Am 24. Juni 1922 gegen elf Uhr vormittags rollte ein Cabriolet der noblen Marke NAG auf der Königsallee im Berliner Grunewald stadteinwärts. Im Fond mit dem geöffneten Dach saß der deutsche Außenminister - groß gewachsen, allseits bekannt, von Leibwächtern nicht geschützt. Ein gleichfalls offenes Auto kam herangerast, darin standen zwei junge Männer in Ledermänteln. Der eine warf eine Eierhandgranate, der andere eröffnete aus nächster Nähe das Feuer. Von neun Schüssen getroffen, brach der vierundfünfzigjährige Politiker zusammen.

So endete das Leben Walther Rathenaus. In den Tagen nach seiner Ermordung defilierten Zehntausende an der aufgebahrten Leiche vorbei, es kam zu eindrucksvollen Reden im Reichstag und im ganzen Land wurden Sympathiekundgebungen für den getöteten Politiker und die junge deutsche Demokratie abgehalten.

Nur fünf Monate lang, von Februar bis Juni 1922, war Rathenau als Außenminister der Weimarer Republik tätig. Als Mitglied der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) war er vom Reichskanzler Joseph Wirth, einem Politiker der christlichsozialen Zentrumspartei, in die Regierung geholt worden. Der Höhepunkt seiner kurzen Amtszeit war die internationale Konferenz von Genua im April, auf der Rathenau eine viel beachtete Rede hielt.

"Erfüllungspolitik"

Aber während er in Genua die Westmächte davon überzeugen wollte, dass die Weimarer Republik ein verlässlicher Partner sei, unterzeichnete er (wenn auch mit Bedenken) im benachbarten Rapallo einen Vertrag mit der neu gegründeten Sowjetunion, den wechselseitigen Verzicht auf allfällige Ansprüche auf Reparationen betreffend. Die Westalliierten beobachteten diese Annäherung höchst misstrauisch, und es wäre wohl die nächste große Aufgabe des Außenministers gewesen, Deutschlands Annäherung an Russland mit der Westöffnung in Einklang zu bringen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Walther Rathenau, als Außenminister 1921. 
- © Bundesarchiv, Bild 183-L40010 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

Walther Rathenau, als Außenminister 1921.

- © Bundesarchiv, Bild 183-L40010 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

In Deutschland selbst musste sich Rathenau, der durchaus kein Linker war, vor allem gegen rechts verteidigen. Er war bereit, die harten Auflagen des Versailler Vertrags, die er 1918 noch vehement abgelehnt hatte, im Grundsatz zu akzeptieren, versuchte aber zugleich, den Vertragstext durch Verhandlungen mit den Siegermächten zu modifizieren.

Genau diese Position war der antidemokratischen Rechten als "Erfüllungspolitik" (in ihren Augen: Feigheit vor dem Feind) verhasst. Schon 1921 war der Zen-trumspolitiker Matthias Erzberger ermordet worden. Er hatte 1918 die Waffenstillstandsvereinbarung mit Frankreich unterschrieben, was den enttäuschten Frontkämpfern als der entscheidende "Dolchstoß" erschienen war, der ihre illusionären Siegeshoffnungen zunichtegemacht hatte.

Nun geriet Rathenau in ihr Schussfeld. Er wurde nicht nur aus politischen Gründen verfolgt, sondern auch aus rassistischem Ressentiment, wie ein damals kursierender Spottvers in bestialischer Dummheit kundtat: "Knallt ab den Walther Rathenau / die gottverdammte Judensau."

Die beiden Männer, die diesen Befehl ausgeführt haben, Erwin Kern und Hermann Fischer, wurden am 17. Juli auf der Burg Saaleck in Sachsen-Anhalt von der Polizei gestellt. Kern wurde von der Polizei erschossen, Fischer tötete sich selbst. Sie waren Mitglieder der "Organisation Consul", einem konspirativen Bund, der sich vor allem aus ehemaligen Reichswehr-Offizieren rekrutierte. Der verfolgte das Ziel, die Weimarer Demokratie durch gezielte Mordanschläge zu destabilisieren, auch Erzberger zählte zu seinen Opfern.

