Triest - für viele Österreicher hat diese Stadt etwas Besonderes, beinahe Mystisches. Erinnerungen an habsburgische Grandezza unter der Sonne des Mittelmeers werden wach und bis heute ist die Stadt das Verbindungsstück zwischen Mittelmeer und Mitteleuropa. Und ja, man weiß, dass Triest der größte Hafen der k.u.k. Monarchie und für das Kaiserreich das Tor zur Welt war. Weniger bekannt ist eine Episode aus der Geschichte der Stadt, die vor 75 Jahren begann. Triest und sein Umland wurden damals auf Geheiß der Alliierten ein Freies Territorium, dem aber keine lange Dauer beschieden war.

Ein Blick zurück: Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam es an der Adria zu einem Wettlauf zwischen jugoslawischen und britischen Truppen. Ziel war die Stadt Triest, und die Jugoslawen entschieden dieses Rennen für sich. Am 1. Mai 1945 zogen sie in der Stadt ein und proklamierten den Anschluss von Triest an Jugoslawien. Doch es war ein kurzer Triumph, der nur fünf Wochen dauern sollte. Im Juni 1945 legte ein Abkommen zwischen den USA, Großbritannien und Tito eine neue Demarkationslinie fest, die Jugoslawen zogen ab und Triest kam unter die Verwaltung der beiden Großmächte.

Bald darauf war der Status der Stadt ein umstrittenes Thema in Paris, wo über einen Friedensvertrag mit Italien verhandelt wurde. Bei diesen Gesprächen wurde der künftige Status von Triest bald zu einem Streitpunkt zwischen Italien und Jugoslawien, aber auch zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion.

Ein Streitfall

Die Stadt hatte seit dem Jahr 1392 zur Habsburgermonarchie gehört und fiel nach dem Ersten Weltkrieg samt der Halbinsel Istrien an Italien. Schon damals war Triest ein Streitfall, denn die Stadt selbst war überwiegend von Italienern bewohnt, in den umliegenden Gemeinden lebten aber mehrheitlich Slowenen. 25 Jahre und einen Weltkrieg später wurde im Jahr 1945 die Frage, was mit der Stadt und ihrem Hinterland passieren solle, zum ersten diplomatischen Konflikt zwischen den vier Alliierten, die noch kurz zuvor gemeinsam gekämpft hatten.

Die Regierung in Belgrad verwies auf die slawische Bevölkerungsmehrheit der gesamten Region und forderte deswegen ihre Eingliederung in Jugoslawien. Unterstützung für diesen Plan kam aus Moskau, denn dort wollte man Triest wieder - wie es die Stadt in ihrer Geschichte immer schon gewesen war - zum wichtigsten Hafen für das nun kommunistische Mitteleuropa machen.

Italien vertrat hingegen den Standpunkt, dass die Mehrheit der Bevölkerung der Stadt Italiener waren und dass Triest, unabhängig von der staatlichen Zugehörigkeit, stets zur italienischen Kultur gehört hatte. Beide Punkte sprachen nach Ansicht der Regierung in Rom dafür, dass Triest ein Teil Italiens bleiben sollte. Auch Großbritannien und die USA waren dieser Meinung, denn sie wollten Triest für die westliche Hemisphäre sichern und den Zugang der kommunistischen Staaten zur Adria begrenzen.

Keine der Seiten wollte in diesem Streit nachgeben und die Verhandlungen über den Friedensvertrag mit Italien kamen nicht voran, weil sie sich an der Frage von Triest spießten. Der französische Außenminister Georges Bidault schlug schließlich im Juni 1946 einen Ausweg vor: Weder Italien noch Jugoslawien sollte Triest bekommen, vielmehr das Gebiet internationalisiert werden. Der französische Kompromiss sah die Schaffung eines Mikrostaats an der Adria vor und der Sicherheitsrat der damals noch sehr jungen Vereinten Nationen sollte die territoriale Integrität dieses neuen Gebietes garantieren.

