Die Form bestimmte schon beim berühmtesten Tiroler den Inhalt. Die Fenster und Türen des Sandwirt-Hauses schienen dem Wiener Hofkammerbeamten und ersten Weitwanderer Joseph Kyselak "höher als bei gewöhnlichen Dorfwohnungen Tirols", als dieser 1825 auf seiner "Fußreise" durch Österreich im Südtiroler Passeiertal Station machte und das Haus von Andreas Hofer inspizierte. "Größere Ideen mochten seinen Erbauer beseelen", schloss Kyselak von der Architektur auf den Charakter seines Bewohners.

Im Unterschied zu den Kleinhäuslern, die gebückt durch ihre Türen gehen müssen, erinnerte Hofers Wirtshaus "nicht immer an das Zusammengerückte und Verschrumpfte". Von dieser Weite erfüllt, konnte "der unglückliche Andreas seine heitere Wohnung nicht durch das krumme Joch der Sklaverei zum Schafstalle pressen lassen, er fiel, aber der Tod bewies die Größe seines Ruhms!"

Fünfzehn Jahre war Andreas Hofer tot, als Kyselak in Passeier recherchierte, das Haus besichtigte, "das den schlummernden Heroen umfasste zum fürchterlichen Erwachen für des bedrängten, ewig geliebten Kaisers Wohl". Im Winter nach dem Katastrophenjahr 1809 wurde der treue Hofer, der Sandwirt Hofer stehend, sehend "zu Mantua in Banden" exekutiert. Die Tiroler Landeshymne erinnert an dieses Fanal und erneuert den Aufruf "Mit ihm das Land Tirol!"

Gründungsmythen

Bis heute in Szene gesetzt wird der Idealtypus des wackeren, unerschrockenen, gottesfürchtigen Tirolers von den Schützenverbänden. "Was wäre Tirol zum Beispiel ohne Schützen, Musik und Trachten - ein armes Land", sagte der sich nach den Wahlen an diesem Wochenende aus dem Amt verabschiedende Tiroler Landeshauptmann Günther Platter in einer Eröffnungsrede zum Thema Identität beim Europäischen Forum Alpbach. Ein anderer Landeshauptmann, Wendelin Weingartner, nannte die Hofer-Tugenden "Abwehren und Standhaftsein" als immer aktuell, wenn neue Bedrohungen der Heimat - zum Beispiel, wenn es bei EU-Verhandlungen um Transit, Bauern, Grund und Boden gehe - abzuwehren seien.

Gedenktafel im Innenhof des Palazzo d'Arco in Mantua, wo der Prozess stattfand, der mit dem Todesurteil für Andreas Hofer endete. 
- © memedesimo, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

Gedenktafel im Innenhof des Palazzo d'Arco in Mantua, wo der Prozess stattfand, der mit dem Todesurteil für Andreas Hofer endete.

- © memedesimo, CC BY-SA 2.0 via Wikimedia Commons

"1809 und Andreas Hofer spielen in Tirol nach wie vor eine bedeutende Rolle", bestätigt die Tiroler Historikerin Brigitte Mazohl. "Das geht über die reinen Ausrückungen hinaus, ist nicht nur eine veranstaltungsbezogene ‚Verkleidung‘, sondern gehört zum Selbstbild der Schützen. Der Mythos vom ‚Freiheitskampf‘ fügt sich ein in ein Bild, das alle Nationen gerne von sich zeichnen: Alle sind gern freiheitsliebend, besser, tüchtiger als die anderen. Gründungsmythen sind überall ähnlich: mit tapferen Helden ausgestattet und mit hochgefeierten Siegen und Niederlagen."

Mazohl, in Bozen geboren, forschte und lehrte bis zu ihrer Emeritierung 2015 am Institut für Geschichtswissenschaften der Universität Innsbruck und leitete danach die philosophisch-historische Klasse an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Im Rahmen der Vorlesungsreihe "Akademie in den Bundesländern" präsentierte sie diesen Sommer in Galtür ihre These "Die Erfindung des Tirolers und der Verlust seiner südlichen ‚Artgenossen‘".