Grenzen des Prozesses

Im Oktober 1922 wurden in Leipzig dreizehn "Consul"-Männer vor Gericht gestellt und der Beihilfe zum Mord an Rathenau angeklagt, darunter Ernst Werner Techow, der Lenker des Tatwagens. Die Möglichkeiten und Grenzen dieses Prozesses kommentiert Thomas Hüetlin in seinem neuen Buch zum Thema mit dem knappen Satz: "Oberstaatsanwalt Ludwig Ebermayer war gewillt, harte Strafen zu verhängen, hielt sich aber auffällig zurück, als es darum ging, das Wirken der Drahtzieher im Hintergrund und die Natur der Organisation Consul zu beleuchten."

- © Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

In der Tat konnten sich die Untergrundkämpfer auf stillschweigende Unterstützungen aus dem Reichstag und aus manchen Ministerien verlassen. Wer darüber mehr erfahren will, findet gehaltvolle Informationen in Hüetlins historischer Kriminalreportage. Hier soll es nun nicht weiter um die beiden Mörder gehen, sondern um den bedeutenden Mann, der ihrem Hass zum Opfer fiel.

Walther Rathenau wurde 1867 in einer assimilierten jüdischen Familie in Berlin geboren. Seine Mutter Mathilde, geborene Nachmann, war kulturell und literarisch interessiert, sein Vater, Emil Rathenau, war Ingenieur und Unternehmer, der zunächst im Maschinenbau tätig war, dann aber das Zukunftspotential der neuen Elektrizitäts-Technologie erkannte. 1883 kaufte Rathenau senior von Thomas Alva Edison die deutschen Patentrechte für die Glühbirne und gründete die "Deutsche Edison-Gesellschaft". 1887 nannte er seinen Betrieb "Allgemeine Electrizitätsgesellschaft" und legte damit den Grundstein für jenen Weltkonzern, der enorm schnell expandierte und unter dem Kürzel AEG bis heute aktiv ist.

Der älteste Sohn des Firmengründers ähnelte der Mutter, las viel, zeichnete, spielte Klavier, schrieb Gedichte. Die Eltern vermuteten, dass er eine Karriere als Wissenschafter oder Künstler einschlagen werde. In der kultivierten Welt des wohlhabenden deutschen Judentums galt Geist genauso viel wie Geld, und manch eine finanzkräftige Familie ermöglichte einem der ihren ein Leben als Privatgelehrter (der berühmteste ist wohl der Hamburger Bankierssohn Aby Warburg, der seine Existenz als Kulturwissenschafter ganz und gar durch familiäre Zuwendungen finanzieren konnte).

Rathenau im Jahr 1891 als Vizewachtmeister im Garde-Kürassier-Regiment. 
- © Unbekannter Photograph, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Rathenau im Jahr 1891 als Vizewachtmeister im Garde-Kürassier-Regiment.

- © Unbekannter Photograph, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Aber Rathenau wählte einen anderen Weg. Die hervorragende Biographie von Shulamit Volkov vermittelt den Eindruck, dieser ehrgeizige Sohn aus privilegiertem Haus habe nichts so sehr gefürchtet wie den Vorwurf, er mache es sich zu leicht. Damit dieser Verdacht gar nicht erst aufkommen konnte, folgte er dem höchst anspruchsvollen Lebensplan: Entfalte alle deine Fähigkeiten, und werde überall der Beste!

"Aufsichtsrathenau"

Walther Rathenau studierte Physik, Chemie, Philosophie und Maschinenbau. Zugleich blieb er zeitlebens ein talentierter Zeichner und ein gewandter Pianist, er war ein Förderer der modernen Kunst und ließ sich 1907 von Edward Munch porträtieren. Vor allem aber führte er das durchorganisierte Leben eines mächtigen Industrie- und Finanzmagnaten. Zwar wurde er nach dem Tod des Vaters im Jahr 1916 nicht zu dessen Nachfolger ernannt, aber sein Einfluss wuchs stetig, sodass er schließlich in 86 inländischen und 21 ausländischen Aufsichtsräten saß (was ihm den Beinamen "Aufsichtsrathenau" eintrug).