Die Bewohner von Triest wurden erst gar nicht nach ihrer Meinung gefragt, aber die Regierungen in Rom und Belgrad waren sich nun endlich in einem Punkt einig: Beide lehnten nämlich diese Lösung ab. Die Alliierten zogen diesen Plan trotzdem durch und im Jänner 1947 bestätigte der Sicherheitsrat der UNO, dass er die Aufgabe, über Triest zu wachen, übernehmen würde.

Die beiden Zonen des Freien Territoriums. 
- © Gemeinfrei / via Wikimedia Commons

Die beiden Zonen des Freien Territoriums.

- © Gemeinfrei / via Wikimedia Commons

Nun stand zumindest dem Friedensvertrag mit Italien nichts mehr im Wege und er konnte im Februar 1947 unterzeichnet werden. Artikel 21 dieses Vertrags sah die Gründung eines "Freien Territoriums von Triest" vor, ein Anhang zum Friedensvertrag enthielt genauere Regelungen, was mit diesem Gebiet geschehen sollte. Darin war vorgesehen, dass die UNO einen Gouverneur für das Territorium ernennen sollte.

Bis es so weit war, wurde das Gebiet in zwei Zonen geteilt. Die Stadt selbst sowie ein schmaler Küstenstreifen bis nach Duino wurden als Zone A von britischen und US-amerikanischen Soldaten besetzt. Die Zone B begann südlich von Triest und erstreckte sich bis zur Stadt Novigrad auf der Halbinsel Istrien, sie wurde von Jugoslawien verwaltet.

Es war ein kleines Territorium, das hier geschaffen wurde, gerade einmal 738 Quadratkilometer groß, mit rund 320.000 Einwohnern. Es war neutral und demilitarisiert, Italienisch und Slowenischen waren seine Sprachen, das Kroatische sollte später als dritte Sprache zugelassen werden. An der Spitze dieses Gebiets stand ein Gouverneur, der von den Vereinten Nationen für die Periode von fünf Jahren eingesetzt wurde. Zwar mussten die italienische und die jugoslawische Regierung bei der Auswahl des Gouverneurs einbezogen werden, er selbst durfte aber nicht Bürger eines der beiden Staaten sein.

Beschränkt souverän

Die Aufgaben des Gouverneurs waren, die Einhaltung des Statutes des Territoriums sicherzustellen und für innere Sicherheit zu sorgen. Nach dem Statut sollten alle Bürgerinnen und Bürger des Territoriums ein Parlament wählen, das wiederum die Regierung bestimmte. Der Gouverneur durfte zwar nicht in die Gesetzgebung eingreifen, ohne seine Zustimmung konnte aber auch kein Gesetz in Kraft treten. Um das wirtschaftliche Überleben sicherzustellen, wurde ein Freihafen in Triest eingerichtet. Schließlich erhielt das Territorium als Symbole seiner Staatlichkeit noch eine eigene Flagge und ein Wappen.

Das Wappen des Freien Territoriums Triest. 
- © User:PM / Public domain / via Wikimedia Commons

Das Wappen des Freien Territoriums Triest.

- © User:PM / Public domain / via Wikimedia Commons

Mit der Eigenständigkeit und Unabhängigkeit des Freien Territoriums war es dann doch nicht so weit her. Es entstand ein Mischmasch, in dem die Nachbarstaaten Italien und Jugoslawien sowie die Großmächte Großbritannien und USA ihren Einfluss in Triest sichern wollten. Als Währung galt vorerst die italienische Lira, die Eisenbahn sollte von den italienischen und jugoslawischen Bahngesellschaften betrieben werden, und schließlich durften Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Jugoslawien jeweils bis zu 5.000 Soldaten im Territorium stationieren.

Die US-Truppen genossen jedenfalls die Stationierung an der Adria und vor allem ihre Kommandozentrale im prächtigen Schloss Miramare. In einer Soldatenzeitschrift dieser Zeit heißt es: "Das Hauptquartier ist wohl das luxuriöseste der US Army. Sogar altgediente Veteranen, die Miramare betreten, starren mit offenem Mund auf die Pracht des Schlosses, wie Kinder, die zum ersten Mal einen Zoo besuchen."