Generell sei das Klischee vom wehrhaften, freiheitsliebenden, gottesfürchtigen Tiroler erst im 19. Jahrhundert entstanden, erklärt Mazohl: "Vor allem im Kulturkampf in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es in Tirol wichtig, auf die immer schon bestehende ‚Glaubenseinheit‘ zu verweisen: Wir waren immer schon einheitlich katholisch, ein ‚heiliges Land‘, ein eigenständiges Land ... Alle diese Dinge entstehen als Diskurs zur Abwehr modernistischer Bestrebungen, sowohl aus Wien, wie auch aus München."

Schon im 18. Jahrhundert habe man sich in Tirol gegen Auflagen aus Wien gewehrt. Bereits die josephinischen Reformen kamen in Tirol nicht gut an. "Bei diesem Widerstand hat man sich immer auf die frühere Selbstständigkeit als eigenständige Gefürstete Grafschaft mit ihren Sonderrechten und Privilegien berufen", sagt Mazohl, "diese Eigenständigkeit war im 19. Jahrhundert endgültig passé und Tirol wurde von Wien aus mitregiert."

Der "sogenannte Freiheitskampf 1809" habe das Tiroler Selbstbild verstärkt. Dass die Historikerin den Begriff unter Anführungszeichen setzt, begründet sie damit, dass zur damaligen Zeit niemand den Terminus gebrauchte: "Die Tiroler selber haben sich damals als ‚Insurgenten‘, also als Aufständische, bezeichnet. Die Zuschreibung als ‚Freiheitskampf‘, als der er dann glorifiziert wurde, obwohl er ja mit einer Niederlage endete, stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es war ein Tiroler Aufstand gegen die damals legitime, da vertraglich abgesegnete bayerische Herrschaft, die allerdings als illegitim erlebt wurde, kombiniert mit dem Krieg Österreichs gegen Frankreich."

Der Wiener Hof habe den Tiroler Widerstand für seine eigene Sache benützt, sagt Mazohl, und die Tiroler hätten leider bis zum bitteren Ende weitergekämpft: "Über den zum Märtyrer stilisierten Hofer hinaus hat dieses erbitterte Weiterkämpfen der Tiroler - die Bayern mussten im April, Mai und August 1809 dreimal abziehen - dazu beigetragen, das Bild vom unerschrockenen, niemals aufgebenden Tiroler ins Leben zu rufen."

Immer wieder Konflikte

Nach den Grenzverschiebungen im Gefolge des Ersten Weltkriegs 1919 kam es zur Verknüpfung mit der Südtirol-Frage: "1809 ist im kollektiven Gedächtnis gar nicht mehr als Kampf gegen Bayern und Franzosen erinnert worden, sondern als Kampf gegen die ‚treulosen‘ Italiener, die Österreich verraten und dafür Südtirol kassiert haben."

Ein Sujet, das in Tirol präsent ist. Als im Gefolge des Transitstreits die Südtiroler und Trentiner Wirtschaft Ausnahmen von den Tiroler Lkw-Fahrverboten für ihre Regionen verlangte, wetterte der Nordtiroler Transitforum-Obmann Fritz Gurgiser: "Andreas Hofer wurde nicht umsonst im Süden und nicht im Norden Tirols verraten. Anscheinend hat sich nichts geändert - nur die Namen und die Waffen sind heute der Auspuff und das Dröhnen der Laster." Eine andere Stoßrichtung, aber dieselbe historische Schablone verwendete ein Politiker der Sozialdemokratie, als er das wahltaktische Verhalten eines VP-Landeshauptmanns kritisierte, der im Transitstreit "in Andreas-Hofer-Manier Feinde in Wien und Brüssel suchen" würde.

Tirol-Intimus Felix Mitterer lässt in einer Szene seiner "Piefke-Saga" Heinrich Sattmann, den Serien-Piefke aus der Generation Stalingrad, den Tirolern einen Spiegel vorhalten: "Wir deutschen Urlauber fühlen uns sauwohl in Lahnenberg", beginnt Großvater Sattmann seine Ansprache bei der Preisverleihung nach einem Armbrust-Biathlonrennen: "Weil man noch an den alten Werten festhält", begründet Sattmann das Sauwohlsein, "weil hier die Männertugenden noch hochgehalten werden. Ich verweise nur auf das Schützenwesen: Ihr lieben Tiroler, lasst euch nicht ankränkeln von des Gedankens Blässe. Ihr lieben Tiroler steht mit beiden Beinen fest in eurer Heimaterde. Ihr lieben Tiroler seid zurzeit wirklich die besseren Deutschen, wir können von euch lernen."