Neben die ökonomische Kompetenz trat die politische Ambition. Im Kaiserreich war er regelmäßig als Berater der hohen Politik tätig, Wilhelm II. höchstselbst erörterte mit ihm ökonomische und außenpolitische Fragen. Am Beginn des Ersten Weltkriegs bewährte sich Rathenaus ungewöhnliches Organisationstalent, als er in wenigen Monaten eine effiziente Behörde zur Beschaffung und Verteilung wichtiger Rohstoffe aufbaute.

Ein Ministeramt, das er sich durchaus zutraute, war ihm jedoch in der Monarchie seiner jüdischen Herkunft wegen verwehrt. Vielleicht stellte er sich deshalb der neu gegründeten Republik so bereitwillig als Minister zur Verfügung, obwohl er von vielen Seiten - unter anderem von seiner betagten Mutter - vor diesem für einen Juden lebensgefährlichen Amt gewarnt worden war.

Bei all seinen Aktivitäten fand Rathenau jedoch immer wieder die Zeit, ausführliche Abhandlungen zu ökonomischen, politischen und kulturellen Fragen zu schreiben. Seine Bücher "Zur Kritik der Zeit" (1912), "Zur Mechanik des Geistes oder Vom Reich der Seele" (1913) und vor allem "Von kommenden Dingen" (1916) waren viel gelesene Zeitdiagnosen. Rathenau verkündete die Vision einer "menschlichen Gemeinschaft, die nicht eine Zweckvereinigung bedeutet, sondern eine Heimat der Seele" (wie er in "Von kommenden Dingen" schrieb). Dafür wurde er von seinen Verehrern als zukunftsweisender Utopist bewundert, während Kritiker seine idealistischen Gesellschaftsentwürfe als Träumereien eines wohlhabenden Dilettanten abtaten.

Vorbild für Musil

Einer, der Rathenau mit aufmerksamer Hassliebe beobachtete, war der österreichische Romancier Robert Musil. In dessen Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" beunruhigt der preußische Dr. Arnheim die Wiener Salons durch profundes Wissen und herrenhaftes Auftreten. Es ist bekannt, dass Rathenau das Vorbild für diesen Dr. Arnheim ist.

Einmal schreibt Musil über ihn: "Er war ein Mann großen Formats. Seine Tätigkeit breitete sich über Kontinente der Erde wie des Wissens aus. Er kannte alles: die Philosophen, die Wirtschaft, die Musik, die Welt, den Sport. Er drückte sich geläufig in fünf Sprachen aus. Die berühmtesten Künstler der Welt waren seine Freunde, und die Kunst kaufte er am Halm, zu noch nicht hinaufgesetzten Preisen. Er verkehrte am kaiserlichen Hof und er unterhielt sich mit Arbeitern."

Diese Sätze belegen, dass Walther Rathenau eine eminente Figur der Zeit- und Kulturgeschichte gewesen ist. Immer tonangebend, immer umstritten, immer interessant, befriedigte er sogar Klatschbedürfnisse: Warum sah man den eleganten Mann mit den gepflegten Manieren nur selten in Gesellschaft einer Frau? War er vielleicht den Männern gewogener? Manches wurde gemunkelt, aber niemals Sachdienliches in Erfahrung gebracht.

Denn so begabt Rathenau als Kommunikator war, so gut verstand er sich auf die Geheimhaltung. Aus diesem Grund werden wir auch niemals wissen, warum er sich am 24. Juni 1922 sehenden Auges in Lebensgefahr begab, indem er mit offenem Wagen durch Berlin fuhr, als ob ihm nichts geschehen könnte.