Es bildete sich bald eine Partei, die mit den Regelungen der Alliierten unzufrieden war und die noch einen Schritt weiter gehen wollte, denn sie forderte die Ausrufung eines völlig unabhängigen Staates Triest. Dieser Wunsch nach einem eigenständigen Mikrostaat an der Adria wurde nie Wirklichkeit, es konnte sich nicht einmal das Freie Territorium wirklich etablieren. Das größte Hindernis dafür war, dass sich die Großmächte im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gegenseitig blockierten und sich auf keinen Gouverneur einigen konnten. Die entscheidende Instanz im Territorium wurde also nie besetzt und damit war das gesamte Vorhaben zum Scheitern verurteilt.

An der Grenze zu Italien. 
- © Aarska / Public domain / via Wikimedia Commons

An der Grenze zu Italien.

- © Aarska / Public domain / via Wikimedia Commons

Auch eine eigenständige Verwaltung des Territoriums konnte nicht eingerichtet werden. In der britisch-amerikanisch besetzten Zone A kamen immer mehr italienischen Zivilbeamte zum Einsatz, in der Zone B wurde der jugoslawische Einfluss immer größer. Jahre später hatte der Sicherheitsrat wegen der anhaltenden Blockade noch immer keinen Gouverneur ernannt und das Freie Territorium war weiter in der Schwebe. Um die Administration des Gebietes zu erleichtern, einigten sich im Oktober 1954 die USA, Großbritannien, Italien und Jugoslawien darauf, dass die USA und Großbritannien aus der Zone A abziehen und die gesamte Verwaltung an Italien übergeben sollten. Die Zone B sollte weiterhin von Jugoslawien verwaltet werden.

Damit waren Tatsachen geschaffen worden und die Geschichte des Freien Territoriums ging dem Ende zu, ehe sie wirklich begonnen hatte. In der Verfassung von 1963 wurde Triest als Teil des italienischen Staates betrachtet und zwölf Jahre später unterzeichneten Jugoslawien und Italien einen Vertrag über die Grenzziehung zwischen den beiden Staaten. Mitten im Kalten Krieg hatten die Regierungen in Rom und Belgrad in diesem Vertrag eine Lösung gefunden, mit der beide leben konnten.

Doch eigenständig?

Das Gebiet des geplanten Freien Territoriums gehört heute zu Italien, Slowenien und Kroatien. Seitdem alle drei Staaten Mitglieder der Europäischen Union sind, hat sich im alltäglichen Leben in der Region vieles vereinfacht und der Status quo der Stadt wird nicht in Frage gestellt.

Dennoch vertreten bis heute einige Aktivisten - etwa der Movimento Trieste Libera - die Meinung, dass Triest zu Unrecht ein Teil des italienischen Staates sei, und fordern deswegen, dass das Freie Territorium wiederhergestellt werden soll. Bei den letzten Bürgermeisterwahlen in Triest im Jahr 2021 stimmten etwas mehr als 1.000 Personen für den Kandidaten der "Föderation für die Unabhängigkeit des freien Territoriums von Triest", das waren gerade 1,4 Prozent aller Wahlberechtigten.

Die Bestrebungen nach der Wiederherstellung des Freien Territoriums Triest bleiben also das Programm einer sehr kleinen Minderheit. Solche Aktivisten waren es auch, die sich im Jahr 2017 geweigert hatten, Steuern an den italienischen Staat zu zahlen, weil sie ihrer Meinung nach keine Italiener, sondern Bürger des Freien Territoriums Triest sind. Im März 2022 wies der Oberste Gerichtshof Italiens diese Ansprüche ab; in seinem Urteil heißt es, dass das Freie Territorium Triest "in einem juristischen Sinn nie existiert hat und nicht existiert".