend wurden im Wasserpark für die Kinder ein "wildes Bad" zum Plantschen an einem kleinen Teich sowie Spielwiesen, ein Spielplatz und eine Milchtrinkhalle geschaffen.

Das Portal des 1923 eröffneten Währinger Parks. 
- © Christian Hlavac

Das Portal des 1923 eröffneten Währinger Parks.

- © Christian Hlavac

Dass Parks den Kindern und der Jugend als Bewegungs- und Tummelplatz dienen sollten, wird auch am Beispiel des Währinger Parks sichtbar: Dort wurde eine zweigeteilte Rasenfläche angelegt, die - im Oktober 1926 eröffnet - abwechselnd zur Benutzung als Spielrasen freigegeben wurde. Der im selben Jahr eröffnete Haydnpark in Meidling erhielt ebenfalls einen Turn- und Sportplatz.

Bei der Errichtung zahlreicher neuer städtischer Parkanlagen folgte man dem Credo Fritz Kratochwjles, publiziert 1931 in seinem Buch "Die städtischen Gärten Wiens": Es sollen große Freiflächen geschaffen werden, "die der Ruhe und Erholung dienen, aber auch zur freien körperlichen Betätigung in Spiel und Sport Gelegenheit bieten". Sein Ziel war es, der Bevölkerung in den Parks Flächen zur Bewegung, zum Spielen, zum Turnen und Baden zur Verfügung zu stellen.

Einen deutlichen Schwerpunkt legte das Wiener Stadtgartenamt bei den öffentlichen Parks der 1920er und frühen 1930er Jahre daher auf Spielwiesen, Kinderfreibäder und Sportplätze. Der Stadtgartendirektor verlangte für die größeren Grünflächen die Errichtung von "Wiesentummelplätzen", Sandspielplätzen, Planschbecken oder Kinderfreibädern, Sportplatzanlagen und schattigen Ruheplätzen. Kratochwjle selbst nahm diese von ihm formulierten Ziele durchaus auch als Planer ernst, wie ein Blick auf die in jener Zeit von ihm geplanten Grünanlagen in den Bezirken Währing und Döbling zeigt. Jedenfalls waren öffentliche Parks in Wien nicht mehr nur dekorative Elemente in der Stadt, sondern hatten nun einen ersichtlichen praktischen Nutzen, vor allem für Kinder.

Friedhöfe neu genutzt

Neben der Erhaltung bestehender Anlagen und der Schaffung vollständig neuer Anlagen, wie beispielsweise des Hartäckerparks (1924), trat in der Wiener Grünraumplanung in den 1920er Jahren ein entscheidender Wandel ein: durch die Umgestaltung von aufgelassenen Ortsfriedhöfen in den ehemaligen Vororten zu öffentlichen Parkanlagen. Hier sind als Beispiele der Währinger Park (1923), der Waldmüllerpark (1923) und der Strauss-Lanner-Park (1928) zu nennen.

Der Vorteil für die damalige Stadtregierung: Die Ortsfriedhöfe waren nach der Eröffnung des Zentralfriedhofes (1874) schrittweise aufgelassen worden und mussten niemanden abgekauft werden. Gleichzeitig lagen die relativ großen Areale - obwohl aus hygienischen Gründen einst weit von einer Besiedelung entfernt - in den meisten Fällen nun mitten in bebautem Gebiet und nahe bei großen Gemeindebauten. Dass bei dieser Umgestaltung fast alle Gräber zerstört wurden und somit Kulturgut vernichtet wurde, nahm man billigend in Kauf. Andererseits lag mit dem 1924 beschlossenen Wiener Parkschutzgesetz ein wichtiges Regularium vor, mit dem alle öffentlichen und auch zahlreiche größere private Parks und Gärten vor jeder Verbauung geschützt wurden.

Entwurf für den Herderpark. Aus: "Die städtischen Gärten Wiens", 1931. 
- © Sammlung Hlavac

Entwurf für den Herderpark. Aus: "Die städtischen Gärten Wiens", 1931.

- © Sammlung Hlavac

Dass nicht alle neuen Parks in dieser Zeit über einen Kamm geschoren wurden, zeigen zwei Beispiele: Der Herderpark in Simmering war zum Errichtungszeitpunkt mit 3,8 Hektar Fläche der größte Park des südlichen Wiener Stadtgebietes. Die im Mai 1930 eröffnete Grünfläche stand und steht noch heute inmitten kommunaler, zwischen den Jahren 1923 und 1926 errichteter Wohnbauten. Wie in vielen Wiener Parkanlagen baute man auch dort ein Kinderfreibad. Der laut Kratochwjle "schönste Teil" des Parks war einst der "Obstblütengarten" mit 3.000 Sträuchern und Bäumen; an diesen anschließend lag der Fliedergarten. Hier dominierte die Zier.

Botanisch-ästhetisch

Einen wesentlichen Teil nahm der 5.000 Quadratmeter große vertiefte Jugendspielplatz ein, der durch einen schmalen Weg in zwei gleiche Hälften geteilt wurde und der Bewegung der Kinder und Jugend vorbehalten war. Zwischen dieser Fläche und dem Kinderfreibad plante das Stadtgartenamt ein intim wirkendes Rosenparterre. Wir sehen: Mit dem Entwurf versuchte man, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden und die Zierfunktion des Parks für die Erwachsenen nicht ganz aufzugeben.

Diese "botanisch-ästhetische" Komponente fehlte dem Hartäckerpark in Döbling, der 1953 in Hugo-Wolf-Park umbenannt wurde. Auf einer einstigen Sandabbaufläche entstanden, vergrößerte man den 1924 eröffneten Park bis 1928 mehrmals. Die Stadtpolitik war stolz auf das am 17. Juli 1928 eröffnete Kinderfreibad, das noch heute ein sichtbares Zeichen der Planungspolitik des "Roten Wien" ist. Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren konnten es - wie alle anderen 17 Wiener Kinderfreibäder jener Zeit - unentgeltlich benutzen. Es wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach seinem Wiederaufbau 1947 neu in Betrieb genommen. Es ist als eines der wenigen Kinderfreibäder der Zwischenkriegszeit noch immer in Betrieb.

Im Gegensatz zu anderen Parks jener Zeit gab es jedoch keinen Spielplatz oder Sportflächen für die Jugend. Sitzbänke mit Blick auf die Hausberge Wiens waren prägend. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg errichtete man eine Sandkiste und einen Kinderspielplatz, der erst zur letzten Jahrhundertwende durch einen zweiten ergänzt wurde. Fritz Kratochwjle hätte dies sicher gefallen.