Gedenktafel in einem ehemaligen Gefängnis in Neumarkt in Südtirol. 
- © HaSt, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Gedenktafel in einem ehemaligen Gefängnis in Neumarkt in Südtirol.

- © HaSt, CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Diese von Sattmann unterstellte Selbstgewissheit und Sicherheit, eindeutig zu wissen, wer Freund, wer Feind ist, was gut für Land und Leute ist, lässt Brigitte Mazohl für die Wirren des 1809er-Jahres nicht gelten. Die Rede davon, dass alle "wie ein Mann" aufgestanden seien, nennt sie einen Mythos: "In Wirklichkeit hat es immer wieder Konflikte - auch abhängig vom sozialen Status der Anführer - gegeben: Soll man nachgeben, Frieden schließen, oder doch weiterkämpfen? Wer hat letztlich das Sagen? Auch Hofer war vor allem zuletzt hin- und hergerissen, sehr unschlüssig und ließ sich von den ‚Falken‘ trotz Friedensangeboten überreden, weiter zu kämpfen. Dies hat dann zur tragischen Niederlage der Tiroler im November, Dezember 1809 geführt."

Jedes Jahr zum Todestag Hofers am 20. Februar werden nach einer Kranzniederlegung am Andreas-Hofer-Denkmal am Bergisel und einem Gedenkgottesdienst die "Ehrenzeichen des Landes Tirol" an im Land und für das Land engagierte Persönlichkeiten verliehen. Gestaltet ist das Ehrenzeichen nach der goldenen Ehrenkette, die Andreas Hofer nach dem Sieg am Bergisel vom Kaiser erhielt.

Heuer gehörte zu den mit dem Ehrenzeichen ausgezeichneten Personen die Südtiroler Bergsteigerlegende Reinhold Messner. Laut Historikerin Mazohl schauen Nord- und Südtirol aber mittlerweile unterschiedlich auf 1809 und die Person Andreas Hofer, und die Nord-Tiroler hätten bei ihrer Fortsetzung der Erfindung des Tirolers aus den damaligen Ereignissen heraus ihre südlichen "Artgenossen" verloren. Besonders deutlich zeigte sich das, sagt Mazohl, beim Festumzug 2009 in Innsbruck, "wo die Traditionsverbände aufmarschiert sind, als ob es die zahlreichen neueren historischen Arbeiten, die zum Jubiläumsjahr erschienen sind, nicht gegeben hätte".

Differenzierte Sicht

Im Unterschied dazu habe sich 2009 in Südtirol nicht so einhellig jubelnd abgespielt und das Jubiläum sei viel vorsichtiger gehandhabt worden: "In Südtirol war sehr viel weniger Hurra-Patriotismus zu bemerken und sehr viel mehr Bereitschaft, neuere wissenschaftliche Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen." Als Beispiel nennt Mazohl das Museum Sandhof in Passeier und die dort gezeigte "sehr differenzierte Sicht auf diese Zeit".

Innsbruck, 2009: Die Schützen marschieren auf. 
- © Erhebung, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Innsbruck, 2009: Die Schützen marschieren auf.

- © Erhebung, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Was wohl der Altösterreich-Wanderer und Sandwirt-Besucher Joseph Kyselak dazu sagen würde? Entsetzt, erbost, dass sein Held Hofer nicht nur am Sockel steht, sondern auch auf unsicherem Boden suchend, zögernd gezeigt wird? Oder ließe sich Kyselak von der heutigen Frage in der Geschichtswissenschaft leiten, wie mit dem, was passiert ist, später umgegangen wurde? "Das nennt man Erinnerungskultur", sagt Mazohl und schlägt vor: "Diese könnte eine Brücke sein, die Wissenschaft und die Traditionsvereine - und ihre Gedenkkultur - miteinander ins Gespräch zu bringen, damit nicht weiterhin so getan wird, als ob es die 200 Jahre seit 1809 nicht gegeben hätte."

Als Ziel dieser Erinnerungskultur nennt Mazohl, "dass anstelle der Klischees, die überall bis heute wirkmächtig sind, das gemeinsame Menschen- und Völkerverbindende betont wird, das nötig ist, um auf diesem Planeten überleben zu können - und nicht weiterhin angebliche Einzigartigkeiten und Sonderrollen gegeneinander in Stellung gebracht werden".